Donnerstag, 30. November 2017

Vor zwanzig Jahren: mein erster feuilletontauglicher Übersetzungsauftrag

1997, ich war vierunddreißig Jahre alt und hatte gerade erst mit einer Fantasy-Trilogie und einem historischen Krimi bewiesen, dass ich überhaupt auch nur abdruckbar übersetzen konnte, da saß ich auch schon für DVA an einer "mit Esprit geschrieben[en]" Biografie über Yves Saint Laurent, verfasst von der renommierten britischen Designkritikerin Alice Rawsthorn.

Das kam durchaus überraschend.

Auch für DVA.

Der Auftrag war bereits an jemand anders vergeben worden, der jedoch mit dem Stil der Autorin so wenig zurecht kam, dass der Verlag irgendwann die Notbremse zog und die Übersetzung, obwohl sich die Übersetzungskosten damit nahezu verdoppeln würden und der Veröffentlichungstermin schon nahe bevorstand, lieber neu vergab.

Da kam ich ins Spiel. Beim Berliner Übersetzerstammtisch fragte ein sehr gefragter Kollege, dem das Buch angeboten worden war, ob gerade jemand Zeit hätte und sich das zutrauen würde.

Ich hatte, und ich traute mich. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber Mode beziehungsweise die Kultur der Bekleidung finde ich schon immer faszinierend.

Meine Probeübersetzung überzeugte, der zuständige Lektor wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich fing an, mir die Haare zu raufen.

1997 - das war, liebe Kinder, vier Jahre vor Wikipedia. Man schrieb sich im Geschäftsverkehr zumeist noch Briefe und faxte diese, wenn es eilig war. Man telefonierte mit wildfremden Leuten, ohne sich vorher zu schreiben.

Ich hatte nicht studiert, ich hatte nicht mal mein Abi gemacht, und nun durfte ich mich auf die Schnelle mit wissenschaftlicher Recherche vertraut machen - oder vielmehr mit dem, was ich dafür hielt. Jedenfalls: Bibliotheksgänge, Anfragen bei Fachleuten, lauter aufregende Sachen für den Böhmert Frank. Die hunderte Fußnoten, die übersetzt werden wollten, grausten mich in der täglichen Arbeit mindestens genauso wie der anspielungsreiche, gewitzte Plauderton.

Aber es war auch eine faszinierende Arbeit, denn: Ein Buch zu übersetzen, ist immer auch ein kleines persönliches Forschungsprojekt. Man lernt jedes Mal viel!

Ich lernte, ich feilte, ich raufte mir die Haare. Ich feilte noch mehr und lieferte ab.

Und nach einem ebenso gründlichen wie erfreulichen Lektoratsdurchlauf (für die eigentlich obligatorischen zwei fehlte die Zeit) kam sie 1998 dann heraus, meine erste feuilletontaugliche Übersetzung:


"Mit Esprit geschrieben", hieß es damals in einer Rezension, und das heftete ich mir doch gern an die Brust.


Moral von der Geschicht: Geht zu Stammtischen, fahrt zu Seminaren und Branchentreffen! Ihr mögt euch als Berufsanfänger da klein und doof vorkommen - doch die meisten Kolleginnen und Kollegen sind nett und helfen gern, auch mal mit Aufträgen oder Akquisetipps. Das ist nicht nur eigenes Erleben, das höre ich immer wieder.

1 Kommentar:

RoM hat gesagt…

Salut, Frank.
Ich denke, bei Zeilen wie den Deinen, immer gernst an das Mantra der Fortschrittsenthusiasten, wir ständen unmittelbar davor, dass Computer Sprache(n) verstehen. Freizügig ausklammernd, dass eine Sprache mehr als eine Summe aus Vokabeln & Grammatik ist.
Bekanntlich lässt sich ein Computer mit dem Wesen von Ironie matt setzen. :-)

Von daher, Hut ab für das Handwerk des Übersetzens!

bonté