Dienstag, 31. Oktober 2017

Vor dreißig Jahren: Ich schreibe einen persönlichen Klassiker

Als Autor wirst du ja nicht unbedingt für die Geschichten gelobt, die du selbst am besten findest. Das geht den Großen so, siehe Arthur Conan Doyle, der seinen Sherlock Holmes nie sonderlich schätzte, oder Michael Moorcock, der seine Elric-Romane laut Umfeld betrunken und mit Verachtung herunterhackte, das geht auch einem ewigen Geheimtipp wie mir so. "Harry will Walross werden" und "Brüderlein und Schwesterlein", meine beiden erfolgreichsten Kurzgeschichten, die mir bis heute jeweils knapp fünfstellige Beträge eingebracht haben, waren eigentlich nur Fingerübungen.

Manchmal aber schreibst du was und denkst, hey, da habe ich jetzt aber alles, was ich kann, reingepackt, und dann sehen die Leute draußen das auch so. Großartiger Glücksmoment.

Bei mir war das so mit der Erzählung "Das Lager", die ich 1987 als Mittzwanziger schrieb - glatte drei Jahre, nachdem ich meinen Lagerarbeiterjob gekündigt hatte. Manche Erfahrungen wollen erst mal verdaut und durchdacht werden, bevor sie die Grundierung für eine Fiktion bilden können.

Die Geschichte erschien zunächst, damals noch unter dem Titel "Willkommen in der Wirklichkeit", in Carsten Scheibes und Norbert Schulz' inzwischen legendärem Horrorfanzine TALES bzw. NACHTSCHATTEN und wurde in der darauffolgenden Ausgabe wild auf den Leserbriefseiten diskutiert. Noch heute wird oft diese Geschichte als Highlight genannt, wenn sich mal wieder Leute über große Fanzines unterhalten und dann auf TALES/NACHTSCHATTEN zu sprechen kommen.

1995 erschien sie in einem Erzählungsdoppelband bei der Edition Casablanca, illustriert von Bryin Abraham ...


.... und 2009 in der Sammlung meiner besten Geschichten EIN ABEND BEIM CHINESEN.


Dreißig Jahre ist es jetzt her, dass ich die erste Szene in die elektrische Schreibmaschine hämmerte, und ich finde sie immer noch dicht und auf genau die richtige vage Weise beklemmend:

Erstes Kapitel:
Harry hat einen Arbeitsplatz

"Sag mal, wo ist er denn jetzt schon wieder?"

"Weiß nicht, vorhin war er hinten, Collies zerkloppen ..."

"Na, lass uns mal erst 'nen kleinen Stick einziehen."

Harry stand, zwischen Metall und Beton geklemmt, im Halbschatten und beobachtete, wie die beiden an ihm vorbeizogen. Er lauschte ihnen nach. Dann wuchtete er die Kartons zur Seite - Auorelais, gute, muskelschwere Pakete, machte immer Spaß, die Dinger einzulagern - und leise, leise trat er hinaus auf den Gang.

Als E-Book ist der ABEND auf der Plattform eures Vertrauens zu haben, im Print derzeit nur antiquarisch.

Hannes Riffel, heute Programmchef von Fischer Tor, kommentierte die Erzählung in seinem Vorwort so:

"Arbeitsweltpersiflagen wie 'Die Hubschrauber' und 'Das Lager', beides längere Texte, [...] zeigen, dass Frank wohl so manches am eigenen Leib erfahren hat"

Ein paar Jahre später habe ich versucht, aus dem Stoff einen Roman zu machen, das Projekt aber nach knapp hundert Seiten aufgegeben. Zu redundant wurde das Ganze und die Wucht verwässert. Inzwischen ist das Fragment längst weggeworfen, bestimmt vor zwanzig Jahren schon.

Die Geschichte aber ist immer noch da, und manche Leute haben sie nach all den Jahren immer noch im Kopf.


P.S. Und wie sah der Autor damals so aus? Voll seriös natürlich! :-D