Dienstag, 4. Juli 2017

London, 1984: Wie ich das erste Mal im Freien schlief



Ich weiß nicht mehr, in welchem Park die Jugendherberge lag, in der meine beiden westdeutschen Freunde aufschlagen wollten, sobald sie den Weg per Fähre und Bahn nach London geschafft hatten. Als Westberliner mit ordentlich Ersparnissen aus anderthalb Jahren Vollzeit-Bürojob gönnte ich mir jedenfalls einen Flug und kam einige Stunden früher bei der Jugendherberge an.

Zum ersten Mal in London, und dann zockelte ich gleich allein durch die Straßen! Ein herrliches Gefühl von Freiheit, wie überhaupt das ganze Jahr schon ein freies gewesen war. Nach Schule, Berufsausbildung und Angestelltendasein hatte ich zum Ende des vergangenen Jahres meinen Job gekündigt und lebte von den 14.000 DM, die ich angespart hatte. Ich war anderthalb Monate auf Sri Lanka gewesen, war dabei, mit einem Freund eine WG zu gründen, schrieb Kurzgeschichten und reiste viel durch Deutschland.

Als Peter und Viktor bei der Jugendherberge ankamen, hatte ich mich schon schlau gemacht: "Ist alles ausgebucht."

"Wir haben reserviert", sagten sie.

Allerdings nur für zwei, wie sich heraussstellte. Heute finde ich das komisch, wie auch die beiden sich wahrscheinlich darüber wundern dürften, aber damals war ich Anfang zwanzig, waren sie sogar noch Teenager, und in dem Alter ist man noch nicht so fit, was Logistik und Für-andere-mitdenken angeht. Zum Glück, manchmal.

"Was machst du denn jetzt? Willst du's noch woanders probieren?"

"Da isses bestimmt auch voll. Ich schlaf einfach gegenüber von der Herberge im Park. Hab mir schon eine Stelle ausgeguckt."

Ich zeigte sie ihnen. Auf der anderen Seite des asphaltierten Parkwegs kam, hinter einer niedrigen Wegbegrenzung, ein kleines Gehölz. Irgendwelche Nadelbäume, niedrige Büsche davor und innendrin ein efeuüberwuchertes Fleckchen, auf das bequem ein Schlafsack passte.

"Okay", sagten sie und nickten. Es klang leicht skeptisch, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, denn ich war durchaus nervös.

Die britische Großstadtnatur machte mir dabei wenig Angst. Ich war ja wie gesagt gerade erst auf Sri Lanka gewesen, und dort hatte es von ganz anderen Viechern gewimmelt als von Spinnen, Ratten und Tauben und vielleicht einem gelegentlichen Fuchs. Einmal war ich dort einem psychedelisch bunten Hundertfüßler begegnet, dem giftigsten Tier der ceylonesischen Fauna. Ein andermal hatte bei den Gastgebern ein hässliches Insekt neben einem gerahmten Bild an der Wand gesessen, und dann war hinter dem Bild ein noch hässlicheres Insekt hervorgekrabbelt und hatte das andere gefressen. In dieser Hinsicht war ich also abgehärtet.

Vor der Welt hatte ich nie besonders viel Angst gehabt, hatte mich im Gegenteil fast immer in ihr aufgehoben gefühlt, wohl aber vor den Menschen. Menschen, Fremde zumal, waren unberechenbar und wurden von den merkwürdigsten Leidenschaften angetrieben.

Deshalb wollte ich nicht auf einem Wiesenstück lagern, obwohl mir das von der Natur her viel besser gepasst hätte, sondern in diesem schlecht einsehbaren Gehölz.

Irgendwann wurde es dunkel, und ich verabschiedete mich für die Nacht von meinen Freunden und der hellen, trockenen Jugendherberge und richtete mich in meinem Versteck ein. Natürlich war ich für Nächte im Freien gar nicht gerüstet; waren wir alle drei nicht. Ich hatte einen Schlafsack und einen Seesack dabei, beides aus Bundeswehrbeständen gebraucht gekauft und nicht auch nur für eine Minute wasserdicht. Kein Tarp zum Biwakieren, nicht mal ein Stück Plastikplane. So weit hatte ich einfach nicht gedacht.

Nun lag ich da in meinem Schlafsack direkt auf dem Efeu, ein Stück des Seesacks zum Kopfkissen zurechtgeknautscht, und wartete darauf, dass ich einschlief. Ich war mir der riesigen fremden Stadt, die erkundet werden wollte, sehr bewusst, lauschte auf ihre fernen Geräusche, sah zum Himmel hoch, den ich nur vage zwischen den Bäumen ausmachen konnte, eine graue Fläche.

Ein paar Mücken nervten, ab und zu pitschte ein Tropfen auf ein Blatt oder auf meinen Schlafsack, doch es fing nie richtig an zu regnen.

Manchmal schreckte ich hoch, meist wenn Leute fünf Meter von mir entfernt auf dem Parkweg vorbeigingen. Niemand bemerkte mich dort in meinem Gehölz, davor schützte mich wohl auch das Licht der Jugendherberge, das die Leute nachtblind machte.

Irgendwann kehrte Ruhe ein, draußen im Park und drinnen in mir, und ich schlief. Flach zwar nur, wie ein Tier wohl, weil es irgendwann klamm wurde und kühl, doch es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit und In-der-Welt-sein statt in irgendeiner Blase.

Sehr früh wachte ich auf, es war kaum hell, und als ich mich aufsetzte, sah ich nicht nur den glänzenden Morgentau überall um mich herum, sondern auch, was in der Nacht immer wieder so gepitscht hatte.

Nicht Regentropfen.

Ich hatte mein Lager unter einem Baum aufgeschlagen, der von Vögeln bewohnt war: Sie hatten mir das Fußende des Schlafsacks vollgekackt.

Und das war auch schon alles, was mir in meiner ersten Nacht allein im Freien in einer fremden Stadt im Park an "Schlechtem" passiert war.

Paar Mückenstiche, bisschen Vogelkacke.

Ich saß dort still und friedlich auf meinem Schlafsack und genoss das Gefühl, ein Teil des Parks zu sein, genauso unbemerkt und dampfend feucht wie die Pflanzen und die kleinen Viecher um mich herum, und irgendwann ging ich rüber in die Jugendherberge, um mal zu schauen, ob schon ein Frühstück zu bekommen war.

(Ein anderes Gehölz, eine ähnliche Stimmung. Foto: Peter Müller oder Viktor Pavel - wenn ich das noch wüsste!)

***

Nachtrag vom 05.07. - Mal wieder ein Beispiel, warum manche Leute so gern von morphischen Feldern sprechen: Einen Tag nach dem Schreiben des Blogeintrags stoße ich auf folgendes Zitat von Robert Jungk.

Ich gehe in dem Versuch, dieses Ursprüngliche wiederzufinden, gelegentlich, wenn es Nacht ist, in solche Kulturlandschaften, in Wälder hinein. Da sind dann keine Menschen mehr. Da kriegt man die Angst wieder. Da muß man genau hören, denn da sind die Tiere wieder, die sich in der Nacht hervorwagen. Es gibt auch ein völlig anderes Gefühl, z. B. auf der Haut. Man spürt den Wind und am Morgen den Tau.

Quelle unbekannt, hier zitiert nach Toubab Pippa (Hg.), "ES IST ZWEIFELHAFT, OB ES ÜBERHAUPT FEINDE GIBT!" (Der Grüne Zweig 269), Seite 17

Kommentare:

Jasper hat gesagt…

Wunderbar!

Anonym hat gesagt…

Hallo Frank,

danke für deinen Blog-Eintrag!

Das weckt ähnliche Erinnerungen in mir von unverhofft im Freien verbrachten Nächten. Mal in Frankreich in der Wildnis, mal in England irgendwo neben einer Durchgangsstraße...
Die seltsamen Geräusche der Tiere, Wind, pieksender Untergrund. Der offene, freie Himmel über einem. Die Verbundenheit mit der Natur ringsum, die dennoch etwas Beängstigendes hat. Einmal morgens eine fiese beißende Kälte. Und dieses Gefühl von Freiheit, das mit keinem Geld der Welt zu kaufen ist. Die plötzliche Erkenntnis, dass man im Leben mit viel weniger auskommen kann, dass man fast überall einfach so im Freien übernachten kann, befreit von Kochgeschirr und Zelt...



Frank Böhmert hat gesagt…

Du sagst es, Anonym!

Johannes Kreis hat gesagt…

Da könnte ich auch so manche Geschichte erzählen. Zum Glück ist die griechische Fauna nicht gar so exotisch. Ganz im Gegensatz zu den Leuten, denen man als Rucksacktourist zwangsläufig begegnet! Heute mache ich sowas nicht mehr. Wenn man erstmal über 40 ist...

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich liebe solche Geschichten, Kringel! Das sind die menschengroßen Abenteuer, ohne Mord und Totschlag und endlos ausgedehnte Actionsequenzen ...

RoM hat gesagt…

Salut, Frank.
Nicht von ungefähr gehört das berühmte "Dach über dem Kopf" zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Existenz; bei solchen Nächtigungen wird einem dies durchaus bewusst.
Das Campieren am Busen der Natur war jetzt allerdings nie mein Ding. An einem Colonia-Con schlief ich in der Tat einmal in einem Mannschaftszelt - die naheste Erfahrung noch. Wobei ich mit durchlaberten Nächten, an unterfränkischen Lagerfeuern, dann doch aufwarten kann.

Da konntest Du von Glück sagen, dass die Vögel über dem Fußende schliefen. :-)

Was das Verhältnis Mensch/Natur angeht, könnte der Cineast in mir jetzt den Film 'Der Wunderbare Garten der Bella Brown' anempfehlen.

bonté