Mittwoch, 12. Juli 2017

Lesetipps in Sachen aktuelle Science Fiction

Karl Nagel bedankte sich neulich für ein geschenktes Belegexemplar von Daryl Gregorys AFTERPARTY in meiner Übersetzung und fügte hinzu:

Noch was: Ich bin für Lesetipps immer dankbar. Wenn ich vor dem SF-Regal meiner Buchhandlung stehe, bin ich meist ziemlich ratlos. Das meiste interessiert mich nicht. Ein Blick auf den Klappentext, und ... NEEE! Sternenreiche, monströse Raumschiffe, Reihen, Fantasy, geht mir alles am Arsch vorbei. Deshalb greife ich immer wieder auf altes Zeugs zurück. Zuletzt "Es stirbt in mir" von Silverberg. Ich weiß, daß vieles in kleineren Verlagen erscheint, aber da fehlt mir der Überblick.

Bevor ich diese Frage an euch weitergebe, damit ihr in den Kommentaren euren Senf dazugeben könnt, spaziere ich kurz mal durch meine Handbibliothek und präsentiere die Höhepunkte der letzten Jahre:

  • SOMETHING COMING THROUGH von Paul McAuley habe ich inzwischen zum zweiten Mal gelesen, und der knackige britische SF-Krimi aus dem Jahr 2015 gefällt mir immer noch sehr gut: Aliens sind zur Erde gekommen und haben der gebeutelten Menschheit Zugang zu fünfzehn Welten geschenkt, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen kann. Sehr freundlich, sehr hilfreich, doch erstens nehmen die Menschen ihre ganze fehlerbehaftete Geschichte mit, und zweitens "dringt etwas durch", sprich: Alien-Meme verwirren zusätzlich. Inzwischen hat McAuley einen weiteren Roman um diese Aliens folgen lassen; den habe ich aber noch nicht gelesen, und er scheint nur locker mit SOMETHING verknüpft zu sein. Eine deutsche Übersetzung ist nicht in Sicht.
  • THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE von Phillip Mann erschien 2013, und ich habe den neuseeländischen Roman ebenfalls bereits zum zweiten Mal mit Genuss gelesen. Einer der schönsten und am besten konstruierten SF-Romane, die ich kenne! Ein Planet wird von Siedlern wieder aufgegeben, weil seine Fauna beständig feindseliger und giftiger wird. Nicht alle sind mit diesem "Rückbau des Paradieses" einverstanden, und so unternehmen wir eine immer schamanischere Züge annehmende Reise durch eine wieder menschenleere Welt. Ein Reiseroman, eine Liebesgeschichte, eine politische Erzählung. Komplex erdacht, mit leichter Hand erzählt. Für mich ein völlig unterschätztes Meisterwerk.
  • DAS UNIVERSUM NACH LANDAU von Karsten Kruschel, erschienen 2016 bei Wurdack, bündelt Kurzgeschichten vor gleichem Hintergrund. Kruschel ist für mich innerhalb der SF der einzige DDR-Autor, der erst nach dem Mauerfall seine richtig guten Sachen geschrieben hat. An den SF-Klassikern geschult, erzählt er straff und knackig seine Geschichten, mit einem Herz für Außenseiter, mit Lust an Pointen, ohne die Psychologie und Soziologie zu vergessen, mit Bildgewalt. Da spüre ich beim Lesen mein zwölfjähriges Herz wieder, ohne mich mit Nostalgie selbst verarschen zu müssen. Auch unser Vierzehnjähriger war davon sehr angetan. Drei in demselben Universum angesiedelte Romane liegen bereits vor.
  • Becky Chambers gab mit DER LANGE WEG ZU EINEM KLEINEN ZORNIGEN PLANETEN (USA 2014) eine Star-Trek-Variante zum Besten, die jemandem wie mir, dem Star Trek immer zu brav und angepasst und politisch korrekt war, großen Spaß gemacht hat: Wir begleiten eine multikulturelle Crew auf ihrem Flug in einer, hm, ich nenn's mal: bewohnbaren Bohrmaschine durchs All. Es gibt in der SF-Literatur wenige Welten, in die ich sofort würde reisen wollen: Das hier ist eine davon. Dabei geht es für jede Figur irgendwann ans Eingemachte, und doch ist es unterm Strich sogar ein heiterer Roman. Ein weiteres Buch aus diesem Universum liegt vor, hat aber andere Hauptfiguren.
  • Sylvain Neuvels GIANTS - SIE SIND ERWACHT (CAN 2016) dreht sich um einen irren archäologischen Fund, nämlich die seit sechstausend Jahren in der Erde liegende Hand eines Riesenroboters. Diese Mischung zwischen wissenschaftlichem Rätsel und Polit-Thriller besteht komplett aus Gesprächsprotokollen, was einen ganz eigenen Sog und einen befremdlichen Eindruck von Auslassungen erzeugt. Faszinierend! Eine Fortsetzung ist inzwischen erschienen, die habe ich mir aber verkniffen, weil ich mir davon nichts mehr verspreche.

Soweit mal meine fünf Lesehöhepunkte aktueller SF.

Jetzt gebe ich Karls Frage an euch weiter: Welche Tipps habt ihr auf Lager? Bitte daran denken: keine Sternenreiche, Riesenraumschiffe, Reihen, Fantasy - eher etwas, was neben Klassikern wie Robert Silverberg bestehen kann ...

Kommentare:

Stefan Doepner hat gesagt…

Wen ich ziemlich beindruckend, teils auch verwirrend fand (is aber auch schon lange her) ist Cordwainer Smith. werd ich glaub ich gleich mal wieder lesen...

Frank Böhmert hat gesagt…

Cordwainer Smith' Geschichten sind zwar nix Aktuelles, erschienen in den 1950ern und 1960ern, aber dafür wirklich einzigartig. Werde ich irgendwann auch noch mal lesen!

Sezza hat gesagt…

Bei neueren Sachen geht mir das meist genauso, aber ich habe einen Vorteil: ich handele mit dem Zeug und hab das Lager voll und obwohl ich schon viel gelesen habe, finde ich doch immer wieder ältere Perlen.

Und ich empfehle trotzdem mal Teile eines Zyklus: Homanx von Alan Dean Foster.

Die einzelnen Bücher kann man unabhängig voneinander lesen, da sie nur locker zusammen hängen, nur halt im gleichen "Universum" spielen. Momentan lese ich Teil 2 der nachgeschobenen frühen Homanx-Trilogie. Thema ist die Gründung des Homanx-Commonwealth. Thematisch schließen die Bücher an das wesentlich früher erschienene "Auch keine Tränen aus Kristall" an. Gemein ist aber allen, dass es sich um jeweils abgeschlossene Geschichten handelt. Von daher also auch empfehlendswert.

1: Die Außenseiter
2: Klagelied der Sterne
3: Das Dorn-Projekt
alle bei Bastei erschienen.

Herausragend aus dem gleichen Zyklus ist "Cachalot" bei Heyne. Die Wale der alten Erde sind umgesiedelt worden auf einen eigenen Planeten und haben Intelligenz entwickelt. Die früheren Jagden auf sie haben traumatisches bei ihnen hinterlassen.

Und, obwohl ich Fantasy nicht so mag, die ersten 4 Teile des Bannsänger-Zyklus (auch Alan Dean Foster), eine abgedrehte Mischung aus Muppetshow und Alice im Wunderland. Zwei weitere Teile muss man nicht wirklich lesen und zwei Teile mit dem Sohn des Bannsängers auch nicht.

Aus letztenren vier Büchern würde ich gerne ein Musikprojekt machen, scheitert aber wohl an der Komplexität des Projekts - aber wer weiß...

Frank Böhmert hat gesagt…

Ihr Räuber! Altes Zeugs empfehlen, wo es doch um aktuelle SF geht ...

Pogopuschel hat gesagt…

Mein Tipp ist der südafrikanische Cyberpunkroman "Moxyland" von Lauren Beukes. Auf meinem Blog habe ich ihn ausführlicher besprochen: https://translateordie.wordpress.com/2016/05/09/moxyland-von-lauren-beukes/

Anonym hat gesagt…

Neu: Cixiun Liu – Die drei Sonnen
Alt: James Tiptree junior – Zu einem Preis

Ender hat gesagt…

Alessandra Reß - Liminale Personae (eine kluge kleine Coming of Age - Novelle)

Carolyn Ives Gilman - Dunkle Materie (vielschichtig und originell. Und trotz fremder Planeten dreht es sich nicht in erster Linie um gewaltige Sternenreiche)

Nnedi Okorafor - Lagune (fantasievolle Erstkontaktgeschichte aus ungewöhnlicher Perspektive -> Afrika)

Thomas Brussig - Das gibt's in keinem Russenfilm (Alternativweltgeschichte: die DDR existiert weiter)

Jo Koren - Vektor (Interessante medizinische Entwicklungen und rätselhafte Vorfälle auf einer Raumstation)

Cory Doctorow - Little Brother (Überwachung, Homeland Security, "Nationale Sicherheit" ... na gut, ist auch nicht mehr sooo neu)


Auf meiner Internetseite gibt es einen kleinen Jahresrückblick 2016, dort finden sich u.a. einige Leseempfehlungen für im letzten Jahr erschienene SF-Romane. Vielleicht ist ja dort auch noch etwas dabei.

Ender hat gesagt…

Ach so ... den Link hatte ich vergessen ...
https://www.sf-lit.de/rückblick-2016/

Gerrardo hat gesagt…

Cordwainer Smith is simply the best!

Anonym hat gesagt…

Morgenwelt von John Brunner (oder in englisch 'Stand on Zanzibar')

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, Ender, bestätige das: Brussigs RUSSENFILM fand ich auch klasse - ebenso übrigens wie Sybille Bergs VIELEN DANK, das in zweierlei Hinsicht auch als SF taugt: Near Future plus dieses neue Menschenwesen.

Frank Böhmert hat gesagt…

(Argl, wann werde ich lernen, "Sibylle" richtig zu schreiben?)

Gerrardo hat gesagt…

Peter Schattschneider ist auch baerig!