Mittwoch, 10. Mai 2017

Gelesen: Vonda McIntyre, AM HOFE DES SONNENKÖNIGS (US 1997)

Worum geht's?

Einem Jesuiten und Naturphilosophen gelingt es, ein Meeresungeheuer zu fangen - Ludwig XIV erhofft sich, dass dieser darin das alchimistische "Organ der Unsterblichkeit" findet und dem Sonnenkönig zum Wohle der Nation ewiges Leben verschaffen kann.

Wie ist das Buch geschrieben?

Einfache Vergangenheit, dritte Person, mehrere Perspektiven. Das Ganze wird auf dem Umschlag als "historische[r] Fantasy-Roman" beworben, aber eigentlich ist es von der Haltung her ein astreiner SF-Roman: Was wäre, wenn es Meermenschen wirklich gegeben hätte und sie nur (wie manche indigenen Stämme) binnen kürzester Zeit ausgerottet worden wären? Insofern wundert mich der Nebula Award nicht.

Was gefiel nicht so?

  • Das Fürstengedöns
  • Einige Bastei-typische Lektoratsschlampereien, die sich aber in Grenzen halten

Was gefiel?

  • Eva Eppers ist eine Meisterübersetzerin. Das Buch liest sich wie auf Deutsch verfasst.
  • Nie habe ich die Bedrohung im Absolutismus so deutlich gespürt - über lange Passagen hinweg passiert eigentlich wenig, und doch habe ich um jeden gebangt.
  • Cool und seltsam der Erzählrhythmus: Fast zeitlupenhaft geht es voran, und dann kommen plötzlich äußerst spröde vermittelte Wendungen.
  • Sämtliche wichtigen Figuren, erfundene wie historische, handeln nachvollziehbar. Das gilt besonders für unsere Heldin, die Schwester des Jesuiten.
  • Bei dem zwergenwüchsigen Atheisten Lucien de Barenton, Comte de Chrétien, ist es geradezu schade, dass er keine historische Gestalt, sondern nur Erfindung der Autorin ist.


Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier einfach ein paar Zeilen der einleitenden Szene:

"Démons!" rief der Ausguck.

Yves hielt Ausschau nach dem, was der Mann entdeckt haben mochte, aber die Sonne war zu grell, die Entfernung zu groß. Das Schiff pflügte voran, am Bug rauschte und schäumte das Wasser und der Horizont hob und senkte sich mit der Dünung.

"Dort!"

Voraus, wohin der Bugspriet wie ein Finger wies, schien das Meer zu kochen. Leiber schnellten aus den Fluten, tauchten wieder ein, geschmeidige Geschöpfe tummelten sich Delphinen gleich in der Gischt.

Das Flaggschiff hielt auf den brodelnden Hexenkessel zu. Sirenengesang erfüllte die Luft. Die Matrosen verstummten in abergläubischer Furcht.

Yves beherrschte seine Erregung. Er hatte gewusst, er würde sein Wild finden, an diesem Ort, an diesem Tag, nie hatte er im geringsten an der Richtigkeit seiner Hypothese gezweifelt. Nun mußte er nur noch Würde und Gelassenheit bewahren.

"Das Netz!" Die Stimme von Kapitän Desheureux übertönte den Gesang. "Das Netz, ihr Tagediebe!"


Zu empfehlen?

Definitiv. Dieser Roman ist einzigartig. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Wo aufgestöbert?

Zufallsfund in der Verschenkekiste unserer Bofinger-Bibliothek. Da ich McIntyres TRAUMSCHLANGE aus den 1970ern in sehr guter Erinnerung hatte, habe ich ihn mitgenommen:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 606 Seiten. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1999)

Und sonst?

Die Übersetzung ist vor einiger Zeit in einer Neuausgabe unter dem deutlich besseren Titel DAS LIED VON MOND UND SONNE erschienen. Die Sonne, das ist natürlich Ludwig XIV; der Mond, da bietet allein schon der Text drei Interpretationsmöglichkeiten an: den Naturphilosophen, den königlichen Berater Lucien de Barenton und den tatsächlichen, von den Meerleuten verehrten Erdtrabanten.


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English summary for foreign readers: THE MOON AND THE SUN by Vonda McIntyre is a beauty of a science fiction novel, I never read something like this before.

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