Sonntag, 23. April 2017

Bullshit zur Science Fiction


An diesem Wochenende fand das diesjährliche Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks statt.

Ich habe das Ganze, wie schon beim ersten Treffen, gelegentlich auf Twitter verfolgt, unter dem Hashtag #pan17. Das ist interessant, ich lerne was, und es macht immer Spaß, auf Fotos Freunde und Bekannte zu entdecken - oder überhaupt Leute, die mir bisher nur als Name was sagten.

Gestern dann hielt "Prof. Dr." Volker Wittpahl, "freiberuflicher Produktinnovationsmanager", einen Vortrag, den ich sehr - na, sagen wir: diskussionswürdig fand. Er wurde kräftig auf Twitter gespiegelt, über rund achtzig Tweets hinweg.

Irgendwann schaltete ich mich ein. Zunächst konstruktiv ergänzend, weil Zuhörer Fabian Dombrowski von dem Konzept "Stadt am Stiel" so fasziniert war und ich das selber auch amüsant finde:




Dann aber fing ich an, den Thesen des Herrn Prof. Dr. zu widersprechen. Los ging's mit diesem Zitat hier - wenn ich mich nicht verzählt habe, der 48. Tweet zum Vortrag:


"Ofen" - "einfache Technologieerzählungen"; diese Koppelung war zu schön, um sie unkommentiert zu lassen.

Harmloser Scherz, wobei mich die enthaltene inhaltliche Behauptung schon wunderte. (Weiter unten mehr dazu.)

Auf Höhe von Tweet Nr. +-57 jedoch wurde es ernst. Bei seiner These "Science Fiction muss Social Fiction werden" fasste ich mir erstmals an den Kopf. Das war so unbeleckt von Wissen über das Genre, dass ich eine kleine Klassikerliste twitterte:



Auf Höhe Tweet Nr. +-64 wurde eine abfotografierte PowerPoint-Folie getwittert. Da war es für mich mit der Wertschätzung des Vortrags vorbei:



Hier die Folie (Originalfoto: Carola Wolff) für bessere Lesbarkeit als Ausschnitt und in verändertem Kontrast:


Auf Höhe Tweet Nr. +-70 kam noch eine zweite Folie (Originalfoto: Chris M. Schollerer), die vermutlich der oberen Folie vorausgeht, hier ebenfalls im kontrastverstärkten Ausschnitt:


Wer schon ein bisschen länger SF liest, die Klassiker auch, kann da nur mit den Ohren schlackern. Tatsächlich haben auch einige #pan17-Twitterer einiges anzumerken gehabt.

Protest zu meiner Bullshit-Einschätzung kam interessanterweise direkt von Seiten des PAN e.V. (Tweet Nr. +-75 zum Vortrag) ...


... sowie von dessen Vorstandsmitglied Diana Menschig, die sich im Laufe des, hrm, Diskurses nicht etwa über den Vortrag, sondern darüber, ob man als Nicht-vor-Ort-Gewesener ein solches Urteil fällen darf, bis hin zu Versalien und fünffachen Ausrufezeichen steigerte. (Nein, das dokumentiere ich hier nicht; wer vorm Bildschirm Popcorn futtern will, soll gefälligst selbst ein bisschen dafür arbeiten. Trimm dich!, wie es in meiner Jugend hieß.)

Souveräne Vorstandsarbeit geht anders. Aber egal. Jetzt jedenfalls: Butter bei die Fische.


Warum dieser Vortrag "von der Genrehistorik nicht gestützter Bullshit" war


Den Begriff "Bullshit" verwende ich hier im Sinne von Harry Frankfurt. Also verstanden als prätentiöses, leeres oder inhaltlich falsches Gerede über etwas, von dem man, zusätzliche Option, wenig weiß.

Im Einzelnen:

[Überschrift] "Wandel der Rolle des Science Fiction"

Grober Schnitzer, der auf beiden Folien vorkommt: Begriff Science Fiction mit männlichem Geschlecht. Seit dieses Substantiv in den Duden aufgenommen wurde, wird es durchgehend feminin verwendet. Denkbar schlechter Einstieg.

Und vor allem inhaltlich: Was bittschön soll "die" Rolle "der" Science Fiction sein?

Ich bin kein Literaturwissenschaftler, sondern nur informierter Leser, aber mir fallen auf Anhieb schon mal drei Traditionslinien der SF ein: erstens die Reise- und Abenteuerliteratur, zweitens die utopische Literatur mit ihrem negativen Zwilling, der Dystopie, drittens die sich auf eine Erfindung, ein Gadget konzentrierende Literatur - was der Vortragende "Technology Fiction" nennt. (Den Begriff hat er sich vermutlich bei Fraunholz/Woschech abgeguckt; allgemein verwendet wird der nicht.)

Für jede dieser (unvollständigen und sehr groben) Traditionslinien dürfen wir ungeniert eine eigene zuschreibbare "Rolle" annehmen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Romanwerke der SF gleich mehrere Traditionslinien fortführen.

  • Mary Shelleys FRANKENSTEIN, für viele der erste richtige SF-Roman, dreht sich um eine Erfindung, die Erzeugung künstlichen Lebens. Gleichzeitig befallen den Erfinder Skrupel, er plagt sich mit Gewissensbissen, auch sein Geschöpf gibt ethische Bewertungen ab; die Aussichten sind düster, das ist ein dystopisches Element. Erzählt wird von Verfolgung und Flucht, es geht bis in die Arktis: Reise, Abenteuer.
  • Jules Verne hat eindeutig Gadget-Geschichten geschrieben (U-Boot, Mondkanone); zugleich aber waren es immer Reise- oder Abenteuergeschichten; gesellschaftliche Auswirkungen (Utopisches/Dystopisches) hat er links liegen gelassen. (Interessanterweise war sein erster, postum veröffentlichter Roman jedoch eine astreine Dystopie.)
  • H.G. Wells bringt mit seiner Zeitmaschine ein Gadget; ihn interessieren die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser postulierten Erfindung nicht, er benutzt das Gadget aber gewissermaßen als Lupe, um über andere gesellschaftliche Entwicklungen zu schreiben. Ein dystopischer Roman, ganz klar, der lustigerweise auch Motive der Abenteuerliteratur benutzt (die "Wilden", die verlassenen Ruinen, Dschungelatmosphäre).

 Da wird es mit der jeweiligen "Rolle" der jeweiligen Traditionslinie dann schon schwieriger.

Und das ist noch nicht alles. Wir können ja Rollen zuweisen, als Leser, als "Gesellschaft", die SF "braucht", wie es in einem #pan17-Tweet behauptet wird. Der kreative Prozess ist jedoch anarchisch, siehe oben die Mischformen schon bei den einschlägigen Klassikern. Planung und Improvisation, Denken und Fühlen, Bewusstsein und Unterbewusstsein - drei Paare auf der Tanzfläche einer jeden entstehenden Geschichte ...

"Bis Mitte des 20. Jahrhunderts:
Science Fiction = Technology Fiction"

Bullshit, weil falsch: Die Traditionslinie Utopie/Dystopie auch in ihren Formen Social Fiction bzw. Soft SF war von Anfang an da. Tatsächlich gehören fast alle SF-Romane, die heute als Klassiker (auch der Weltliteratur) gelten, in diese Strömung. Siehe oben.

Bullshit, weil prätentiös und leer: "Technology Fiction". Siehe oben.

"Zur Jahrtausendwende:
Science Fiction = Diversifiziertes Genre mit Space Operas, Cyberpunk, ..."

Das mit der Jahrtausendwende ist Bullshit im Sinne von leeres Geschwätz oder Werbesprech, weil dieser Zeitpunkt der "Diversifiziert[heit]" nur wegen des schönen Klangs behauptet wird. Das Genre war von Anfang an divers, wie oben schon dargelegt. Mal ein paar der Wirklichkeit entsprechende Zeitpunkte für ausgewählte Subgenres:

  • 1920er Jahre - mehrfaches Auftreten von Space Operas; der Begriff setzt sich in den 1940er Jahren durch.
  • 1930 schreibt Olaf Stapledon FIRST AND LAST MEN, spätestens das ist eine astreine Future History; der Begriff wird 1941 geprägt.
  • 1930er Jahre - Hier tauchen erstmals einschlägige Alternativweltgeschichten in größerer Zahl auf.
  • 1950er Jahre - Viele Bücher werden als Science Fantasy angeboten.
  • 1958 erschien Robert A. Heinleins STARSHIP TROOPERS, spätestens da war Military SF gesetzt.
  • 1960er Jahre - die sogenannte New Wave; kein eigentliches Subgenre, eher SF mit betont experimenteller Schreibhaltung
  • 1980 wurde der Begriff Cyberpunk geprägt; 1984 kam mit William Gibsons NEUROMANCER der erste Klassiker dieses Subgenres raus.
  • 1980er Jahre - Parallel kommt der Steampunk auf.

(Cyberpunk als Subgenre ist übrigens nicht unumstritten: Im Grunde ist das ein Aufgreifen des Noir- oder des Hardboiled-Krimis durch die Science Fiction; da könnte man auch ganz andere Romane schlüssig und weniger eng zusammenfassen.)

Ich halte fest: Die "Diversifiziert[heit]" des Genres Science Fiction war noch vor dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Anfang des Kriegs gegen den Terror weit fortgeschritten - also hey, praktisch in einem anderen Zeitalter. Die meisten unstrittigen Subgenres waren Jahrzehnte vor der "Jahrtausendwende" längst da.

"Herausforderungen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Wieder dieses 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Die meisten Technologievisionen sind nicht wirklich 'neu'"

Nichts Neues unter Sonne. Wird immer so lange behauptet, bis das nächste neue Ding einem ins Gesicht kracht.

Abgesehen davon: Als ob ein Mangel an Neuem Autoren und Leser in der Masse je gestört hätte.

Der größte Ausschlag des Bullshit-Detektors ergibt sich aber im Zusammenhang - noch einen Moment Geduld.

"Einfache Technologie-Erzählungen sind für die Leser nicht attraktiv genug"

So banal wie richtig. Deshalb gibt's die auch gar nicht - bestenfalls im Bereich der Kurzgeschichte. Das ist also eine komplett konstruierte "Herausforderung" - Bullshit eben.

"Die aktuellen technischen Entwicklungen sind so mannigfaltig und entwickeln sich exponentiell, dass kaum einer die Chance hat sie zu überblicken geschweige denn in die Zukunft zu prognostizieren"

Herrje. Die "Technologievisionen", siehe oben, sind also "nicht wirklich 'neu'", aber die technologische Realität überholt die Visionen in "exponentieller" Entwicklung?

Die ham da wat erfunden, Keule, det kannste dir nich ausdenken!

Ansonsten wird hier "die" Science Fiction wieder auf Zukunftsprognostizierung verengt, und die wirklich heftige visionäre aktuelle SF à la China Miéville oder Neal Stephenson scheint der Vortragende nicht zu kennen.

Die Spielwiese ist groß, sie wird mal ernsthafter, mal fröhlicher genutzt, und niemand, wirklich niemand von all den Schriftstellern, die je mit einem SF-Roman fertig wurden, hat sich hingesetzt und gesagt: "Ich will da alles drin haben!"

Das ist eine völlig irrige Vorstellung.

"Chancen für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert"

Bullshit, weil 21.-Jahrhundert-Werbesprech.

"Menschen sind verunsichert über die Zukunft, ihre eigene und technologische"

Da ist was dran. Vollständige Zustimmung meinerseits (überrascht mich selber).

Allerdings ist das "nicht wirklich 'neu'". Alvin Toffler hat mit solchen Thesen in den 1960er und 1970er Jahren viel Geld verdient.

Hübsche Gegen-Streitschrift, aus dem 21. Jahrhundert übrigens: Matthias Horx, ANLEITUNG ZUM ZUKUNFTSOPTIMISMUS.

"Es fehlen Utopien und positive Visionen für unsere Technologie basierte Zukunft."

Einerseits stimmt das natürlich, andererseits "fehlt" Positives immer. Niemand wird sich je hinstellen und sagen: "Hey, wir haben jetzt wirklich Massen von Utopien und positiven Visionen, verdammt. Liebe Autoren, schreibt doch endlich mal was Negatives!" Das ist also ziemlich platt dahergeredet.

Dann sind wir Menschen leider so beschaffen, dass wir auf Negatives stärker reagieren als auf Positives. (Dieser Blogeintrag ist das beste Beispiel: Ich hätte mich an diesem freien Sonntag auch hinsetzen und ein Loblied auf irgendeinen tollen Roman singen können; hab ich aber nicht.) Folge: Durchaus vorhandene "Utopien und positive Visionen" verkaufen sich in der Regel deutlich schlechter. So etwas zu schreiben, stellt für Autoren unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten keine "Chance" dar, sondern ein Risiko, eine "Herausforderung".

"Im 21. Jahrhunderts:
Science Fiction = Social Fiction"

Bullshit aus diversen, weiter oben angeführten Gründen.

"Neue Fragestellung für Autoren:
Weniger: Welche Technik wird künftig sein?
Mehr: Welche Gesellschaft wird aufgrund der heutigen Technologien sich entwickeln?"

  • Die Fragestellung ist nicht neu.
  • Prognostizierung im Sinne von "Welche Technik wird künftig sein?" kann es kaum noch weniger geben, denn sie hat die wenigsten Autoren je interessiert. Sie haben lieber mit einer möglichen (oder unmöglichen) Technik dramaturgisch herumgespielt.
  • Oder sich eben, schon seit weit über hundert Jahren, den dadurch möglicherweise ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklungen gewidmet.

"Mögliche Rolle für Science Fiction Autoren im 21. Jahrhundert:
Technologie-Folgenabschätzer für gesellschaftliche Entwicklungen"

[Loriot-Stimme] "Ach was."


Schlussbemerkung


John Clute hat einmal etwas sehr Schönes über das Schreiben von SF gesagt, das ging sinngemäß so: Der Autor weiß, am Ende angelangt, nie sauber zu trennen, was nüchterne Kalkulation und was Traum war.

SF wird immer ins Kraut schießen.

Das ist ihre Stärke.

SF-Autoren als gezielte "Technologie-Folgenabschätzer" - das ist eine Kopfgeburt, die in keiner Weise so funktionieren kann, wie der Herr Prof. Dr. Produktinnovationsmanager sich das vorstellt. Das zeigt schon ein so oberflächlicher Blick auf die Geschichte der SF wie dieser hier.

Die SF insgesamt, als Genre, in all ihren Ausprägungen, "albernen" wie "ernsthaften", "kommerziellen" wie "künstlerischen", spiegelt aber sehr schnell gesellschaftliche Entwicklungen. Darin liegt, und ich betone: in all ihren Ausprägungen, ihre tatsächliche Relevanz.

Amen.


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English summary for foreign readers: Some rant on some lousy lecture

Freitag, 21. April 2017

Gelesen: Terry Pratchett, DAS LICHT DER FANTASIE (UK 1986)

Worum geht's?

Die Scheibenwelt nähert sich einem roten Stern. Apokalyptiker-Sekten finden rasch Zulauf. Mittendrin der verhinderte Zauberer Rincewind, den wir schon aus dem ersten Roman kennen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Auktorialer Erzähler, einfache Vergangenheit, teils mit deutlichen Anleihen beim Drehbuch: Einige Szenen werden ausdrücklich mit Film-Vokabular beschrieben.

Was gefiel nicht so?

  • Pratchett scheint mir ein sympathischer alter Herr gewesen zu sein, aber auch der zweite Scheibenweltroman wirkt auf mich nicht sonderlich gut geschrieben. Viel bleibt wirr, ungenau, fahrig.
  • Insgesamt ist es weniger Satire als vielmehr Parodie oder heiterer Roman, sprich: lauwarm.
  • Viele Witze entstehen nicht aus der Zuspitzung einer Situation, sondern kommen gezwungen rüber, als Schenkelklopfer à la "Ein Versuch, so sei hinzugefügt, der tausendprozentig erfolgreich war" (Seite 7). Tausendprozentig, haha, prust. Das würde mich schon von einer Bühne herab langweilen, erst recht in Schriftform.

Was gefiel?

  • Im Gegensatz zum dahinplätschernden ersten Roman hat LICHT mit dem Endzeitmotiv eine richtige Handlung.
  • Die Witze sind schon ein bisschen schärfer; es gab Stellen, an denen ich lachte - sehr zur Freude meiner Mitpatienten im Krankenhaus.
  • Schön war das Spiel mit den Beschreibungsklischees, auf deren Benutzung harte Strafen stehen, weshalb die Dichter (und auch der Autor) auf immer absurdere "genauere" Beschreibungen ausweichen.

Gute Stelle?

Ich mag die poetischen Beschreibungen der großen Weltschildkröte. Ich mag auch die Beschreibungen des langsamen Lichts auf der Scheibenwelt. Deutsch von Andreas Brandhorst:

[Tag] Wenn Licht auf ein starkes magisches Feld trifft, vergisst es plötzlich, was Eile bedeutet. Es wird geradezu träge. Und auf der Scheibenwelt war die Magie  besonders stark. Deshalb glitt das mattgelbe Glühen der Dämmerung wie eine sanfte, liebkosende Hand über die schlafende Landschaft - goldenem Sirup gleich, wie manche Leute meinen. Es hielt inne, um Täler zu füllen. Es kroch müde an Berghängen empor. Als es Cori Celesti erreichte, das zehn Meilen hohe Massiv aus grauem Fels und grünem Eis in der Scheibenmitte, türmte es sich zu großen Haufen auf, um jenseits des Gipfels mit der eher bescheidenen Wucht einer ins Alter gekommenen Lawine durch die dunkle Landschaft zu rollen. (Seite 5)

[Nacht] Das silberne Licht des Mondes glitt mit einem leisen Knistern über die Ebene. (Seite 104)

Zu empfehlen?

Man muss wohl schon viel mittelmäßige Fantasy gelesen haben, um seinen ungebremsten Spaß mit den frühen Scheibenweltromanen haben zu können. Für mich taugen sie als angenehme Krankenbettlektüre.

Wo aufgestöbert?

Der gute Molosovsky ist treuer Pratchett-Leser. Das wundert mich immer wieder aufs Neue, und dieses Jahr will ich es einmal wissen! Band 3 liegt schon bereit - für die nächste Erkrankung.

Schöne Neuedition der ersten neun Romane übrigens!



Und sonst?

Habe ich danach zum Vergleich eine Satire gelesen (von Tom Sharpe) und einen heiteren Roman (von Kenneth Grahame), die beide ebenfalls britischen Ursprungs und mit Abstand besser geschrieben sind. Aber dazu ein andermal.


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English summary for foreign readers: After reading the first two discworld novels, I'm still sceptical.

Sonntag, 2. April 2017

Gelesen: Daryl Gregory, HARRISON SQUARED (USA 2015)

Worum geht's?

Es verschlägt den 16jährigen Harrison Harrison in das neuenglische Küstenstädtchen Dunnsmouth, wo seine Mutter, eine Meeresbiologin, Forschungen durchführen will. Seit einem Segelunfall, bei dem sein Vater umgekommen ist und Harrison, damals noch ein Kleinkind, zum Invaliden wurde, hat er traumatische Angst vor offenem Wasser. Als jetzt auch seine Mutter verschwindet, wird klar, dass sie hier noch eine alte Rechnung zu begleichen hatte. Fischige Einwohner, die örtliche Schule mit ihrer unmöglich zu durchschauenden Architektur und eine die ganze Stadt beherrschende Sekte machen dem Wasserscheuen, der verbissen darum kämpft, nach dem Vater nicht auch noch die Mutter zu verlieren, das Leben auch nicht gerade leichter.

Wie ist das Buch geschrieben?

Jugendbuch, Ich-Erzähler. Schlagfertig und pointiert, zugleich traurig, ernst und teils voller Wut.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Das ist eine schöne Lovecraft-Pastiche mit allem Drum und Dran!
  • Das Ende
  • Mit Harrisons Tante und seiner (wie der Schulklatsch behauptet) "Freundin" stecken zwei tolle Frauenfiguren im Buch, die beide auf ihre Weise mehr Durchblick haben als der Held und hinreißend gegen den Strich gezeichnet sind.

Gute Stelle?

Die Tante, reich, aber auch das schwarze Schaf der Familie, bugsiert sich im Laufe der Handlung einen örtlichen Taxifahrer so zurecht, dass er ihr Mädchen für alles wird. Hier fängt das an. Sie halten gerade vor einem Restaurant:

"I'll come pick you up after you're done," Saleem said.

"I told you, you're on retainer. You can't just leave us here. And I can't let you sit in the car. We're going to come out of there stuffed with food, and you're going to give me that look."

"What look?" he asked.

"Come on now," she said. "Table for three."

"I'm not going to let you buy me dinner," Saleem said.

"What I'm buying is a relaxed ride home with a happy, contented driver. Harrison, explain to Saleem that he is not going to win this."

"You're not going to win this," I said.

"Listen to him; he's a smart boy," Aunt Sel said.

Zu empfehlen?

Aber ja! Genau so mag ich meine unheimlich-fantastische Lektüre: stimmungsvoll, voller Entfremdung auch, aber immer mit einer Faszination am Fremden.

Wo aufgestöbert?

Nachdem ich zwei Romane von Daryl Gregory übersetzt hatte, AFTERPARTY und UNS GEHT'S ALLEN TOTAL GUT, wollte ich auch diesen hier noch lesen, der ja sogar in TOTAL GUT eine Rolle spielt.



Und sonst?

... frage ich mich, warum bis jetzt niemand dieses Buch auf Deutsch rausgebracht hat. Auch Fischer Tor nicht - dabei wären TOTAL GUT und HARRISON SQUARED das perfekte Doppelpack für ein anständiges Paperback!


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English summary for foreign readers: Reading HARRISON SQUARED by Daryl Gregory was much fun. Man, can this guy write everything?