Mittwoch, 15. März 2017

Gelesen: Terry Pratchett, DIE FARBEN DER MAGIE (GB 1983)

Worum geht's?

Nach einem Arbeitsunfall während des Studiums führt ein Zauberer einen Touristen zu einigen Sehenswürdigkeiten der Scheibenwelt. Von irgendwas muss man ja leben.

Wie ist das Buch geschrieben?

Episodenhaft. Dennoch spannt sich ein schöner Bogen von der ersten bis zur letzten Szene.

Was gefiel nicht so?

  • Ich verstehe nicht recht den Reiz, gleich vierzig Bände einer Fantasyparodie zu lesen - geschweige denn zu schreiben.
  • Alles ist sehr nett.

Was gefiel?

  • Alles ist sehr nett.
  • Und unterhaltsam.

Gute Stelle?

Ich mochte vor allem die Stellen, an denen Absurdes sehr wuchtig und sehr wissenschaftlich beschrieben wird. Da schimmert dann was Poetisches durch, und das ist ein erstaunlicher Effekt.

Gleich in der Eingangsszene, Deutsch von Andreas Brandhorst:

Dort kommt die Schildkröte Groß-A'Tuin. Langsam schwimmt sie durch den interstellaren Ozean - Wasserstoffeis klebt an ihren dicken Beinen, und Meteore haben zahllose Krater im riesigen alten Panzer hinterlassen. Aus tränenden Augen groß wie Meere, von Asteroidenstaub verklebt, blickt die Schildkröte einzig und allein zum Ziel.

Mit geologischer Trägheit ziehen Gedanken durch ein Gehirn, das größer ist als eine Stadt, und die meisten gelten dem Gewicht.

Für das Gewicht sind in erster Linie Berilia, Tubul, Groß-T'Phon und Jerakeen verantwortlich, die vier riesigen Elefanten, auf deren breiten, vom Sternenschimmern gebräunten Schultern die Scheibenwelt ruht. Ein langer Wasserfall schmückt ihren Rand, und darüber wölbt sich das himmelblaue Firmament.

Bisher haben die Astropsychologen noch nicht herausgefunden, woran die Elefanten denken.

Die Existenz der Sternenschildkröte galt nur als Hypothese, bis man im kleinen geheimnisvollen Königreich von Krull, wo die randnächsten Berge über den Wasserfall hinausreichen, ein Flaschenzuggerüst auf der steilsten Klippe baute. Von dort aus ließ man mehrere Beobachter in einer mit Quarzfenstern ausgestatteten Messingkapsel hinab; sie sollten feststellen, was sich unter der Welt befand.

(Diese vielen Hervorhebungen jedoch - brr! Da schüttelt's mich.)

Zu empfehlen?

Ich weiß nicht. Mir ist das alles zu nett und harmlos und sympathisch von der Erzählhaltung her. Die Figuren leben nicht, mich interessiert ihr Schicksal nicht. Dennoch las sich das Buch gut runter - nette Lektüre für einen Tag der Genesung von einem grippalem Infekt.

Wo aufgestöbert?

Scheibenwelt-Bücher braucht man ja nun wirklich nicht aufzustöbern, die liegen überall rum, und schon meine erste Freundin las die gerne. Neulich empfahl mir Freund und Mitzwitscherer Molosovsky mal wieder welche (BROMELIAD, SMALL GODS, THE WEE FREE MEN), aber ich wollte dann doch mit dem Anfang anfangen.

(Cover der gelesenen Ausgabe. Taschenbuch, 249 Seiten. Piper, München/Berlin. Vollständig überarbeitete Neuausgabe, 2. Auflage Juli 2016)

Und sonst?

Dreierlei.

Erstens: Ich habe keine Ahnung, warum das Teil auch in der "vollständig überarbeiteten Neuausgabe" DIE FARBEN DER MAGIE heißt, wo im Text doch immer wieder ausdrücklich die eine Farbe der Magie vorkommt, das Oktarin. Ist bestimmt irgend so ein Verlagsvoodoo.

Zweitens: Für alle Scheibenwelt-Fans, die mir jetzt zürnen, weil ich die beste aller humorvollen Fantasywelten nicht toll finde, hier noch was, für das sie mir vielleicht dennoch danken werden:



Drittens: Spätestens wenn ich das nächste Mal krank bin, lese ich bestimmt noch meinen zweiten Scheibenwelt-Roman.


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English summary for foreign readers: I've read the first discworld novel - my first one, too. It was a bit of a bore but quite nice for recovering from a cold.

Kommentare:

Thomas Seeling hat gesagt…

"Zürnen" würde ich nicht sagen, aber es ist schon schade, ein Frühwerk von STP zu rezensieren und daraus auf die Qualität der restlichen 40 Bücher zu schließen.

Die ersten drei, vier Bücher enthalten, insbesondere in der Übersetzung von Brandhorst, fast nur den Klamaukteil. Ich halte die Übersetzungen für nicht sehr gut gelungen und seit "Pyramids" lese ich nur noch im englischen Original. STP ist bekannt für anspruchsvolle Wortspiele, die nur im Englischen richtig funktionieren. Dagegen ist das "pensieve" von Rowling nur an schwacher Abklatsch.

Die späteren Romane, insbesondere über die Nachtwache und die Hexen von Lancre, sind m.E. sehr tiefgründig und philosophisch.

Die Charaktere entwickeln sich in den Fortsetzungen. Deshalb ist der "Reading guide" eine gute Idee. Sam Vimes von der Nachtwache ist einer der wirklich starken Charaktere mit einem ausgeprägten moralischen Kompass.

Auch die Hexenromane sind außerordentlich feministisch geprägte Geschichten mit starken Frauencharakteren, deren Gegner sich warm amziehen müssen. Im Anschluss an die Hexengeschichten würde ich unbedingt auch die Bücher über Tiffany Aching lesen. "young adults" ist eine Marketingeinschätzung, auch für Erwachsene sind sie unterhaltsam und anspruchsvoll.

Die Empfehlung "Small Gods" war wirklich eine gute. "Small Gods" ist eines der Bücher, das man unabhängig vom Rest lesen kann. Es enthält eine große Menge Religionskritik und verbeugt sich augenzwinkernd auch vor Geschichten wie der Illias.

Frank Böhmert hat gesagt…

Danke für den ausführlichen Kommentar, Thomas! Ich werde schon drei, vier Scheibenwelt-Romane lesen, um mir ein eigenes Bild zu machen.

Martin hat gesagt…

Habe länger keinen Pratchett mehr gelesen, es wurde mir dann doch zu schematisch. Erinnere mich aber noch sehr gut an diesen, meinen ersten, das muß so 1987 etwa gewesen sein, das ich den -damals noch auf deutsch- gelesen hatte.
In einem Karstadt gekauft, vor der Tour nach Eindhoven zu einem Open-Air. Bin mir sehr sicher, das die Hervorhebungen in der damaligen Ausgabe nicht drin waren.

Martin hat gesagt…

@Thomas Seeling: Stimmt, es sind -im Original- oft recht witzige Wortspiele drin enthalten. Man merkt oft schon, das der Author da etwas doppelbödiges platziert hat, kommt als nicht "native Speaker" aber nicht direkt drauf.
Ein Beispiel an das ich mich erinnere geht etwa so:
Ein Protagonist sitzt mit Getränk an einem Tisch in der "Mended Drum", ein anderer naht verschwörerisch von hinten und zischt dem Protagonisten "Psssst!" zu, um seine Aufmerksamkeit zu wecken. Der Protagonist antwortet "No, but I'm working on it." Habe eine ganze Weile gebraucht, um drauf zu kommen :)

Johannes Kreis hat gesagt…

Witzig - habe den Roman auch neulich erst wieder gelesen (allerdings in einer anderen Übersetzung) und beschlossen, alle weiteren Romane auch noch zu lesen. Wie übersetzt Brandhorst eigentlich die "Big Bang" - Theorie bezüglich der Fortpflanzung der kosmischen Schildkröte? Dem anderen Übersetzer scheint dieser Gag nämlich entgangen zu sein ("Großer Knall" - seufz).

Frank Böhmert hat gesagt…

@Kringel:

Brandhorst alt - "Man sprach in diesem Zusammenhang von der sogenannten Urknall-Hypothese."

Brandhorst vollständig überarbeitet - "Man sprach in diesem Zusammenhang von der sogenannten Urbums-Hypothese."

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich schätze Wortspiele als Stilmittel übrigens wenig.

Sie führen bei mir zu einer kopfbetonten, distanzierten, immer gleich reflektierenden Lesehaltung, die mich beim Eintauchen in eine Geschichte behindert. Mit einer solchen Lesehaltung ackere ich mich durch Sachbücher, aber nicht durch erzählende Literatur. Die will ich erleben, da will später reflektieren oder zwischendurch.

Das ist einer der Gründe, warum ich um Pratchett so lange einen Bogen gemacht habe - und einer der Gründe, warum ich dann zu einer deutschen Übersetzung gegriffen habe.

Humorvolle und satirische Bücher, wie ich sie mag, verzichten weitgehend auf dieses Stilmittel. Paar Beispiele:
- John D. McDonald, DAS MÄDCHEN, DIE GOLDENE UHR UND DER GANZE REST (1962)
- Shane Maloney, KÜNSTLERPECH (1996)
- Eric Frank Russell, DIE GROSSE EXPLOSION (1962)
- William Goldman, DIE BRAUTPRINZESSIN (1973)
- Michael de Larrabeiti, DIE BORRIBLES (ges. 1976)
- Jerome K. Jerome, DREI MÄNNER IM BOOT (1889)
- Tom Sharpe, PUPPENMORD (1976), TRABBEL FÜR HENRY (1979)