Sonntag, 19. März 2017

Gelesen: Eric Frank Russell, DIE GROSSE EXPLOSION ("US" 1962) bzw. PLANET DES UNGEHORSAMS ("US" 1951)

Wie ihr schon an der Überschrift sehen könnt, ist es mit Eric Frank Russell immer ein bisschen kompliziert - aber immer auf die schönste, sympathischste Weise. Das fängt schon damit an, dass er Brite war, aber oft für einen Amerikaner gehalten wurde. Einmal, weil seine Geschichten oft zuerst in den Staaten rauskamen, und dann, weil er anscheinend ein richtiges Schlitzohr gewesen ist; eine Eigenschaft, die eher mit einem Amerikaner als mit einem Briten assoziiert wird, siehe auch John Clutes schöne Beschreibung seines Werks in der illustrierten SF-Enzyklopädie:

[...] schildert die Möglichkeiten des Weltraums mit allem optimistischen Schwung, den amerikanische Leser von den Nachkriegsautoren erwarteten. [...] Geschichten über trottelige Aliens, die es nicht schaffen, die Gerissenheit der auf die Galaxis losgelassenen Privatunternehmer zu begreifen, gibt es bei ihm in Massen. Seine Erzählungen sind vergnüglich und wecken Nostalgie nach den längst vergangenen Zeiten solch optimistischer Naivität.

Das von mir kürzlich wieder einmal gelesene Doppelpack hier hat jedoch mit solchen schlitzohrigen Unternehmern auf fremden Welten nicht gar so viel zu tun.

Worum geht's?

Ein Überlichtantrieb wurde erfunden. Während der "Großen Explosion" sind Abermillionen von Sektierern, Abweichlern, Querulanten, Fanatikern ins Weltall aufgebrochen, um auf anderen Welten ihr jeweiliges Utopia zu bauen. Einige Jahrhunderte später begleiten wir ein Raumschiff der Erde auf seiner diplomatischen Rundreise zu diesen Welten, um die "Kolonien" heim ins inzwischen gegründete Terranische Reich zu holen. Das geht jedesmal gründlich schief, aus immer anderen Gründen.

Der letzte Teil des Buches basiert dabei auf einer viel früheren Erzählung, "And Then There Were None" (Und dann war'n sie alle futsch) von 1951. Das Diplomatenschiff landet auf dem "Planet[en] des Ungehorsams", einer durch und durch anarchistischen Welt, und das setzt der Reise fast ein Ende.

Wie sind die Bücher geschrieben?

EXPLOSION ist ein humoristischer bis satirischer Episodenroman. PLANET konzentriert sich auf das ebenso humorvoll geschilderte Aneinanderrasseln von terranischer Bürokratie und generationenlang erprobter anarchistischer Praxis - die Grundzüge der Theorie lernt man nebenbei mit.

Was gefiel nicht so?

Ich würde mir eine anständige Neuedition der EXPLOSION wie auch des PLANETEN wünschen; sämtliche deutschen Ausgaben, die ich davon bis jetzt gesehen habe, lassen zu wünschen übrig.

Was gefiel?

Der freche Witz, die Schlitzohrigkeit, die würzige Kürze, der (vordergründig) naive Optimismus. Mister Russell dürfte seinen Spaß am Leben gehabt haben.

Gute Stelle?

Hierarchiebeschreibung gleich vom Anfang des PLANETEN. Übersetzung ungenannt:

In welcher Reihenfolge die Männer das Schiff zu verlassen hatten, war genau festgelegt. Als erster durfte der Botschafter aussteigen; dann der Kommandant des Schiffes; als dritter der Kommandeur der Bodentruppen; und als vierter der Chef der Zivilverwaltung.

Diese Reihenfolge setzte sich natürlich bis in die unteren Ränge fort: als nächster kam der Privatsekretär seiner Exzellenz des Botschafters, dann der Zweite Offizier des Raumschiffs, der stellvertretende Kommandeur der Bodentruppen und schließlich der oberste Federfuchser der Verwaltung.

Anders erging es den untersten Chargen dieser Hierarchie: dem Barbier, Schuhwichser und Kammerdiener seiner Exzellenz; den Rekruten mit dem niedrigsten Dienstgrad, den Nullen und Strohköpfen von der Truppe und den auf Zeit angestellten Aktenschleppern und Bleistiftspitzern, die von dem Tag träumten, wo sie eine Lebensstellung und einen eigenen Schreibtisch bekamen. Diese kleinen Steine im Gebäude der hierarchischen Pyramide mußten an Bord bleiben und hatten striktes Rauchverbot.

Wären sie jedoch auf einer feindlich gesinnten Welt gelandet, die sie mit gefährlichen Waffen empfangen hätte, wäre die Reihenfolge des Ausstiegs umgekehrt gewesen, getreu dem Versprechen der Bibel, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten sein sollen.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ein großer Spaß für Leute, die gern über Autoritäten lachen. Die EXPLOSION habe ich mehrfach gelesen, den PLANETEN sogar inzwischen zum zehnten Mal; dieses Buch begleitet mich (in diversen Ausgaben) seit meinem 19. Lebensjahr.

Wo aufgestöbert?

Den PLANETEN 1981 als Raubdruck in irgendeinem Laden in irgendeinem besetzten Haus - those were the days! UFA-Fabrik, schätze ich mal. Die EXPLOSION erst vor vielleicht zehn, fünfzehn Jahren, als ich begriff, dass Russell noch mehr von diesem Raumschiff erzählt hat ...

(Eigenhändige Scans der gelesenen Exemplare. Terra Taschenbuch 101, 159 Seiten. Moewig, München 1965. Broschur, 88 Seiten. Verlag Wolfgang Reuschle, Berlin 2. Auflage 1984)

Und sonst?

In meinem Perry-Rhodan-Roman DIE STERNENHORCHER (2003) habe ich diesem Buch, das zu meinen Lieblingsbüchern zählt, an mehreren Stellen Reverenz erwiesen. In Erinnerung habe ich noch den Doktor Mimo Serleach, wie er gegen Ende auf seinem Fahrrad sitzt und zusieht, wie das Raumschiff von der Erde wieder abfliegt - ohne ihn ...


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English summary for foreign readers: Eric Frank Russell's novelette "And Then There Were None" is one of my all-time favourites. I read it first when I was 19 and just read it for the 10th time.

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