Freitag, 31. März 2017

Gelesen: Jared Diamond, KOLLAPS (USA 2005)

Worum geht's?

Das sagt der amerikanische Untertitel am besten, auf Deutsch: Warum Gesellschaften sich entscheiden, ob sie scheitern oder gelingen.

Der deutsche Untertitel hingegen geht vor lauter Schicksalsschwere in die Knie der Ohnmächtigkeit: "Warum Gesellschaften überleben oder untergehen".

Wie ist das Buch geschrieben?

Bei aller Länge und Komplexität erstaunlich übersichtlich: Diamond nimmt einen immer wieder an die Hand und sagt, wo es jetzt hingeht. Auch kommt er immer wieder als Ich-Erzähler vor: Er hat ja als Anthropologe viele Weltgegenden besucht und weiß entsprechend zu berichten.

Was gefiel nicht so?

Die Neuauflage wird beworben mit "Erweitert um ein großes Kapitel über Angkor Wat". Das ist Bullshit: 648 alte Seiten geteilt durch sechzehn alte Kapitel macht durchschnittlich 40 Seiten pro Kapitel. Das Angkor-Wat-Kapitel ist 18 Seiten kurz. Eine hübsche Ergänzung, mehr nicht.

Was gefiel?

Alles andere.

  • Diamond schreibt gut und streitbar;
  • er lässt Widersprüche nicht unter den Tisch fallen, sondern arbeitet sie heraus;
  • er hält nichts von Lagerdenken.
  • Das Buch ist mit einem anständigen Anhang von fuffzich Seiten ausgestattet: ausführliche Leseempfehlungen für jedes Kapitel plus Register; es lässt sich also auch bestens als Nachschlagewerk nutzen.

Gute Stelle?

Ich fand ja diesen Spruch hier cool, und er fasst die Haltung Diamonds gut zusammen:



(Die sich "sehnen" hätte es natürlich heißen müssen.)

Und diese Landschaft hier würde ich als alter Zimmergärtner und junger Schrebergärtner gern mal mit eigenen Augen sehen:



Zu empfehlen?

Aber ja! Eines der wichtigsten Sachbücher in meiner Handbibliothek.

Und sonst?

Diamonds ARM UND REICH will ich endlich auch mal lesen!



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English summary for foreign readers: I've read, for the second time, COLLAPSE by Jared Diamond. One of the most important books in my reference library!

Dienstag, 28. März 2017

Gelesen: von Kummant und von Eckartsberg, GUNG HO Bände 1 und 2 (D 2013/2015)

Worum geht's?

Wenn ich das wüsste! Jedenfalls treiben sich "[i]rgendwo in Europa" seltsame weiße Raubtiere herum, die in Horden jagen, und die Menschen haben sich in befestigte Städte zurückgezogen. Wir begleiten zwei schwer erziehbare Jugendliche.

Wie ist der Comic erzählt?

  • Wunderbar atmosphärische Zeichnungen zwischen Stilisierung und Naturalismus
  • Knackige Dialoge, nachvollziehbare Figurenzeichnung

Was gefiel nicht so?

Das Worldbuilding überzeugt mich nicht. Hier beispielhaft nur das schwerwiegendste Problem: Große Räuber waren überall auf der Welt das Erste, was Menschen ausgerottet oder zumindest in entlegene Gebiete abgedrängt haben. Warum das ausgerechnet heute mit modernen Waffen nicht mehr gelingen sollte, bleiben die Autoren schuldig. Die Biester müssten sich, um die Zivilisation gefährden zu können, so schnell vermehren wie Insekten; es sind aber offensichtlich große Säuger.

Zwei von geplanten fünf Bänden sind erschienen - um wirklich ein Panorama dieser Zukunftswelt aufzufächern, schreitet die Geschichte viel zu langsam voran. Das deutet mir darauf hin, dass die Autoren im Wesentlichen einen Actionreißer mit tollen Monstern, jugendlichen Draufgängern und ein bisschen Sex und Drogen hinlegen wollen. Ist in Ordnung, ist nur nicht meins. Mich interessiert bei Science-Fiction-Stoffen immer, wie sich eine Gesellschaft unter bestimmten, nachvollziehbaren Bedingungen verändert und wie Leute versuchen, ihr Umfeld Richtung Freiheit und gutes Leben zu drehen.

Was gefiel?

Stimmung, wechselnde Erzähltempi und den Mikrokosmos der "Siedlung Nr. 16" haben die beiden Bayern wirklich toll hinbekommen! Das kann dem internationalen Vergleich locker standhalten und hätte damals gut ins Schwermetall-Magazin gepasst.

Gute Stelle?

Ich mochte den derben Streich, der den Neuankömmlingen in Band 1 gespielt wird - mehr sage ich hier nicht. Da musste ich jedenfalls laut auflachen.

Zu empfehlen?

Mir bleibt alles zu sehr in den Genrekonventionen stecken, ich hätte mir mehr erzählerische Radikalität, mehr Wildheit gewünscht - irgendwas, wo ich wirklich gesagt hätte: Wow, das hat jetzt 'ne Konsequenz, die ist heftig. Für so ein Endzeit-Dingens bleibt mir alles, so seltsam das klingen mag, zu harmlos, zu sehr nette Unterhaltung.

Das könnte vor allem daran liegen, dass mich das Worldbuilding nicht überzeugt: Es lässt das Geschehen theaterhaft wirken; ich rieche die Baustoffe der Kulissen.

Andererseits fehlt mir auch irgendwie ein subversives Element - das bringt nicht mal die fast durchgängige Jugendlichen-Perspektive hinein.

Unterm Strich also: Die beiden Bände ließen sich gut weglesen, aber mich zieht's kaum zu Band 3, der noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Wo aufgestöbert?

In unserer kleinen Manfred-Bofinger-Bibliothek; die hat in der Comicecke die unglaublichsten Sachen rumstehen.




Und sonst?

In diesem Stil eine Erzählung von Samuel R. Delany oder einem ähnlichen Kracher umgesetzt - das wär's!



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English summary for foreign readers: German comic GUNG HO is beautiful to look at, but I'm sceptical about the worldbuilding and I really don't know, after two of five books, where the artists want to go with their story. Well, perhaps I'm simply too old for that kind of stuff.

Montag, 27. März 2017

Gelesen: Franquin, DER GANZE GASTON Buch 1 (F 1957-1963)

Worum geht's?

Bürobote Gaston begegnet dem Arbeitsalltag mit Fantasie, Faulheit und unermüdlichem Erfindergeist.

Wie ist der Comic erzählt?

Klassische Halb- beziehungsweise Einseiter mit kleinem Figurenensemble und fröhlichen Variationen von Standardsituationen, in der hier gesammelten Anfangszeit noch etwas kratziger im Strich und nicht ganz so virtuos mit den gerade erst gefundenen, bald klassisch werdenden Elementen umgehend

Was gefiel nicht so?

Die meines Wissens hier erstmals abgedruckten Prosageschichten fallen gegen die Comics doch deutlich ab.

Was gefiel?

  • Schön dickes Papier, gefällige Kolorierung, klares Lettering
  • Die meisten redaktionellen Texte bieten angenehm aufbereitete Hintergrundinfos. Es war eine Freude, diesen Chaotencomic einmal als Kunstwerk wahrzunehmen.

Gute Stelle?

Andreas C. Knigge schreibt in der Einleitung des ersten Bandes, auf Franquins lebenslangen Kampf mit der Depression anspielend:

Franquin hat mit seinem Alter Ego Gaston Lagaffe das Kunststück vollbracht, uns von der Verlorenheit, von der er ein Vierteljahrhundert lang Woche für Woche erzählte, kein Stück merken oder auch nur erahnen zu lassen, ganz im Gegenteil: Gaston ist eine vor Lebenslust sprühende Hommage an den unbeschwerten Geist, an eine Leichtigkeit des Seins, die Franquin selbst viele Jahre nur am Zeichentisch erfahren konnte. Und zeitweise nicht einmal das.


Zu empfehlen?

Aber ja! Gaston ist ein Comic, das mich seit der Kindheit begleitet. Vermutlich der erste Anarcho, dem ich je begegnet bin. Damals in Fix und Foxi, das ein Freund sammelte. Da hieß Gaston noch Jo-Jo und hat gestottert, eine von Kaukas vielen kleinen Fehlentscheidungen - die jedoch gegen die Leistung verblassen, frankobelgische Comics überhaupt erst nach Deutschland geholt zu haben.

Wo aufgestöbert?

Weihnachtsgeschenk meiner Eltern und meiner Liebsten

(Hardcover, 208 Seiten im Albumformat. Carlsen Comics, Hamburg 2015)

Und sonst?

Leser meiner gesammelten besten Kurzgeschichten, EIN ABEND BEIM CHINESEN, könnten meinen, die Story "Die Hubschrauber" sei von Gaston beeinflusst; dem ist aber nicht so. Ich hatte die Freude, in meinem Berufsleben mit mindestens zwei Büro-Hilfskräften befreundet gewesen zu sein, die echte, leibhaftige Gastons waren ... mit allem Drum und Dran.



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English summary for foreign readers: Gaston is one of my all-time favourite comics.

Freitag, 24. März 2017

Veränderung bei Golkonda



Und weil ich schon gefragt worden bin: Ich fühle mich derzeit durchaus unbetroffen von diesem Wechsel in der Führung meines Hausverlags. Bevor ich anfange, mir Gedanken zu machen, was der Verkauf für den Nachfolgeroman von BLOSS WEG HIER heißt, will der erstmal geschrieben sein. Da beschäftigen mich ganz andere, persönliche Umstände.

Heute bin ich Hannes Riffel schlicht dankbar, dass er meinem zweiten Roman eine Chance gegeben und ihn seit sechs Jahren lieferbar gehalten hat, und wünsche ihm nur das Beste für seine Zeit als Kopf von Fischer Tor. Damit hat selbst ein Arbeitstier wie Hannes nun wirklich genug zu tun!

Der Rest wird sich zurechtruckeln.


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English summary for foreign readers: Golkonda Verlag, an important and cool small German publisher, will go to Europa Verlag as an imprint next week.

Dienstag, 21. März 2017

Eingetrudelt: Christina Diaz Gonzalez, MOVING TARGET - DAS SCHICKSAL SCHLÄGT ZURÜCK

Vor einigen Wochen sind hier auch die Belegexemplare einer aktuellen Übersetzung eingetroffen. Im Gegensatz zum ersten Band der Abenteuergeschichte von Christina Diaz Gonzalez, den ich allein übersetzt hatte, habe ich mir die Arbeit aus Termingründen diesmal mit Leena Flegler geteilt. Sie hatte den ersten Band schon lektoriert; die Geschichte, die damit abgeschlossen ist, blieb also komplett in denselben Händen.


Umschlagtext

Durch eine einzige Berührung des Speers hat Cassie das Schicksal der Welt aus dem Gleichgewicht gebracht - die Menschheit scheint dem Untergang geweiht. Doch der magische Speer liegt nicht länger in ihren Händen. Nun ist es an Cassie, ihn so schnell wie möglich wiederzufinden, um alles in Ordnung zu bringen! Zusammen mit Asher begibt sie sich auf eine atemlose Jagd durch ganz Italien. Nahe eines dunklen Waldes außerhalb von Rom stoßen sie in einer mysteriösen Villa auf ein Gemälde voller Symbole und Hinweise. Gelingt es Cassie rechtzeitig, den Code zu entschlüsseln und ist sie selbst stark genug, sich dem Schicksal erneut entgegenzustellen?

Mehr beim Verlag


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English summary for foreign readers: I translated, co-working with Leena Flegler, RETURN FIRE by Christina Diaz Gonzalez.

Sonntag, 19. März 2017

Gelesen: Eric Frank Russell, DIE GROSSE EXPLOSION ("US" 1962) bzw. PLANET DES UNGEHORSAMS ("US" 1951)

Wie ihr schon an der Überschrift sehen könnt, ist es mit Eric Frank Russell immer ein bisschen kompliziert - aber immer auf die schönste, sympathischste Weise. Das fängt schon damit an, dass er Brite war, aber oft für einen Amerikaner gehalten wurde. Einmal, weil seine Geschichten oft zuerst in den Staaten rauskamen, und dann, weil er anscheinend ein richtiges Schlitzohr gewesen ist; eine Eigenschaft, die eher mit einem Amerikaner als mit einem Briten assoziiert wird, siehe auch John Clutes schöne Beschreibung seines Werks in der illustrierten SF-Enzyklopädie:

[...] schildert die Möglichkeiten des Weltraums mit allem optimistischen Schwung, den amerikanische Leser von den Nachkriegsautoren erwarteten. [...] Geschichten über trottelige Aliens, die es nicht schaffen, die Gerissenheit der auf die Galaxis losgelassenen Privatunternehmer zu begreifen, gibt es bei ihm in Massen. Seine Erzählungen sind vergnüglich und wecken Nostalgie nach den längst vergangenen Zeiten solch optimistischer Naivität.

Das von mir kürzlich wieder einmal gelesene Doppelpack hier hat jedoch mit solchen schlitzohrigen Unternehmern auf fremden Welten nicht gar so viel zu tun.

Worum geht's?

Ein Überlichtantrieb wurde erfunden. Während der "Großen Explosion" sind Abermillionen von Sektierern, Abweichlern, Querulanten, Fanatikern ins Weltall aufgebrochen, um auf anderen Welten ihr jeweiliges Utopia zu bauen. Einige Jahrhunderte später begleiten wir ein Raumschiff der Erde auf seiner diplomatischen Rundreise zu diesen Welten, um die "Kolonien" heim ins inzwischen gegründete Terranische Reich zu holen. Das geht jedesmal gründlich schief, aus immer anderen Gründen.

Der letzte Teil des Buches basiert dabei auf einer viel früheren Erzählung, "And Then There Were None" (Und dann war'n sie alle futsch) von 1951. Das Diplomatenschiff landet auf dem "Planet[en] des Ungehorsams", einer durch und durch anarchistischen Welt, und das setzt der Reise fast ein Ende.

Wie sind die Bücher geschrieben?

EXPLOSION ist ein humoristischer bis satirischer Episodenroman. PLANET konzentriert sich auf das ebenso humorvoll geschilderte Aneinanderrasseln von terranischer Bürokratie und generationenlang erprobter anarchistischer Praxis - die Grundzüge der Theorie lernt man nebenbei mit.

Was gefiel nicht so?

Ich würde mir eine anständige Neuedition der EXPLOSION wie auch des PLANETEN wünschen; sämtliche deutschen Ausgaben, die ich davon bis jetzt gesehen habe, lassen zu wünschen übrig.

Was gefiel?

Der freche Witz, die Schlitzohrigkeit, die würzige Kürze, der (vordergründig) naive Optimismus. Mister Russell dürfte seinen Spaß am Leben gehabt haben.

Gute Stelle?

Hierarchiebeschreibung gleich vom Anfang des PLANETEN. Übersetzung ungenannt:

In welcher Reihenfolge die Männer das Schiff zu verlassen hatten, war genau festgelegt. Als erster durfte der Botschafter aussteigen; dann der Kommandant des Schiffes; als dritter der Kommandeur der Bodentruppen; und als vierter der Chef der Zivilverwaltung.

Diese Reihenfolge setzte sich natürlich bis in die unteren Ränge fort: als nächster kam der Privatsekretär seiner Exzellenz des Botschafters, dann der Zweite Offizier des Raumschiffs, der stellvertretende Kommandeur der Bodentruppen und schließlich der oberste Federfuchser der Verwaltung.

Anders erging es den untersten Chargen dieser Hierarchie: dem Barbier, Schuhwichser und Kammerdiener seiner Exzellenz; den Rekruten mit dem niedrigsten Dienstgrad, den Nullen und Strohköpfen von der Truppe und den auf Zeit angestellten Aktenschleppern und Bleistiftspitzern, die von dem Tag träumten, wo sie eine Lebensstellung und einen eigenen Schreibtisch bekamen. Diese kleinen Steine im Gebäude der hierarchischen Pyramide mußten an Bord bleiben und hatten striktes Rauchverbot.

Wären sie jedoch auf einer feindlich gesinnten Welt gelandet, die sie mit gefährlichen Waffen empfangen hätte, wäre die Reihenfolge des Ausstiegs umgekehrt gewesen, getreu dem Versprechen der Bibel, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten sein sollen.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ein großer Spaß für Leute, die gern über Autoritäten lachen. Die EXPLOSION habe ich mehrfach gelesen, den PLANETEN sogar inzwischen zum zehnten Mal; dieses Buch begleitet mich (in diversen Ausgaben) seit meinem 19. Lebensjahr.

Wo aufgestöbert?

Den PLANETEN 1981 als Raubdruck in irgendeinem Laden in irgendeinem besetzten Haus - those were the days! UFA-Fabrik, schätze ich mal. Die EXPLOSION erst vor vielleicht zehn, fünfzehn Jahren, als ich begriff, dass Russell noch mehr von diesem Raumschiff erzählt hat ...

(Eigenhändige Scans der gelesenen Exemplare. Terra Taschenbuch 101, 159 Seiten. Moewig, München 1965. Broschur, 88 Seiten. Verlag Wolfgang Reuschle, Berlin 2. Auflage 1984)

Und sonst?

In meinem Perry-Rhodan-Roman DIE STERNENHORCHER (2003) habe ich diesem Buch, das zu meinen Lieblingsbüchern zählt, an mehreren Stellen Reverenz erwiesen. In Erinnerung habe ich noch den Doktor Mimo Serleach, wie er gegen Ende auf seinem Fahrrad sitzt und zusieht, wie das Raumschiff von der Erde wieder abfliegt - ohne ihn ...


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English summary for foreign readers: Eric Frank Russell's novelette "And Then There Were None" is one of my all-time favourites. I read it first when I was 19 and just read it for the 10th time.

Mittwoch, 15. März 2017

Gelesen: Terry Pratchett, DIE FARBEN DER MAGIE (GB 1983)

Worum geht's?

Nach einem Arbeitsunfall während des Studiums führt ein Zauberer einen Touristen zu einigen Sehenswürdigkeiten der Scheibenwelt. Von irgendwas muss man ja leben.

Wie ist das Buch geschrieben?

Episodenhaft. Dennoch spannt sich ein schöner Bogen von der ersten bis zur letzten Szene.

Was gefiel nicht so?

  • Ich verstehe nicht recht den Reiz, gleich vierzig Bände einer Fantasyparodie zu lesen - geschweige denn zu schreiben.
  • Alles ist sehr nett.

Was gefiel?

  • Alles ist sehr nett.
  • Und unterhaltsam.

Gute Stelle?

Ich mochte vor allem die Stellen, an denen Absurdes sehr wuchtig und sehr wissenschaftlich beschrieben wird. Da schimmert dann was Poetisches durch, und das ist ein erstaunlicher Effekt.

Gleich in der Eingangsszene, Deutsch von Andreas Brandhorst:

Dort kommt die Schildkröte Groß-A'Tuin. Langsam schwimmt sie durch den interstellaren Ozean - Wasserstoffeis klebt an ihren dicken Beinen, und Meteore haben zahllose Krater im riesigen alten Panzer hinterlassen. Aus tränenden Augen groß wie Meere, von Asteroidenstaub verklebt, blickt die Schildkröte einzig und allein zum Ziel.

Mit geologischer Trägheit ziehen Gedanken durch ein Gehirn, das größer ist als eine Stadt, und die meisten gelten dem Gewicht.

Für das Gewicht sind in erster Linie Berilia, Tubul, Groß-T'Phon und Jerakeen verantwortlich, die vier riesigen Elefanten, auf deren breiten, vom Sternenschimmern gebräunten Schultern die Scheibenwelt ruht. Ein langer Wasserfall schmückt ihren Rand, und darüber wölbt sich das himmelblaue Firmament.

Bisher haben die Astropsychologen noch nicht herausgefunden, woran die Elefanten denken.

Die Existenz der Sternenschildkröte galt nur als Hypothese, bis man im kleinen geheimnisvollen Königreich von Krull, wo die randnächsten Berge über den Wasserfall hinausreichen, ein Flaschenzuggerüst auf der steilsten Klippe baute. Von dort aus ließ man mehrere Beobachter in einer mit Quarzfenstern ausgestatteten Messingkapsel hinab; sie sollten feststellen, was sich unter der Welt befand.

(Diese vielen Hervorhebungen jedoch - brr! Da schüttelt's mich.)

Zu empfehlen?

Ich weiß nicht. Mir ist das alles zu nett und harmlos und sympathisch von der Erzählhaltung her. Die Figuren leben nicht, mich interessiert ihr Schicksal nicht. Dennoch las sich das Buch gut runter - nette Lektüre für einen Tag der Genesung von einem grippalem Infekt.

Wo aufgestöbert?

Scheibenwelt-Bücher braucht man ja nun wirklich nicht aufzustöbern, die liegen überall rum, und schon meine erste Freundin las die gerne. Neulich empfahl mir Freund und Mitzwitscherer Molosovsky mal wieder welche (BROMELIAD, SMALL GODS, THE WEE FREE MEN), aber ich wollte dann doch mit dem Anfang anfangen.

(Cover der gelesenen Ausgabe. Taschenbuch, 249 Seiten. Piper, München/Berlin. Vollständig überarbeitete Neuausgabe, 2. Auflage Juli 2016)

Und sonst?

Dreierlei.

Erstens: Ich habe keine Ahnung, warum das Teil auch in der "vollständig überarbeiteten Neuausgabe" DIE FARBEN DER MAGIE heißt, wo im Text doch immer wieder ausdrücklich die eine Farbe der Magie vorkommt, das Oktarin. Ist bestimmt irgend so ein Verlagsvoodoo.

Zweitens: Für alle Scheibenwelt-Fans, die mir jetzt zürnen, weil ich die beste aller humorvollen Fantasywelten nicht toll finde, hier noch was, für das sie mir vielleicht dennoch danken werden:



Drittens: Spätestens wenn ich das nächste Mal krank bin, lese ich bestimmt noch meinen zweiten Scheibenwelt-Roman.


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English summary for foreign readers: I've read the first discworld novel - my first one, too. It was a bit of a bore but quite nice for recovering from a cold.

Mittwoch, 8. März 2017

Gelesen: H.G. Wells, DER KRIEG DER WELTEN (GB 1898)

Worum geht's?

Die Marsianer kommen mit Hitzestrahlen und Giftgas und machen Südengland platt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Ökonomisch knapp auf gerade mal 228 Seiten. Ein Ich-Erzähler berichtet im Rückblick und greift auch andere Berichte auf.

Was gefiel nicht so?

Dass diese Ausgabe noch mit ein paar Erzählungen ausgepolstert wurde, wohl um wenigstens ansatzweise den heute gefragten Umfang zu erreichen.

Was gefiel?

  • Die dritte der überflüssigerweise hinzugefügten Erzählungen, "Das Land der Blinden", ist richtig gut!
  • Wells war schon als junger Autor ein unglaublich aufgeräumter, nie die Übersicht verlierender Erzähler.
  • Der Fokus liegt nicht auf militärischer Action. Die kommt zwar vor, aber im Wesentlichen dreht sich der Roman um die Schrecken der Zivilbevölkerung.
  • Die Spiegelung macht Spaß: Die Kolonialmacht schlechthin droht selber Kolonie zu werden.
  • Das ausführliche Nachwort von Elmar Schenkel zu Entstehung und Wirkungsgeschichte

Gute Stelle?

Seite 193, der Ich-Erzähler unterhält sich mit einem Artilleristen. Deutsch von Hans-Ulrich Möhring:

"Und selbst wenn es ein bisschen länger dauert, [sagt der Artillerist,] wie soll das was am Ausgang ändern? Menschen gegen Ameisen, so sieht's aus. Die Ameisen bauen ihre Städte, leben ihr Leben, haben Kriege, Revolutionen, bis die Menschen sie aus dem Weg haben wollen, und schon sind sie aus dem Weg. Genau das sind wir im Moment - Ameisen, sonst nichts. Bloß ..."

"Ja", sagte ich.

"... dass wir essbare Ameisen sind."

Huuuh!

Wo aufgestöbert?

Mitbringsel von Fischer-Tor-Chef Hannes Riffel

 (Coverabbildung: Fischer. Gebunden mit Schutzumschlag, 303 Seiten. Fischer Klassik, Frankfurt am Main, Februar 2017)

Zu empfehlen?

Aber ja! Ein verdienter Klassiker.

Und sonst?

Will ich noch mehr von Wells lesen! Bis jetzt kenne ich noch DIE ZEITMASCHINE und DIE ERSTEN MENSCHEN AUF DEM MOND, und alle drei Romane haben mir sehr gefallen. Auch das (natürlich veraltete) Sachbuch DIE GESCHICHTE UNSERER WELT war vor Jahren ein Vergnügen.

Die Verlagsseite zum Buch findet ihr dort.


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English summary for foreign readers: I've read, and really liked, the classical WAR OF THE WORLDS by H.G. Wells.

Montag, 6. März 2017

Fazit eines Anthropologen

"Die Werte, an denen die Menschen unter ungeeigneten Bedingungen am hartnäckigsten festhalten, sind genau jene, durch die sie zuvor ihre größten Triumphe über widrige Umstände gefeiert haben."
- Jared Diamond, KOLLAPS (USA 2005)


Freitag, 3. März 2017

Randnotiz: Wieso nur die Frauen?

Vorhin zum Frühstücksausklang bin ich in Jared Diamonds faszinierendem Sachbuch KOLLAPS, das ich gerade zum zweiten Mal lese, über eine Stelle gestolpert:


Wieso sollen während solcher Hungersnöte nur immer die Dorset-Frauen zu den Inuit gegangen sein?

Das sieht mir doch - wieder einmal - ganz nach einer Projektion aus. Wissenschaftler sind auch nur Menschen, Männer in diesem Fall.

Viel plausibler wäre für mich interessierten Laien folgendes Szenario:

Wie Diamond an anderer Stelle ausführt, lebten die Inuit "in großen Siedlungen, die in der Regel Dutzende von Menschen beherbergten, darunter 10 bis 20 erwachsene männliche Jäger und Kämpfer". Es ist sogar in einer besonders günstigen Gegend "eine riesige Ansiedlung" dokumentiert, "die allmählich auf mehrere hundert Behausungen anwuchs."

Dorset-Menschen dagegen wohnten aus Gründen der schlechteren Anpassung und Effizienz "in kleinen Siedlungen mit nur ein oder zwei Häusern, die jeweils nicht mehr als zehn Personen Platz boten, darunter nur wenige erwachsene Männer".

Diese wenigen erwachsenen Dorset-Männer dürften für die Inuit keine große Gefahr dargestellt haben.

Sowohl von Dorset-Menschen als auch von Inuit sind kulturinterne Handelswege von mindestens 1.000 Kilometern Länge dokumentiert; das führt Diamond an anderer Stelle aus.

Was also spricht dagegen, dass die Dorset-Männer (die nicht zur anspruchsvollen Jagd nach Inuit-Art taugten, weil ihnen die lebenslange Übung fehlte) mit den Inuit schlicht einen Handel eingegangen sind?

Sie zeigten den Inuit-Männern, wie man Knochenmesser herstellte, Schneekuppeln baute, Speckstein bearbeitete und Thule-5-Harpunenköpfe herstellte.

Im Gegenzug wurden sie von den hochspezialisierten Inuit-Jägern mit durchgefüttert.

Auch nur "eine Vermutung", klar. Doch sie erscheint mir viel plausibler als herzlose Frauen, die en bloc ihre Männer und Väter ihrer Kinder verlassen und damit dem Hungertod preisgegeben haben.



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English summary for foreign readers: I'm reading for the second time, and thinking about, COLLAPSE by Jared Diamond.