Dienstag, 21. Februar 2017

Man steigt nie zweimal in dasselbe Buch

Wer regelmäßig dieses Blog verfolgt, weiß, dass ich Bücher gern mehrmals lese. So, wie man nicht zweimal in denselben Fluss steigt, liest man auch nicht zweimal dasselbe Buch. Man selbst hat sich bei jeder Lektüre ein bisschen verändert, steckt in differierenden Lebensumständen, und mit etwas Abenteurerglück oder einer glücklichen Hand bei der Auswahl der Lektüre hat sich auch das Weltwissen um ein paar Fitzelchen erweitert.

Ein schönes Beispiel dafür hat sich heute Morgen gezeigt. Ich lese gerade KOLLAPS von Jared Diamond zum zweiten Mal, ein faszinierendes Buch über die These, wie Gesellschaften sich entscheiden, ob sie erfolgreich weiterbestehen oder versagen. Darin werden diverse Gesellschaften dargestellt, die überlebt haben oder eben untergegangen sind, darunter auch die Wikinger mit ihren Kolonien in Grönland und an der Küste Nordamerikas.

Bei der Erstlektüre wunderte ich mich über folgende Passage:

Ein weiterer Beleg für spätere Besuche der Wikinger in Labrador findet sich in der isländischen Chronik: Sie berichtet aus dem Jahr 1347 über ein grönländisches Schiff mit einer 18-köpfigen Besatzung, das Island erreichte, nachdem es auf der Rückreise von "Markland" seinen Anker verloren hatte und vom Kurs abgetrieben worden war. Der Bericht in der Chronik ist kurz und sachlich, als sei das Ereignis nichts Ungewöhnliches: "Dieses Jahr lautet die Neuigkeit, dass eines dieser Schiffe, die jeden Sommer nach Markland fahren, seinen Anker verloren hat, und ebenso schüttete Thorunn Ketilsdóttir auf ihrem Bauernhof von Djupaladur einen großen Eimer Milch um, und eines der Schafe von Bjorni Bollason ist gestorben, und das war alles, was es in diesem Jahr Neues gab, nur das Übliche."

Meine Verwunderung galt nichts Großem, ich hätte nur diese zitierte Passage aus der Chronik nicht als "kurz und sachlich" eingeordnet, sondern eher als spöttisch. Sie klang für mich doch sehr nach dem sprichwörtlichen Sack Reis in China. Außerdem konnte ich mir kaum vorstellen, dass es in jenem Jahr keine Hochzeiten gegeben hatte, keine Todesfälle, Geburten, Brände oder ähnliches.

Heute, bei der Zweitlektüre, blieb ich wieder daran hängen, und diesmal wusste ich mehr. Ich hatte ja neulich DIE WIKINGER von Anders Winroth gelesen, und darin finden sich mehrere Stellen, an denen Wikinger in schriftlichen Quellen ihre Erlebnisse durch absurde Vergleiche herunterspielen. Einen sehr gelungenen Vergleich habe ich neulich getwittert:



Jetzt, wo ich das weiß, kann ich den Bericht in der isländischen Chronik unmöglich noch als "kurz und sachlich" verstehen, sondern nur noch als (offenbar typisch) skandinavisches Understatement. Ich sehe da zwei Wikinger richtig vor mir.

Der eine ist der Chronist: "Und dann seid ihr doch im Herbst noch abgetrieben worden und wärt fast draufgegangen."

Darauf der andere: "Ach, jaja, und der Thorunn Ketilsdóttir ist ein Eimer Milch umgekippt."

Der Chronist: "Soll ich das schreiben? Ich schreib das!"

Und beide boxen sich lachend an die Schulter.

Irgendwie so.

Darum jedenfalls lese ich Bücher, auch und gerade Sachbücher, gern mehrmals.


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English summary for foreign readers: I like to read good books several times. You never step into the same book twice.

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