Donnerstag, 9. Februar 2017

Das 20. Jahrhundert im Spiegel des Polit-Thrillers

Neulich bin ich beim historischen Herumstöbern auf ein tolles sekundärliterarisches Buch gestoßen, das ich euch ans Leseherz legen möchte - auch weil es bei Erscheinen vor elf Jahren offenbar in der Flut der Neuerscheinungen untergegangen ist:

PHANTASTISCHE WIRKLICHKEIT von Hans-Peter Schwarz


Schwarz ist ein mehrfach ausgezeichneter Historiker mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte; er hat unter anderem zu Adenauer gearbeitet. Wann hat man das schon mal, dass jemand so Kompetentes dann Genre-Sekundärliteratur schreibt? Ich fand das Konzept, eine Literaturgeschichte des Polit-Thrillers mit seinen zeitgeschichtlichen Hintergründen zu verschränken, jedenfalls extrem spannend und habe mir das Buch sofort antiquarisch besorgt.

Wobei ich kein großer Leser von Polit-Thrillern bin; Sachbücher über Politik und Zeitgeschichte interessieren mich mehr. Von den dreizehn Autoren, die Schwarz in ausführlichen Kapiteln behandelt, habe ich nur vier gelesen, Graham Greene, Ian Fleming, John Le Carré und Paul E. Erdman, und davon nur Greene mit fünf Titeln etwas umfassender.

Gerade darum wollte ich mich schon lange etwas schlauer über dieses Genre machen.

Das geht mit Schwarz' Buch wirklich wunderbar. Er schreibt pointiert und offenbar sachkundig; diese Einschätzung Graham Greenes kann ich jedenfalls bestätigen:

"[...] lassen sich bereits einige Grundmuster erkennen, die dann bis zum Lebensende den Spion Graham Greene, aber ebenso den Thriller-Autor und Publizisten kennzeichnen: zwielichte Loyalität, tendenzielles Doppelagententum, individualistische Frechheit und ein Anflug von Absurdität."

Damit beschreibt er sehr schön, was Greene für mich so interessant macht.

Schwarz ist zwar Historiker, aber er hat diese Genreübersicht nicht im sachlich-neutralen Tonfall verfasst, sondern mit Entschiedenheit und Meinungsfreude. Ich mag es immer sehr, wenn der politische Standpunkt eines Autors auch deutlich vertreten wird; nichts ist schlimmer, als wenn jemand seine Vorstellungen hinter pseudoobjektiven Verallgemeinerungen versteckt und sie mir also unterzujubeln versucht. Nein, er soll seinen Blickwinkel deutlich darstellen und dann ordentlich und mit Redlichkeit vertreten! Nur so lohnt sich das.

Schwarz' Buch ist aus einem, ich würde sagen, liberalkonservativen Blickwinkel geschrieben. Schauen wir uns also abschließend an, wie er Tom Clancy beschreibt, der ja quasi das genaue Gegenteil zu dem "linken Großschriftsteller" Graham Greene ist:

"Clancy [...] verkörpert [...] die Entschlossenheit und die kriegerischen Instinkte des Rechtskonservativen [...]. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hält er länger an dem Mißtrauen gegen die Gorbatschowsche Entspannungspolitik fest als selbst Ronald Reagan. Seit dem Untergang der Sowjetunion sucht er den Horizont unablässig nach neuen Feinden ab, um sie in virtuellen Kriegen zu vernichten. Je dicker seine Wälzer werden, umso länger werden bei ihm auch die politischen Predigten. Seine Botschaft ist stets dieselbe: Das große Amerika, Leuchtturm der Demokratie, ist von sehr gefährlichen Mächten umgeben. [...] In Clancys aufgeschwemmten Thrillern ist der amerikanische Glaube rechtsrepublikanischer Provenienz gewissermaßen im Breitwandkino zu besichtigen."

Mir hat Schwarz' mit knapp 350 Seiten auch erfreulich verdichtete Geschichte des Polit-Thrillers großen Spaß gemacht. Ich werde doch noch einige einschlägige Romane des Genres lesen müssen!


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English summary for foreign readers: I've read Hans-Peter Schwarz' fascinating history of "the 20th century in the mirror of political thrillers".

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