Montag, 15. August 2016

Michael Moorcocks Dschungelbücher

Wenn der Sommer in Berlin einmal wieder so richtig heiß und dampfig ist, überkommt mich unweigerlich eine eigentümliche Leselaune!




Das Witzige daran ist, dass Moorcocks Bücher ja gar nicht in subtropischen Gegenden spielen - GLORIANA beginnt sogar in einem bitterkalten Londoner Winter. Dennoch atmen sie für mich Dschungelatmosphäre. Das liegt vor allem an ihrer Lebendigkeit, an ihrer Unübersichtlichkeit, an ihren alle Handlung durchdringenden und überwachsenden wildwuchernden Details. Ein Schritt nur führt dich vom Duft des Lebens zum Gestank des Todes, oder auch mal umgekehrt, und was dich in drei, vier Schritten Entfernung erwartet, siehst du nicht.

So wirken Moorcocks Bücher auf mich, und GLORIANA macht da keine Ausnahme.

Gloriana, die "unerfüllte Königin", regiert nach der Schreckensherrschaft ihres Vaters als ein fleischgewordenes Symbol der Friedfertigkeit und Größe Albions. Doch nun droht Krieg, und verschiedene Interessen und persönliche wie gesellschaftliche Traumata erschweren eine Ausgleichspolitik enorm.

Das ist alles komplex und spannend und spitzt sich auch schön dramatisch zu, aber um Handlung geht es mir bei der Lektüre von Moorcock kaum. Die Sprache ist's, die Beschreibung, die Erzählweise. Sie nehmen mich mit, hauchen mich an mit diesem Dschungelatem, hauen mich um.

Das Spektrum reicht von kleinen Aphorismen ...



... über wilde Vergleiche ...



... bis hin zu herrlich absurden, stimmungsvollen Vignetten und Schlenkern innerhalb der Haupthandlung:

Hinter den zugeschnittenen Büschen zur Rechten erscholl ein Schrei, und ein langbeiniges Wesen, dem Anschein nach gepanzert, rannte über den Weg, durch eine weitere Hecke und auf eine Wiese. Die Königin und ihre Damen blieben erschrocken stehen und ihre Verblüffung nahm noch zu, als drei Männer der Palastwache in wehenden Wappenröcken und mit verrutschten Baretten auftauchten, die in wilder Verfolgung der gepanzerten Gestalt hinterherstürzten, die blanken Degen in den Fäusten, während ein gutes Stück hinter ihnen ein keuchender Meister Tolcharde in fleckigem Arbeitskittel in Sicht kam, das Samtbarett in der Hand, und immer wieder rief: "Halt! Wartet! Tut ihm nichts!"

"Meister Tolcharde!"

Die Stimme der Königin brachte den Erfinder stolpernd zum Stillstand und er wandte sich mit einer linkischen Verbeugung den drei Damen zu, während sein Blick noch den Wachsoldaten und ihrer Beute folgte.

"Wer ist das, Sir?" Die Königin war hoheitsvoll, aus Gewohnheit oder vielleicht, um ihre beiden Begleiterinnen zu erheitern. "Wen verfolgen die Leute, Meister Tolcharde?"

Er schnappte nach Luft und versuchte zu sprechen. Er wedelte hilflos mit den Händen, offensichtlich in höchster Not. "Majestät! Eine kleine Adjustierung ... mehr ist nicht nötig. Vergebt mir ..."

"Einer von euren Gehilfen? Ein Gefangener des Than?"

"Nein, Majestät, kein Diener und kein Gehilfe. Ach du meine Güte!" Er war außerstande stillzuhalten und konnte kaum erwarten, die Verfolgung fortzusetzen. Ängstlich und besorgt blickte er immer wieder zu der blitzenden, bunten Gestalt hinüber, die um eine große Eibe rannte, ein Beet mit Stiefmütterchen zertrampelte und einen der Soldaten, der ihr mannhaft den Weg vertrat, über den Haufen warf.

[...]

"Wer ist es, Sir?", fragte die Königin.

"Ein Harlekin, Majestät."

"Ein Komödiant? Was hat er mit Euch zu schaffen?"

"Es ist mein Harlekin, Majestät. Von mir gemacht. Ein mechanisches Geschöpf, Majestät. Ich wollte ihn Euch in einer .... Ich werde ihn Euch später vorführen, Majestät. Ich bitte Euch nur, sagt den Wachen, sie sollen ihn nicht beschädigen. Die Maschinerie ist kompliziert."

"Und leicht durcheinander zu bringen?", fragte die Königin belustigt.

"Gegenwärtig noch, aber das wird in Ordnung gebracht. Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt, Majestät ..."

"Bemüht Euch, nicht den ganzen Garten zu verwüsten, Meister Tolcharde."

Der Erfinder verbeugte sich hastig und dankbar und lief schon weiter, um den Männern der Palastwache zuzurufen: "Halt! Halt! Ihr werdet ihn nur noch mehr beschädigen! Lasst mich nur an den Hebel, dann bleibt er stehen!"

(Seiten 312/313, Deutsch von Walter Brumm und Rainer Michael Rahn)

Falls ihr auf so etwas steht, gönnt euch dieses sehr britische Stück Multiversum! Mir hat es großen Spaß gemacht.

Nun geht der Sommer, und Moorcock verschwindet ein weiteres Mal in meiner Handbibliothek nach unten.

Aber nächstes oder übernächstes Jahr, wenn wieder einmal ein paar heiße und dampfige Berliner Sommertage kommen, schwinge ich mich garantiert irgendwann auf mein Rad und klappere Antiquariate ab*), um das nächste von Moorcocks Dschungelbüchern zu erstehen!


P.S. Hier noch die beste GLORIANA-Titelillustration, die ich gefunden habe; für die russische Neuausgabe. Das Cover von Heyne in der Reihe "Meisterwerke der Fantasy" ist leider nicht so doll.




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*) Wobei die ELRIC-Bücher jetzt tatsächlich auf Deutsch neu aufgelegt werden, bei Mantikore und sogar mit zahlreichem Zusatzmaterial.


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English summary for foreign readers: Michael Moorcock's novels are jungle books for me. I only read them in Summer.

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