Donnerstag, 4. August 2016

Gelesen: William L. Shirer, AUFSTIEG UND FALL DES DRITTEN REICHES (USA 1960)

Worum geht's?

Dieser 1000-Seiten-Wälzer war fünfzehn Jahre nach Kriegsende einer der ersten Versuche, den Nationalsozialismus historisch zu fassen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sachlich, der Zeit entsprechend auch mit einer gewissen Knorrigkeit. Politischer Blickwinkel: bürgerlich-liberal. Ergänzt um einen ausführlichen Anmerkungs- und Quellenapparat.

Was gefiel nicht so?

Einige Mutmaßungen oder Darstellungen sind inzwischen von der Forschung widerlegt worden. Aber das versteht sich bei einem solchen Klassiker von selbst.

Beispiel: Georg Elser wird noch als dümmlicher, beschränkter Einzeltäter dargestellt und der Attentatsversuch als mögliche Säuberungsaktion innerhalb der NSDAP. Erst vier Jahre später sind dann Dokumente aufgetaucht, mit denen solche Theorien nicht länger haltbar waren.

Was gefiel?

  • Wie dem sehr um Objektivität bemühten Autor immer mal wieder die Hutschnur platzt und er emotionelle Zwischenbemerkungen à la "(endlich!)" einfügt, ist - bei diesem fürchterlichen Thema - herzerwärmend.
  • Dass der Autor als Zeitzeuge und Journalist die meisten von Hitlers großen Reden selbst im Saal oder vor dem Volksempfänger gehört hat; das Buch enthält viele Berichte aus erster Hand.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine notiert. Hier darum die offenherzige Selbstverteidigung des Autors aus dem Vorwort, Deutsch von Wilhelm und Modeste Pferdekamp:

Viele meinen, es sei zu früh, eine Geschichte des Dritten Reiches zu schreiben, und man solle diese Aufgabe einer späteren Generation überlassen, die die Dinge dann aus einem größeren Zeitabstand betrachten könnte. [...]

Diese Ansicht hat viel für sich. Die meisten Historiker warteten fünfzig, hundert oder mehr Jahre, ehe sie über ein Land, über ein Reich, über eine Epoche schrieben. Aber geschah dies nicht hauptsächlich deshalb, weil es solange dauerte, bis die einschlägigen Dokumente, die ihnen das erforderliche Material lieferten, ans Licht kamen? Der Abstand war dann vorhanden. Aber war es nicht auch ein Verlust, daß die Autoren die Atmosphäre und die Gestalten der Epoche, über die sie schrieben, nicht aus persönlichem Erleben kannten?

Im Falle des Dritten Reiches - und das ist ein einzigartiger Fall - stand nach dem Untergang fast das gesamte Dokumentenmaterial zur Verfügung. Es wurde bereichert durch Aussagen aller überlebenden politischen und militärischen Führer, auch derjenigen, die später hingerichtet wurden. Angesichts dieses unvergleichlichen und so bald zugänglichen Quellenmaterials sowie angesichts meiner noch frischen, starken und lebendigen Erinnerung an das Leben im nationalsozialistischen Deutschland, an das Auftreten, das Verhalten und den Charakter seiner führenden Männer, vor allem Adolf Hitlers, beschloß ich, auf alle Fälle den Versuch zu unternehmen, die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Dritten Reiches niederzuschreiben.

Zu empfehlen?

Aber ja! Mir als jemand, der nach der über dreißig Jahre zurückliegenden Schulzeit dann Dutzende Bücher über bestimmte Einzelheiten der NS-Zeit gelesen hat, tat es sehr gut, einmal wieder eine Übersicht zu erhalten - und diese Übersicht hier ist mit tausend Seiten keine oberflächliche!

Wo aufgestöbert?

Dieses Buch hat damals bei den 68ern sehr eingeschlagen und ist entsprechend oft in Lebenserinnerungen oder politischen Sachbüchern erwähnt worden. Das hat mich immer neugieriger gemacht, und schließlich habe ich mir antiquarisch ein Exemplar besorgt.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Lizenzausgabe Komet, 1174 Seiten. Ohne Jahrgang.)

Und sonst?

Hat mich das Buch daran erinnert, dass ich schon lange eine Churchill-Biografie lesen will. Vielleicht diese dort.


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English summary for foreign readers: I've read for the first time the historical classic THE RISE AND FALL OF THE THIRD REICH from 1960 by William L. Shirer. Lacking in some aspects but still a good, readable book!

1 Kommentar:

RoM hat gesagt…

Kia ora, Frank.
Churchill ist sozusagen zum Synonym für den Behauptungswillen gegen die Vernichtungsmaschinerie des Faschismus geworden. Daß er selbst eine politische/gesellschaftliche Person mit Ambivalenzen & Widersprüchen war, verhuscht oft hinter diesem Denkmal. Maßgeblich für Winstons Charakter dürfte gewesen sein, daß er sich zeitlebens für einen Repräsentanten/Verteidiger des (verbliebenen) British Empire sah. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts, ein Fossil.

bonté