Dienstag, 9. August 2016

Gelesen: Ursula K. LeGuin, PLANET DER HABENICHTSE (USA 1974)

Worum geht's?

Nach einer niedergeschlagenen Revolution durften die Anarchisten zum Mond eines Planeten auswandern. Hundertsechzig Jahre später lebt dort ein Physiker, dessen Ideen nicht geschätzt werden und der daher zum wissenschaftlichen Austausch auf den kapitalistisch-imperialistischen Mutterplaneten zurückkehren will. Diese Reise wird zwei Gesellschaften erschüttern.

Wie ist das Buch geschrieben?

Klar und einfach im Kleinen, komplex im Großen. Mit einem Hauch von Zen.

Was gefiel nicht so?

Die Übersetzung hakelt manchmal - aber so richtig stört mich das nicht, siehe unten.

Was gefiel?

  • die Mehrdeutigkeit dieser Utopie (siehe auch den Untertitel des Originals: "An Ambiguous Utopia")
  • die tollen Männer-, Frauen- und Kindergestalten
  • LeGuins Stil, der sehr dicht an den Dingen dran ist

Gute Stelle?

Das Buch kommt für mich einer Bibel noch am nächsten; da finde ich überall gute Stellen. Nach dem Zufallsprinzip den Daumen reingesteckt - Seite 133, Deutsch von Gisela Stege:

Shevek lachte; Atros Späße belustigten ihn. Aber der Alte meinte es ernst.

So kippt in diesem Buch die Wahrnehmung ständig.

Zu empfehlen?

Aber ja. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! Als junger Mann habe ich es geradezu als Trostbüchlein genossen, wann immer mir die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, zu groß und zu schmerzhaft war. Dabei kein Traumbuch, sondern sehr konkret, sehr an Widersprüchen interessiert.

Wo aufgestöbert?

Wahrscheinlich schon 1976 die deutsche Erstausgabe in der tollen Taschenbuchabteilung von Karstadt am Hermannplatz damals. Ich besitze aber eine Ausgabe aus den 1980ern:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 351 Seiten. Heyne, München 1989)

Und sonst?

Anlass fürs Wiederlesen war die Leseprobe der Neuübersetzung bei Fischer Tor, die nächstes Jahr unter dem schönen Titel FREIE GEISTER herauskommen wird, der dann endlich die Dostojewski-Anspielung des Originals widerspiegelt (The Dispossessed - The Possessed - Die Besessenen bzw. Böse Geister - Freie Geister).

Ich las diese Leseprobe und hatte große Schwierigkeiten mit dem neuen Sound. Die neue Übersetzung ist bestimmt besser als die alte, aber ich wollte ständig rufen: Halt, das geht so nicht!

Einfach weil ich dieses Buch in seiner alten Fassung über Jahre hinweg passagenweise auswendig konnte.

Das wird eine spannende, nervenzerrende Neulektüre nächstes Jahr! Ich freue mich schon darauf.


-----

English summary for foreign readers: I've read for the sixth time THE DISPOSSESSED by Ursula K. LeGuin - one of my all-time favourites!

1 Kommentar:

RoM hat gesagt…

Bore da, Frank.
Die persönlichen Klassiker, neu übersetzt, vorgelegt zu bekommen...kann einem schon über den Schlips fahren. Beispielhaft die modernisierte Sprachpolitur im "Herr der Ringe"; wann immer dort Sam Frodo mit "Chef" anspricht kracht es im sprachlichen Gebälk. Als würden sich Aragorn & Legolas mit einem "Was geht ab, Alter!" begrüßen wollen. ;-)
Muß aber nicht zwangsläufig das Resultat von Neuübersetzungn sein. Neuauflagen sind zu begrüßen - zumal in der SF.

bonté