Dienstag, 3. Mai 2016

Noch ein paar Worte zur Feuilleton"diskussion"


Am 21. und 22. April fand in Köln das erste Branchentreffen des neugegründeten Autorenverbands PAN statt.

Ich bin in den 1980ern so schnell in den Verband deutscher Schriftsteller eingetreten, wie der mich überhaupt aufnehmen konnte, und halte entsprechend wenig von solchen kleinen, durch ihre Spezialisierung zwangsläufig zum Provinziellen neigenden "Berufsverbänden".

Nein, das ist kein Vorurteil - sondern eine seit dreißig Jahren, in denen ich mich stets sowohl in der allgemeinen Literatur als auch in diversen Genres getummelt habe, immer wieder bestätigte Meinung.

Trotzdem war ich neugierig und habe am bezeichneten Wochenende mehrmals gespannt verfolgt, was unter dem Hashtag #1stPANBT getwittert wurde. Das hat, so aus der Ferne, Spaß gemacht - zumal erfreulich viele Beteiligte fleißig geschrieben und auch Bilder und sogar gut gemachte Videos geteilt haben!

An einer Stelle, wo es darum ging, warum im Feuilleton "wenn überhaupt, nur US-Autoren besprochen" würden, hat sich mir dann allerdings, wieder einmal, die Stirn gefurcht, und ich habe mich ins Gezwitscher eingeschaltet.



Ich kann das wirklich nicht mehr hören.

Wie gesagt, ich bewege mich seit dreißig Jahren in beiden Szenen. Ich bin sowohl zu Cons gefahren und habe in SF-Magazinen veröffentlicht und einige Perry-Rhodan-Romane geschrieben als auch für meine allgemeine Literatur Stipendien erhalten, Literaturnächte für den Berliner VS mitorganisiert, wo ich auch mal Beisitzer im Vorstand gewesen bin, habe bei Vernissagen und auf Probebühnen gelesen und und und.

In all den Jahren habe ich immer wieder Klagen von Genreautoren erlebt, wie sehr doch die Fantastik vom bösen Feuilleton ignoriert werde.

Hey, das stimmte in dieser Schärfe nicht einmal Ende der 1970er, Anfang der 1980er! Ich war damals Abonnent der SF-NACHRICHTEN bzw später SF-NOTIZEN. Dabei handelte es sich um einen ungefähr 14tägig verschickten Newsletter, in dem Herausgeber Kurt S. Denkena unter anderem dokumentierte, was im Feuilleton über SF/Fantasy/Horror geschrieben wurde. Er hatte in praktisch jeder Ausgabe irgendwelche Zeitungsausschnitte drin, für den Berliner Raum oftmals geliefert von mir.

Leute, die über das ach so ignorante Feuilleton jammerten, kannten - ich brauche es kaum zu sagen - Kuddels Fanzine in der Regel nicht.

Zurück zu #1stPANBT. Auf diese Ignoranz seitens der Genreleute dem Feuilleton und der "Hochliteratur" gegenüber ging ich meinem nächsten Tweet dann auch ein:



Und als jemand dann gänzlich unbeleckt von entsprechendem Wissen behauptete, im Feuilleton fände Fantastik nicht etwa zu wenig oder aus zu hochnäsiger Warte, sondern schlicht und einfach gar nicht statt:



Da wollte ich dann, weil Gegenreden kamen à la dass meine Behauptung nicht stimme, sei doch "offensichtlich", einen Beleg nicht schuldig bleiben:














Dass darauf von Seiten der #1stPANBT-Twitterer dann nicht weiter eingegangen wurde, versteht sich fast von selbst. Die einzigen ernsthaften Gegenreden kamen von Leuten, die selbst Feuilleton lesen und meine Schärfe zu einseitig fanden.

Einen Tag später kaufte ich mir aus anderweitigem Interesse die erste Ausgabe der FAZ-Woche und konnte gleich noch eine Probe aufs Exempel machen:





Soweit also meine Meinung zur Feuilleton"diskussion".

Eine Pointe habe ich auch noch:

Ich bin in meinem Autorenleben bis jetzt - von Kurzmeldungen wie Stipendiatenaufzählungen oder Veranstaltungshinweisen einmal abgesehen - genau zweimal im Feuilleton gewesen.

Einmal in der Berliner Zitty, nicht schlecht, und einmal, hey überregional, im Stern.

Beide Male ausgerechnet mit meinen Romanen für, ta-taa, Perry Rhodan.


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English summary for foreign readers: German sf/fantasy writers often whine newspapers and magazines would ignore the fantastic, but that's not true. What newspapers do ignore, is a) mediocre sf/fantasy b) nobody talks about.

Kommentare:

Enpunkt hat gesagt…

Schöner Artikel. Ich folgte ja Deinen Tweets und fand sie in der Gesamtheit teilweise auch überzogen. Wenn wir Phantastik im Allgemeinen nehmen, findet sie im Feuilleton natürlich statt. Nehmen wir aber Fantasy-Literatur im Besonderen – und um die ging es den Kollegen ja vor allem –, sieht es in der Tat anders aus ...

Enpunkt hat gesagt…

Ach so: Ich hab's jetzt auch gleich mal überall geteilt. Mal schauen, ob sich dann einige melden.

Frank Böhmert hat gesagt…

Naja, Enpunkt, wer Fantasy meint, sollte nicht vornehm von "Phantastik" reden; das lässt die eigene Argumentation verschwimmen.

Aber selbst wenn ich einmal die Fantasy-Lupe aufsetze, haut das hinten und vorne nicht hin. Die erste Welle von Fantasy-Themen im deutschsprachigen Feuilleton gab's mit dem editorischen Erfolg der Hobbitpresse in den 1970ern; neben derens Tolkien & Co. habe ich da vor allem Michael Ende bei Thienemann und Edition Weitbrecht in Erinnerung. Viel Später war Cornelia Funke im Feuilleton - die hätte ich ohne das nie wahrgenommen. Etwa um die Funke-Zeit brachte Literaturen Fantasy als Titelthema, Herausgeberin Sigrid Löffler, die nie einen Hehl daraus gemacht hat, Tolkien-Fangirl zu sein - eine der bekanntesten Literaturkritikerinnen der deutschen Sprache. Und so weiter. Der Wirbel um Harry Potter.

Das wären dann wieder ein paar Feuilleton-Namen, an denen sich unsere Fantastik messen lassen muss: Wer kann es mit Tolkien, Ende, Funke oder Rowling aufnehmen, mit George RR Martin, Pratchett oder Tad Williams? Also ich nicht, bei aller Unbescheidenheit :-D

P.S. Danke fürs Teilen!

Frank Böhmert hat gesagt…

Rushdie. Ich hab Salman Rushdie vergessen. Schande über mich! Seine Bücher sind gesättigt mit fantastischen Motiven von Nahost bis Vorderindien.

Er hat übrigens auch nie einen Hehl aus seiner Liebe zur SF gemacht.

breitsameter hat gesagt…

Hallo Frank, schön zu sehen, dass ich nicht der einzige bin, der dieses Rumgeheule unserer Fantasyautoren eher kritisch sieht (einschließlich der Vereinnahmung des Phantastikbegriffes). Aber am besten und treffendsten ist Deine englische Kurzzusammenfassung. ;-)

Frank Böhmert hat gesagt…

Darfst mich gern zitieren, Florian!