Montag, 9. Mai 2016

Icke auf Holländisch

Neulich trudelte hier eine nette Überraschung ein:


DIE RATTEN DER JERSEY CITY ist nicht nur ein bei den deutschen Fans sehr beliebter Perry-Rhodan-Roman, sondern wahrscheinlich auch mein gelungenster Gastbeitrag. DIE STERNENHORCHER mag ich am liebsten, aber auf die RATTEN bin ich am stolzesten - und das, obwohl ich am Ende des Schreibens damals so ausgepowert war, dass mir der geplagte Chefredakteur die letzten Kapitel kurz vor Drucklegung seitenweise aus der Nase ziehen musste.

Was finde ich selber so toll an der Geschichte?

Der inzwischen verstorbene Exposéautor Robert Feldhoff hatte sie als Tragödie angelegt, und ich hab die Schraube damals noch einen Tick weitergedreht, indem ich der Leserschaft von Anfang an klargemacht habe, dass diese Geschichte böse ausgehen wird und sie den Helden nur dabei wird zusehen können, wie sie sich vergeblich abstrampeln, um am Leben zu bleiben.

In Kapitel 1 lernen wir die eine Hauptfigur kennen, eine Soldatin auf dem Schlachtschiff JERSEY CITY, die irgendeine noch unklare persönliche Krise hat und trotz offensichtlich guter Leistungen zur Insubordination neigt.

Kapitel 2 dann liefert das Ende:

Aus einem vorläufigen Bericht an Reginald Bull zu den Vorkommnissen um den Untergang der JERSEY CITY:

Der Residenz-Minister für Verteidigung erbat eine möglichst rasche chronologische Aufzeichnung der Ereignisse vom 8. April des Jahres, um kurzfristig eventuelle Sicherheitslücken schließen zu können. Lasst mich vorab - und mit Bedauern vorgebracht! - meine Überzeugung ausdrücken, dass

a) sich eine solche Katastrophe in naher Zukunft nicht vollständig wird vermeiden lassen können, weil davon auszugehen ist, dass die entscheidenden Handlungen und Umkehrpunkte weit vor Eindringen der JERSEY CITY in die Charon-Wolke stattfanden, und

b) die mehr als mangelhafte Faktenlage uns weder jetzt noch in Zukunft gestatten wird, zweifelsfrei feststellen zu können, welche Faktoren für den Untergang der JERSEY CITY und damit für die vorübergehende Gefährdung des terranischen Stützpunkts auf Jonathon ausschlaggebend gewesen sind. Der Interpretationsmöglichkeiten sind viele, bis hin zu einem Eindringversuch seitens der Chaosmächte, aber der entscheidende Punkt ist: Wir wissen nicht auch nur ansatzweise, was sich an Bord der JERSEY CITY auf dem Weg nach Charon abgespielt hat - und was genau dort vor sich ging, als die JERSEY CITY im Luftraum von Jonathon ihre merkwürdigen Manöver ausführte, die enorme Verheerungen des örtlichen Ökosystems zur Folge hatte. Ich wiederhole: Wir wissen es nicht, und wir werden es auch nie wissen.

Zum Hergang, chronologisch:

Am 7. April 1345 NGZ erreichte die JERSEY CITY, ein LFT-Schlachtschiff der APOLLO-Klasse, offensichtlich zum verabredeten Zeitpunkt den geheimen Treffpunkt an der Charon-Schranke. Dort wurde wie geplant die Strukturdolbe PIKARU angedockt, Kommandant: Kango Au'Deran (Charonii, maSgW verstorben). Von den Charonii überlassene Aufzeichnungen des Funkverkehrs lassen lediglich den Schluss zu, dass zu diesem Zeitpunkt keine besonderen Vorkommnisse an Bord des Schlachtschiffes erkennbar waren.

Als diensthabender Kommandant der JERSEY CITY wird in den Protokollen Flor Langer (Terraner, 26 Dienstjahre, maSgW verstorben) genannt; dies entspricht den Angaben der Mannschaftsliste, nicht jedoch den ursprünglichen Dienstplänen, denen zufolge Kommandant Langer am 7. April zwei Freischichten gehabt hätte. Da Kommandant Langer bei seinen Untergebenen einen väterlichen Ruf genossen hat und als ebenso neugierig wie verantwortungsbewusst galt, steht zu vermuten, dass er sich nachträglich für den 7. April eingetragen hat, um den Durchflug des Strukturgestöbers selbst zu befehligen.

Kurz vor Eindringen in das Gestöber meldeten Aufklärer der Charonii das Auftauchen mehrerer Traitanks; jedoch war die JERSEY CITY offensichtlich nie in Gefahr, da das feindliche Geschwader in zu großer Entfernung materialisierte, um den Einflug noch verhindern zu können.

Nach einem Tag Flug erreichte die JERSEY CITY am 8. April Jonathon und wurde vom Kontrollzentrum zum Anflug des Raumhafens Photon-City angewiesen. Auch hier wurde als diensthabender Kommandant Flor Langer gemeldet, ohne besondere Vorkommnisse (siehe Protokollzelle).

Dem widerspricht eine offensichtlich automatisch abgesandte Meldung, die nach Austritt aus dem Strukturgestöber vom Kommandanten der Strukturdolbe an seine Vorgesetzten gemacht wurde. Darin heißt es, an Bord der JERSEY CITY sei eine Seuche ausgebrochen, die einen direkten Kontakt zwischen terranischer Besatzung und Charonii verbiete. Bezeichnung der Krankheit nach Charonii-Angaben: Weit-Reise-Fleck-heiß - mutmaßlich durch Mehrfachübersetzung verstümmelt. Eine Aufzeichnung der Originalaussage vermutlich von Seiten Kommandant Langers liegt bedauerlicherweise nicht vor. (Eine Anfrage an die Herkunftshäfen der JERSEY CITY bezüglich Ansteckungsgefahr wurde getätigt, Antworten stehen noch aus.)

Jedenfalls wäre diese unbekannte Seuche eine Erklärung dafür, dass die Kommunikation vor und innerhalb der Charon-Wolke allein durch Kommandant Langer getätigt wurde. Über den Zustand der Besatzung zu diesem Zeitpunkt ist nichts bekannt.

Damit sind auf Seite 6 von 59 die Fakten auf dem Tisch - nun geht es nur noch darum, ob sie stimmen beziehungsweise was sie zu bedeuten haben.

Jawoll, auf diesen Kniff - und auf einiges mehr - bin ich auch nach zehn Jahren noch stolz!

  • Mehr zum Roman, der sich auch für Nicht-Perry-Leser eignet, beim Verlag


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English summary for foreign readers: DIE RATTEN DER JERSEY CITY (Rats of the Jersey City), probably my best Perry Rhodan novel, just came out in the Netherlands as DE RATTEN VAN DE JERSEY CITY.

Kommentare:

Kringel hat gesagt…

Das ist echt ein sehr schöner Roman. Ich erinnere mich da an eine junge Frau im bauchfreien Kampfanzug :)

Frank Böhmert hat gesagt…

Danke, Kringel!

Ja, Dirk Schulz hatte ihr so einen gemalt, in der ersten Cover-Fassung. Das wollte ich natürlich übernehmen! Vergleichbares habe ich bei allen meinen Rhodan-Beiträgen gemacht, sofern die Coverentwürfe schon vorlagen.

Auf dem endgültigen Cover war die Uniform dann überm Bäuchlein zerfetzt; sah wohl dramatischer aus.