Freitag, 8. April 2016

"Mit geradezu islamistischer Verbohrtheit"

Ich lese gerade zum zweiten Mal Peter Schneiders hervorragendes Buch REBELLION UND WAHN - MEIN '68, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass Pegida & Co. so eine Art rechte APO darstellen und ich mich frage, ob wir gerade auf ein rechtes '68 zusteuern.

Neulich fand ich in seinen Memoiren eine Stelle, die sehr deutlich zeigt, wie historisch nahe uns eigentlich manches ist, was in islamisch geprägten Kulturkreisen heute passiert und das wir gern als von uns längst überwunden in vage mittelalterlich erscheinende, auf jeden Fall mindestens wilhelminische Zeiten zurückdatieren.

Schneider schreibt auf Seite 31 über die 1950er Jahre:

Es war die Zeit, da Ehefrauen ihre Männer noch um Erlaubnis fragen mußten, wenn sie arbeiten gehen, ein Konto einrichten oder den Führerschein machen wollten. Es war die Zeit, da eine Ehe oder ein Verhältnis zwischen Partnern, die nicht derselben Konfession angehörten, einer Familientragödie gleichkam - von der Verfemung homosexueller Partner ganz zu schweigen; es war die Zeit, da es im Münsterland noch üblich war, daß katholische und evangelische Schüler getrennt im Pausenhof herumspazieren und getrennte Toiletten benutzen mußten.

Im Chaos der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre hatten die Mütter notgedrungen die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Aber schon in den frühen fünfziger Jahren hatten die heimgekehrten Väter die alte Ordnung wiederhergestellt. Die volle Wucht ihres Verlangens nach Respekt und Anerkennung bekamen vor allem die halbwüchsigen Frauen der jungen Republik zu spüren - ihre Töchter. Was war ihnen nicht alles verboten! Die Vorschriften regelten nicht nur den Zeitpunkt der Rückkehr von einem Tanzvergnügen, die Frage, mit welchem Freund sie Umgang pflegen durften, die Wahl eines "für Frauen geeigneten" Berufs - im Zweifelsfall Sekretärin oder Dolmetscherin. Mit geradezu islamistischer Verbohrtheit wurden den Töchtern auch ihre Kleidung und Kosmetik vorgeschrieben: die Farbe und der Auftrag des Lippenstifts, die Breite der Augenumrandung, der Knopf, bis zu dem die Bluse geöffnet werden durfte, die Rocklänge, die Strumpffarbe, die Höhe und Breite des Schuhabsatzes. Setzten sie sich über diese Vorschriften hinweg, wurden sie nicht selten handgreiflich an "die Grenzen des Anstands" erinnert. Die Mehrzahl der heranwachsenden Mädchen in den fünfziger Jahren dürfte noch mit den wilhelminischen Handswerkszeugen der Pädagogik - Hand, Stock, Teppichklopfer - erzogen worden sein.

Das ist historisch nicht weit weg - erzogen wurde damals die heutige Großelterngeneration.

Zwei Schlüsse möchte ich daraus ableiten:

Erstens - es wird sich noch herausstellen, inwieweit viele der heutigen harschen Vorschriften, die auf jungen Musliminnen lasten, wirklich ursächlich mit "dem" Islam zu tun haben und inwieweit sie ebenfalls schlicht auf Verstörungen und Traumatisierungen durch Krieg, Bürgerkrieg und Entwurzelung zurückzuführen sind und also relativ leicht überwindbar sein werden.

Zweitens - einem kulturellen Überlegensheitsgefühl, das bei mancher hässlichen Nachricht vielleicht in uns aufsteigt, ist zu misstrauen.


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English summary for foreign readers: Even in the nineteen-fifties, German wifes had to ask their husbands for permission to make a driver's license, and German daughters faced punishment if they didn't look "decent" enough. Catholic and evangelic pupils had to spent their lunch breaks in separated spaces of the playground and would use different bathrooms, interconfessional marriages were big problems for the family. Sounds kind of islamistic, right?

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

Liest sich aber auch, wie aus dem Wahlprogramm der AFD. ;)

Frank Böhmert hat gesagt…

Die Sehnsucht nach den 1950ern gilt immer nur den fortschrittlicheren, freieren Anteilen. Was '68 überwinden musste, wird ausgeblendet.