Sonntag, 24. April 2016

Kurd-Laßwitz-Preis - Zwischenmeldung zu meinen Lektüren

Knapp einen Monat ist es her, dass die Nominierungen für den diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis bekanntgegeben wurden; ich habe hier darüber geschrieben.

In der Zwischenzeit habe ich zwei der Bücher gelesen, die mir für meine Punktvergabe interessant erschienen.

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Zunächst in der Kategorie Bestes ausländisches Werk die bei Golkonda verlegte Jo Walton mit ihren beiden bisher auf Deutsch erschienenen Büchern um Inspector Carmichael: DIE STUNDE DER ROTKEHLCHEN und das nominierte DER TAG DER LERCHE.

Die Bücher, die 1949 in einem seit acht Jahren mit den Nazis paktierenden England spielen, haben mich nicht ganz überzeugt.

Jo Walton ist eine virtuose, feinfühlige Erzählerin - aber diesen Alternativweltromanen fehlt etwas, das für mich zur grundlegenden Qualität von Science Fiction gehört: der bilderstürmerische, partisanenhafte Impuls. Das darf gern in Figurenzeichnung und Sprache fein und zurückhaltend sein, wie hier, aber die Inspector-Carmichael-Bücher sind mir in der Story und im Weltentwurf einfach zu dezent. Selbst eine doch sehr große Veränderung - der japanische Angriff auf Pearl Harbour findet nicht statt - lagert Jo Walton so weit in den Hintergrund, das sie sich in einem Interview wundern muss:

Allerdings dachte ich auch, dass jeder das Datum von Pearl Harbour kennt, dem "Tag der Ehrlosigkeit" am 6. Dezember 1941. Doch viele Amerikaner scheinen vergessen zu haben, und das, obwohl ich im Buch klar sage, dass England im Mai 1941 zur Zeit der Heß-Mission Frieden schließt.

(Phantastisch 1/2016, Seite 53)

Wenn nicht einmal die Amerikaner merken, dass in dem alternativen Geschichtsverlauf ihr nationales Trauma nicht stattfindet, dann hat die Autorin in meinen Augen etwas falsch gemacht. Walton erzählt vieles nicht, sondern lässt es aus. Das kann nicht befriedigend funktionieren.

Für Engländer hat die Vorstellung, ihr Land hätte mit den Nazis kollaboriert, vielleicht durchaus hinreichend Wucht. Doch für mich, der ich Deutscher bin und im Laufe meines Lebens bestimmt mehr als zehntausend Seiten Sachtext über den Nationalsozialismus gelesen habe, fehlt da etwas, was zum Beispiel Robert Harris in VATERLAND geliefert hat, wo er uns die riesenhaften, grotesken Speerbauten als verwirklicht nahebrachte.

Ich hätte mir dann wenigstens im Vordergrund der Krimihandlung noch eine grelle Abweichung gewünscht.

Fazit: In den Details und der Figurenzeichnung wunderbar, auch toll übersetzt, durch die fehlende Wucht jedoch für mich kein geeigneter Anwärter auf einen SF-Preis.

Wobei ich einschränkend noch hinzufügen möchte, dass ich mit dem von Walton verwendeten Untergenre des cozy mystery ohnehin meine Schwierigkeit habe; diese behaglichen Rätsel-Krimis, wie sie etwa Agatha Christie geprägt hat, haben mir nie Spaß gemacht.

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Damit zur Kategorie Bester Roman. Mein Tweet neulich sagt schon fast alles:



Die Novelle DER ALGORITHMUS DES MEERES von Frank Hebben hat mich wirklich schwer beeindruckt. Story und Erzählweise bilden eine nahezu perfekte Einheit, sämtliche stilistischen Seltsamkeiten wurzeln im Stoff. Das ist ganz, ganz groß. Dazu noch die liebevolle, wertige Ausstattung durch den Verlag - Hammer!

Auch gefiel mir - und ich will jetzt nichts verraten, darum sage ich das ganz allgemein - die Philosophie, die hinter dem Text aufschimmert und sich vor allem über den Schluss vermittelt.

Respekt! Eine eigene Stimme ist in Genreliteratur, zumal deutscher, ein seltenes Gut.

So, und falls ich euch jetzt neugierig gemacht habe: Alles andere findet ihr zum eigenen Vergnügen besser selbst heraus! Zum Beispiel beim Verlag

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Fünf Wochen bleiben noch für die Punktvergabe. Da wäre noch das eine oder andere Buch zu schaffen. Mal schauen, was ich mir als nächstes vorknöpfe!

Wie sieht's bei euch aus? Habt ihr noch in Bücher reingeguckt, die ihr bis zur Nominierung nicht auf dem Schirm hattet?


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English summary for foreign readers: Some notes on my readings for 2016 Kurd Laßwitz Prize. Jo Walton's Carmichael books didn't convince me, but Frank Hebben's DER ALGORITHMUS DES MEERES is great!

Kommentare:

Frank Böhmert hat gesagt…

Kleine Anmerkung noch: Die beiden Romane von Jo Walton hätte ich aus eigenem Antrieb nicht gelesen, die Novelle von Frank Hebben hatte ich schon auf dem Schirm und die Lektüre nur für die Punktvergabe vorgezogen. Ich habe für meinen Lesestoff doch einen ganz guten Riecher, wie es scheint!

Pogopuschel hat gesagt…

»Die fehlende Wucht« ist für mich sogar die Stärke von Waltons Romanen. Dieses Unbehagen des latenten Faschismus schleicht sich ganz subtil und beiläufig ein, so dass man es - wie die Bürger Englands in der Geschichte - erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist, was für ich die Wirkung über die lange Strecke sogar noch verstärkt.

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich habe mich beim zweiten Band großteils gelangweilt. Dieses Schleichende kenne ich dutzendweise aus der realen Historie, wie sie in Sachbüchern und Zeitromanen geschildert wird.

Als dann auch noch - verklausuliert ausgedrückt - der Schluss bei aller Dramatik keine Überraschung brachte, sondern im Ergebnis bei der realen Historie blieb, habe ich echt laut geächzt.

Pogopuschel hat gesagt…

Ich gebe zu, Band 1 hat bei mir eine deutlich größere Wirkung hinterlassen. Band 2 war plottechnisch doch zu vorhersehbar. Mir hat es immer noch gut gefallen. Ich würde allerdings auch nicht beim KLP für "Der Tag Lerche" stimmen. Da ist ja auch die Konkurrenz verdammt stark. "Moxyland", "Maschinen", "Southern Reach", um mal die zu nennen, die ich gelesen habe.

Frank Böhmert hat gesagt…

Du "würdest" nicht? Ja, bist du denn noch nicht abstimmungsberechtigt? Müsstest du doch längst sein!

Pogopuschel hat gesagt…

Da müsste ich aber den Arsch hoch kriegen und mich da melden (einen Antrag stellen?). ;)

Frank Böhmert hat gesagt…

Geh auf die Homepage, schick unserem Treuhänder eine Mail mit den drei einschlägigsten Übersetzungen, können ruhig auch die noch nicht publizierten sein, und fertig is!

Ernsthaft: Je mehr Branchenleute da mitmachen, desto treffsicherer wird der Preis.

Weil dann Gefälligkeitsurteile und Vetterleswirtschaft weniger durchschlagen.