Freitag, 25. März 2016

Damals in der Weimarer Republik und heute

Ich schließe gerade wieder eine Bildungslücke und lese, aus aktuellem Anlass, endlich AUFSTIEG UND FALL DES DRITTEN REICHES (USA 1960) von William L. Shirer. Darin fand ich heute beim Lesefrühstück folgende Zeilen:

In jenen Tagen [ca. 1927/28] lernte ich Deutschland selbst kennen. Mein Standort war Paris und gelegentlich auch London. Für einen jungen Amerikaner [...] waren diese Hauptstädte gewiß faszinierend. Doch gegenüber Berlin und München verblaßten sie etwas. Deutschland befand sich in einer wundervollen Gärung. Das Leben erschien mir freier, moderner, erregender als irgendwo anders. [...] Und überall lag die Betonung auf der Jugend. Man saß mit jungen Menschen nächtelang in den Cafés, in den Kneipen, in den Sommerlagern, auf einem Rheindampfer oder in einem rauchigen Künstleratelier und diskutierte über das Leben. Es war eine gesunde, unbekümmerte, lebenshungrige, von Freiheitsdrang erfüllte Schar. Der alte, autoritäre preußische Geist schien tot und begraben. Die meisten Deutschen, denen man begegnete - Politiker, Schriftsteller, Verleger, Künstler, Professoren, Studenten, Geschäftsleute, Arbeiterführer - waren auffallend demokratisch, liberal, ja pazifistisch gesinnt.

Von Hitler oder der NSDAP hörte man kaum etwas, es sei denn in Form von Witzen [...]

(Kapitel 5, Der Weg zur Macht)

Auch in heutigen Tagen zieht es die Jugend Europas nach Deutschland und besonders nach Berlin; wir Deutschen gelten (plötzlich und überraschend für jemanden, der in den 1960ern hier aufgewachsen ist) bei spanischen und griechischen Einwanderern als locker und entspannt, und sie kommen hierher, weil sich hier leichter "etwas machen" lässt; sie schätzen das Quirlige und die Aufbruchsstimmung.

Auch heute scheint der alte autoritäre Geist begraben.

Auch heute werden viele Witze über die extreme Rechte gerissen.

Aber zum Glück nicht nur. So hysterisch ich manchen Blick nach rechts heutzutage auch finde, so überkompensierend manche Antifa-Haltung, ich bin froh, dass man im heutigen Deutschland eben nicht "kaum etwas" von der Neuen Rechten hört.

Das scheint mir doch ein Unterschied zur Stimmung in der Weimarer Republik zu sein - ein lebenswichtiger.


-----

English summary for foreign readers: I'm reading, and closing a gap in education, THE RISE AND FALL OF THE THIRD REICH (USA 1960) by William L. Shirer.

1 Kommentar:

Onion hat gesagt…

Was auch anders ist als damals: wir haben eine Verfassung, die Menschenrechte an den Anfang stellt und eine "wehrhafte Demokratie", da das Grundgesetz sich selbst und die Menschenrechte im "Wesensgehalt" für unveränderlich erklärt. Es ist dennoch verfehlt, das Grundgesetz zur Leitkultur erklären zu wollen. Zumindest dahingehend, weil dies ein juristisches Werk ist. Die Werte des GG werden besser im Ethikunterricht oder Sozialkunde anschaulich vermittelt. Hinsichtlich der massiven Integrationsaufgabe, reicht der klassische Bildungsweg aber nicht. Man muss schon eine Leitkultur mit aufgeklärten Werten als Basis der Integration haben und u. a. entsprechende Schulungen anbieten: https://www.openpetition.eu/petition/online/werte-der-aufklaerung-als-europaeische-leitkultur