Montag, 8. Februar 2016

In welcher Stadt war ich am Wochenende?

Am vergangenen Wochenende waren wir bei einer türkisch-deutschen Familie zu Gast, die in einer Stadt lebt, die ich bisher nur aus dem Auto heraus "kannte". Diesmal konnte ich auch ein paar Stunden zu Fuß durch die Straßen streifen, was so ungefähr meine liebste Art des Reisens darstellt: einfach ein Stadtspaziergang durch Wohn- und Arbeitsviertel, ohne Museen und Touristentempel.

Ich hatte sogar meine kleine Digitalkamera dabei. Wie meistens nahm ich nur irgendwelche Seltsamkeiten am Wegrand auf. Als ich die Bilder gestern Abend auf meinen Schlepptopp spielte, dachte ich: Das sind so winzige Puzzleteile, in denen ist die Stadt eigentlich gar nicht zu erkennen!

Aber ist das wirklich so? Vielleicht sind es ja auch keine Puzzleteile, sondern Fraktale, in denen gleichzeitig das große Ganze steckt. Wenn ihr Lust habt, können wir das bei einem kleinen Ratespiel erproben!

Erste Impression, eine Hauseinfahrt:


Na? Schon jemand eine Idee?


10 Uhr - zweite Impression; bei einem tristen Spielplatz begegnete uns an einem Zaunabschluss ein zartes kleines Wesen:



12 Uhr - dritte Impression, der "Spielplatz":


Ich frage mich ja immer, wie die Kindheit eines Menschen ausgesehen haben muss, der so etwas planen oder absegnen kann.

Solche trostlosen Ecken gibt es natürlich in jeder Stadt. Allerdings nicht immer mit Aussicht!


09.02. - vierte Impression. So ein zartes kleines Wesen begegnete uns später erneut, und diesmal hatte es sich einen Schnurrbart zugelegt:


Ich weiß, ihr denkt jetzt, dieses Bild wäre als weitere Rathilfe völlig ungeeignet. Aber da liegt ihr falsch. Auf allen vier bis jetzt eingestellten Fotos ist eine Lebensform zu sehen, die als Phänomen einen deutlichen Hinweis auf die besuchte, gesuchte Stadt gibt. Schaut euch die Bilder mal in groß an!

Darüber lasse ich euch heute erst einmal brüten.

Übrigens schätze ich die Stadt sehr. Das mag in den Fotos nicht so recht rauskommen, was aber an mir liegt und an meinem Hang, seltsame bis absonderliche Kleinigkeiten zu dokumentieren. Reklamefotos überlasse ich anderen.


10.02. - fünfte Impression. "Bielefeld?", wurde geraten, und damit liegt Pogopuschel gar nicht so weit daneben, wie er aufgrund seines eigenattestierten Nicht-Auskennertums denkt: Bielefeld besteht zumindest teilweise aus Hügelland (vergleiche Bilder 2 und 3), hat ungefähr dieselbe Einwohnerzahl und einen ähnlichen Niederschlagsreichtum (vergleiche die Moose und Flechten auf allen vier Bildern). Das Bundesland stimmt auch. Aber der kleine Alien hat Pogos ratendes Gehirn offensichtlich zu sehr Richtung Bielefeldverschwörung geschickt!

Jedenfalls spazierten wir durch die Stadt, in der meine Liebste einige Jahre studiert hat, aber das ist lange her, und jedes Mal, wenn sie sagte, da und da käme ein nettes Café, gab es das längst nicht mehr oder es hatte am Samstagmittag noch zu, und ich schleppte mich weiter einer Rast entgegen. Schließlich fanden wir doch noch ein Café, und das war ganz nach meinem Geschmack! Alte Wirtshauseinrichtung, aufgefrischt durch Designerstücke, gute Küche, lustige Kellnerinnen, und das Hinterzimmer ist anscheinend früher mal ein Hof gewesen, jedenfalls hat es ein Glasdach, und unter diesem sind zwei Rohre angebracht, die als Pflanzschalen dienen:


Fast wie irgendeine Kneipe in Morbidad - ganz wunderbar! Da hätte ich es mir gleich mit einem Stapel Bücher oder Manuskripten für Stunden in einer Ecke gemütlich machen können ...

Keine Sorge, den Namen verrate ich mit der Auflösung noch.

Und? Wagt noch jemand eine Vermutung? Ich gebe es zu, dieses Bild hilft nur Ortskundigen weiter. Aber Pogo dachte ja schon in die richtige Richtung.


11.02. - Es stand eigentlich schon vor dem letzten Bild fest: Meine seltsame Art zu fotografieren ist nicht fraktal, sondern puzzleartig. Die Stadt, in der die Fotos entstanden sind, war für niemanden zu erkennen.


Es handelt sich um Wuppertal, "Deutschlands grünste Großstadt". Womit sicher nicht das allgegenwärtige Grün der Moose und Flechten, das mir vor allem auffiel, gemeint ist, sondern die vielen Parks und Grünflächen, die natürlich ebenfalls vom Rekord-Niederschlagsreichtum profitieren. "In Wuppertal", wie es so schön heißt, "werden Kinder mit dem Regenschirm geboren". Gleichzeitig ist es die Stadt mit der größten Religionsvielfalt Deutschlands und mit einer interessanten Rolle in der Geschichte unserer Demokratie (Elberfelder Aufstand 1849, Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920, Widerstand gegen die Nazis mit einem grausamen Ende während der Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse 1935 bis 1937).

In "unserem" Viertel gleich um die Ecke vom Ölberg fühlte ich mich als gebürtiger Kreuzberger denn auch sofort heimisch. Eine interessante, vielfältige, kratzbürstige Stadt - meine Empfehlung für eine spannende und zugleich unstressige Wochenendtour!

Bei der Restauration mit dem Zimmerdschungel unterm Glasdach handelt es sich um das Café Crème - wie gesagt ebenfalls sehr zu empfehlen!


Ungleich treffendere Fotos hat natürlich meine Liebste gemacht; ihr findet einige davon im Netz unter Wuppertal mon amour. Sie sind schon ein paar Jahre alt, aber schaut sie euch mal an!


Okay, eine Impression habe ich noch - sie wurde eigentlich nur aufgenommen, um meinen Ex-Chefredakteur zu erfreuen:


Falls er auf seine mittelalten Tage doch noch mal einen schicken Namen für ein neues Fanzine sucht. Man weiß ja nie!


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English summary for foreign readers: What do you think - to which German town did I go last weekend? ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... ... Update: Wuppertal

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Servus, Frank.
Offenbar scheint die mysteriöse Stadt über ihre eigene "Area 51" zu verfügen, wenn ich den weißen "Alien" frei interpretiere. Zumal der Blick auf den "Spielplatz" potentiel Neugierige ja sofort in die Depression führt. In der seltsamen Box ist dann wohl auch der getarnte Zugang untergebracht...

Vermutlich würde man/frau auch jede Alien-Spezies mit diesem "Spielplatz" verschrecken: "Bei Grabthars Hammer, die armen Kinder!".

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

Bei der "seltsamen Box" dürfte es sich um eine Streugutkiste handeln. Ähnliche stehen auch hier in Berlin.

GALAXY QUEST - einer meiner Lieblingsfilme!

Pogopuschel hat gesagt…

Ich bin überfragt, kenne mich mit deutschen Städten aber auch nicht gut aus. Bielefeld?

Pogopuschel hat gesagt…

Beim Stichwort "Niederschlagsreichtum" und dem hässlichen Folter... pardon Spielplatz musste ich ja erst an Siegen denken, vermute aber eher Münster.

Wenn ich jetzt noch wüsste, ob mir deine Frau erzählt hat, wo sie studiert hat?

Tobias Schäfer hat gesagt…

Hättest du eine Herrenboutique oder ein Bild vom Papst eingestellt ... aber das wäre auch zu naheliegend ;)

Frank Böhmert hat gesagt…

*zwinker*