Montag, 29. Februar 2016

Der Redakteur erinnert sich ... an mich

Perry-Rhodan-Chefredakteur Klaus N. Frick führt eine Kolumne namens "Der Redakteur erinnert sich", in der er aus dem Abstand von oft vielen Jahren auf die Produktionsgeschichte der Perry-Rhodan-Serie und ihrer diversen Ableger zurückblickt, zu der ich ja auch eine Handvoll Romane beigesteuert habe. Neulich nun hat er sich, zum ersten Mal, wie ich meine, dabei auch an mich erinnert:

Zu den sogenannten Heyne-Miniserien zählt der sechs Bände umfassende »Ara-Toxin«-Zyklus. Wesentliche Vorarbeiten hierzu liefen im Dezember 2006 an [...]

[...]

[...] So telefonierte ich beispielsweise mit Frank Böhmert. Ich mochte seine Romane, ich kannte ihn seit Jahren, und ich wünschte mir stets, dass er mehr für PERRY RHODAN schreiben würde.

Im Telefonat wirkte er durchaus interessiert, sagte aber sehr klar, dass er sich in den Jahren 2007 und 2008 verstärkt auf eigene Projekte konzentrieren wolle. »Ich will auch mal wieder einige Romane übersetzen«, kündigte er an. Im Jahr 2007 könnte er nichts für uns machen, im Jahr 2008 aber wieder zur Verfügung stehen.

Damit war ein Wunschkandidat für die nächste Heyne-Staffel weggefallen. Es wurde Zeit, dass ich mit Michael Marcus Thurner telefonierte, der die nächsten sechs Taschenbücher konzipieren sollte. Wir verabredeten uns für den Dienstag, 5. Dezember.

An diesem Tag stand ich schrecklich unter Strom: Ich führte Gespräche über die Zukunft der PERRY RHODAN-Bücher, ich diskutierte mit den Kollegen des Moewig-Buchverlages über deren Zukunft – wir alle waren angespannt und gestresst. Umso wichtiger fand ich es, mit dem Kollegen aus Wien an einem Thema für das nächste Jahr zu arbeiten.

[...]

Schwieriger wurde die Autorenfrage. Frank Böhmert war von uns fest eingeplant worden, jetzt musste ich Michael von seiner Absage berichten.

Soweit die Passagen zu meiner Person, die gesamte Kolumne findet ihr dort.

Dass ich so ein heißer, fest eingeplanter Wunschkandidat gewesen bin, habe ich damals gar nicht mitbekommen - da kommt ja nachträglich richtig ein bisschen Star-Feeling auf!

Nicht, dass es etwas geändert hätte, wenn ich das damals schon gewusst hätte.

Für Perry Rhodan zu schreiben, hat sich für mich noch jedes Mal als Vollstress erwiesen; wer hier langjährig mitliest, weiß das. Dafür bin ich psychisch nicht gemacht.

Das Verrückte ist, dass dabei trotzdem oft richtig gute Romane herausgekommen sind!

Neulich erst habe ich das wieder begriffen, als mich ein SF-Sammler und Rhodan-Fan per E-Mail gebeten hat, ihm seine Böhmert-Romane zu signieren. Da saß ich dann einige Tage später mit seinem Päckchen Bücher und Hefte, den Lieblingskuli gezückt, blätterte zum ersten Mal seit Jahren wieder in meinen Texten und dachte in aller mir eigenen Bescheidenheit: Hey, das sind verdammt gute Sachen, die du da geschrieben hast! Und immer mit individuellem Ton!

Wenn ich jetzt zum Beispiel mal nur aus den ersten Szenen einiger Belegexemplare zitiere:

Im grünen Dämmerlicht spielten einige Kinder. Sie liefen den nahe gelegenen Hohlweg entlang, und wenn sie sprachen, dann sehr lautstark, denn die Welt war voller Freunde.

Martan Yaige war gerade auf dem Weg zu seinem Vater, als er ihre Stimmen hörte. Er zog die hölzerne Sammeltrommel, die er an einem Riemen um die Schulter trug, vor den Bauch und zwängte sich vorsichtig ins Unterholz, tastete mit den großen, wolligen Füßen nach den tückischen Wurzeln der Würmlinge und schob mit den breiten Händen ihre Zweige aus dem Weg. Nach dem Übersteigen einer halb im Boden versunkenen Leit-Planke und eines guten Dutzends tief liegender, verschlungener Äste war er auf dem Hohlweg der Kinder angelangt, zusammen mit einem daumenlangen Käfer.

Er pflückte das lilafarbene Kerbtier, das ihm ins Fell zu krabbeln versuchte, von seinem Arm. Es ruderte mit den sechs schwarzen Beinen; die spiralförmigen Fühler drehten sich und tasteten in der Luft herum.

"Du bist eine Schönheit, keine Frage", sagte Martan und horchte in sich hinein. "Aber du nagst mir zu viele Löcher in meinen Vater."

(DIE STERNENHORCHER, 2002)

Nach alter Sitte treffen die Clansführer, bevor sie in die Schlacht ziehen, ein letztes Mal unter freiem Himmel mit ihren Fürsten zusammen, und so hat Tarak Mookmher seine Getreuen nach Kortaane bestellt.

Eine Stunde vor der verabredeten Zeit tritt er schwer atmend, doch fertig angekleidet zur Wetterseite seines Privatgemachs hinauf und sieht aus dem riesigen Fenster. Die Scheibe, Teil der ehemaligen Kanzel eines schweren Kampfjägers des Empires, ist nach außen gebaucht und manchen Stellen blind.

Noch liegt die Ebene zwischen Palast und Raumhafen finster und leer. Nur unten, am Fuße der Steilwand, ist eine Ansammlung Djels zu sehen. Die Dächer der runden Wohnzelte schimmern fahl vor dem schwarzen Grund. Licht dringt keines durch das schwere Filz der Zeltwände. Die Winternacht währt nun schon einige Wochen, und die Bewohner haben alle Kanten sorgsam überlappt.

Tarak seufzt. Jede Winternacht macht ihm mehr zu schaffen. Der alte Rebellenfürst legt die Hände an die Schläfen und späht hinaus. Die implantierten Stifte in seinem Nasenstumpf klacken gegen die Scheibe. Das Vaaligische Transglas ist trotz der bitteren Kälte, die draußen herrscht, beinahe warm.

Der Nachthimmel, der eben noch schwarz ausgesehen hat, erweist sich nach einigen Augenblicken als makellose, tief dunkelblaue Schale. Weit hinten, beinahe hinter dem Horizontbogen schon, flackern in einer bleichen Lichtkuppel ein paar winzige Scheinwerfer. Dort liegt der Raumhafen.

Dort blühen jetzt violette Tupfen am Himmel auf, einer nach dem anderen. Winzige helle Sterne bewegen sich von ihnen fort.

(DIE TRAUMKAPSELN, 2003)

"Das ist nicht Ihr Ernst!", entfuhr es der Nachfolgerin von Captain Olexa.

Perry Rhodan schmunzelte. Er nickte ihr aufmunternd zu.

"Aber ... Sir!" Captain Liza Grimm holte tief Luft. "Ich möchte zu bedenken geben, dass auf Ihnen sämtliche Hoffnungen ruhen. Wir können es uns nicht leisten, Sie zu verlieren. Sie sind eine Legende, der terranische Großadministrator."

"Der Großadministrator, ganz recht", sagte Rhodan. "Wir wollen uns hier doch sicher nicht über Weisungsbefugnisse auseinandersetzen, oder?"

"Nein, Sir. Gewiss nicht. Aber wenn ich mir einen Kommentar gestatten darf - bei allen guten Müttern! Sie und Mondra Diamond riskieren damit Ihr Leben!"

Die alteranische Offizierin zeigte auf die beiden starren übermannsgroßen Posbis. Klaffende Öffnungen in den Robotern erwiesen, dass es sich in Wirklichkeit um eine Art gepolsterte Exoskelette handelte.

Sie befanden sich in einem Hangar, der bei dem Roboteraufstand nicht beschädigt worden war. Rhodan, Mondra und die Alteraner waren hier das Schmutzigste; sie trugen den Ruß aus den verheerten Schiffsteilen unfreiwillig überall hin. Für eine groß angelegte Reinigungs- und Reparaturaktion fehlten die Kapazitäten.

(DIE PSI-FABRIK, 2007)

Als der Interkom anschlug, brauchte Cleo Yelvington nicht so zu tun, als ob. Sie fühlte sich sterbenselend. Sehr darauf bedacht, ihren Magen nicht zu drücken, drehte sie sich auf ihrem Bett von der Wand weg und ging ran, ohne erst die Haare zurechtzukneten.

"Ja?"

Das Holo faltete sich auf. Flor Langer. Der Kommandant persönlich. Das fleischige Gesicht maskenhaft starr. "Technischer Leutnant Yelvington. Wenn du dich bitte in meinem Büro einfinden würdest. Um ..." Er sah auf sein Multifunktionsarmband. "...11.07 Uhr."

"Ich bin krank!", rief sie.

Sie war entsetzt über die Stimme, über die Hysterie darin. Sie hasste diese unbeherrschte, schwache Cleo, die sich da Bahn brach.

"Deine Dienstunfähigkeitsmeldung liegt mir vor. Ich hatte dich gewarnt, Leutnant." Der Kommandant seufzte, zog einen Mundwinkel schief. "In meinem Büro. In vier Minuten." Das Holo fiel in sich zusammen.

Cleo schlug Laken und Bettdecke beiseite. Sie hatte im Jogginganzug geschlafen. Versucht zu schlafen. Ihr war kalt geworden, immer kälter. Zum Schluss war sie völlig eingepackt gewesen und hatte immer noch gefroren.

(DIE RATTEN DER JERSEY CITY, 2006)

Taucht man da nicht ein? Will man da nicht wissen, wie es weitergeht?

Mir würde es jedenfalls so gehen, als außenstehender Leser.

Aber als drinnensteckender Autor weiß ich auch, dass ich während der Arbeit an der PSI-FABRIK zwischendurch immer wieder mit einem Bier unter der heißen Dusche stand und weinte (ich hatte in der Bundesakademie Wolfenbüttel Zuflucht gesucht, eine Geschichte, auf die der Literaturprogrammleiter Olaf Kutzmutz immer wieder gern zurückkommt, wenn wir uns einmal wieder über den Weg laufen), weiß ich, dass ich am Ende der RATTEN, an einem Wochenende des Grauens, von einem drucktermingeplagten Chefredakteur mehrmals täglich durch das Nadelöhr eines Schreibblocks geschoben werden musste und mir die letzten fehlenden Teile des Manuskripts buchstäblich in Einzelseiten rausquetschte.

Und trotzdem wollte Klaus mich ein paar Monate später wieder anheuern, Donnerwetter!

Das kann für mich, abgesehen von dem Lob, das darin steckt, nur eines bedeuten: Augenscheinlich bin ich nicht der einzige Unterhaltungsautor hierzulande, der extrem seltsame Endspurts hinlegt ...


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English summary for foreign readers: About ten years ago, I wrote some Perry Rhodan stuff. Writing went pretty rough, but I still like those novels.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Latha math, Frank.
Die einen meinen, daß eine gut geschriebene Story die Gefühle reflektiert, die während der Niederschrift in Kopf & Brust tackerten. Den anderen ist jede Form der Aufregung beim Schreiben ein Graus.
Du hast eigentlich beide Standpunkte gut beleuchtet & Deine Konsequenzen erleutert. Und Schreiben war noch nie ein leicht Ding!

Klaus vergißt einen nicht zu schnell.

bonté

Kringel hat gesagt…

Ein Gastroman für die Erstauflage müsste doch drin sein? Bittebitte?

Tobias Schäfer hat gesagt…

Da es derzeit keine Taschenbuchreihen gibt, kann man sich nur einen Erstauflagen-Gastroman oder - noch besser - einen Planetenroman von dir wünschen. Ich liebe die Sternenhorcher!