Dienstag, 5. Januar 2016

Mr. Holmes

Die Figur des Sherlock Holmes begleitet mich schon seit meiner Kindheit.

Es fing an mit alten Schwarzweißfilmen im Fernsehen. Bei einem Nachbarsjungen sahen wir vermutlich DER HUND VON BASKERVILLE (USA 1939) mit Basil Rathbone - die Unheimlichkeit der Moorlandschaften durch Antennengrieß noch gesteigert.



Das war der Startschuss für viele weitere Filme, die immer wieder im TV liefen.

In meinen Zwanzigern dann legte ich mir eine billige lila Gesamtausgabe der Geschichten von Arthur Conan Doyle zu, die später durch die Neuübersetzungen bei Kein & Aber ersetzt wurde.

Diese Geschichten habe ich im Abstand von zwei, drei Jahren immer wieder gelesen - mit der einzigen Ausnahme von DAS TAL DER ANGST (GB 1915), für mich ein grotesk misslungener Roman, den ich sogar irgendwann aussortiert habe.

Mit den zahlreichen Holmes-Pastiches konnte ich nie viel anfangen, lieber habe ich immer wieder zu den Originalen gegriffen.

Einzige Ausnahme: KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES (GB 1974) von Nicholas Meyer. Dieser ebenfalls verfilmte Roman, in dem die Freunde von Holmes Hilfe bei Sigmund Freud in Wien suchen, zählt für mich sogar zum Kanon, so sauber fügt er sich inhaltlich und stilistisch an die Holmes-Geschichten.

Der von Steven Spielberg produzierte Film DAS GEHEIMNIS DES VERBORGENEN TEMPELS (USA/GB 1985) über Watson und Holmes als Internatsschüler dagegen hatte zwar Charme und Atmosphäre, aber ging auf, sagen wir, amerikanisch-ungestüme Weise mit dem Kanon um.



Nett, aber nicht so meins.*)

Doch als letztes oder vorletztes Jahr die ersten Ausschnitte aus dem Filmprojekt MR. HOLMES durchs Netz gingen, war ich sofort gefesselt. Sherlock Holmes als sehr alter Mann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg? In einer britischen Verfilmung unter Beteiligung der BBC? Verkörpert von Ian McKellen? Das versprach eine tolle Erweiterung.



Es ist ein herrlicher Film geworden. Alles passt. Es gibt sogar ein Rätsel zu lösen: das Rätsel von Sherlock Holmes' letztem Fall, bevor er sich in den Ruhestand geflüchtet hat. Leider kann er sich nicht mehr daran erinnern, was vielleicht, vielleicht auch nicht, am Alter liegt.

McKellen ist großartig. Ebenso gut ist der unglaublich intensive Milo Parker als hochbegabter Sohn von Holmes' Haushälterin, als die Laura Linney mit ihrem abgekämpften Gesicht und ihrer anpackenden Haltung ebenfalls total glaubwürdig ist.

Eine wunderbare Erweiterung des Kanons mit einem prächtigen Ensemble, um das die Kamera von Tobias A. Schliessler geradezu zärtlich kreist - "in warmen Sommerbildern", wie Martin Schwarz in der Zitty so passend schreibt.

Und auch eine Meditation über das Erzählen.

Ein Film, der auf angenehme Weise nachwirkt - nicht nur bei mir, auch bei meiner Liebsten.

Meine Empfehlung!


P.S. Der größte Schatz zum Thema aus meiner Handbibliothek: Der Bildband THE LIFE AND TIMES OF SHERLOCK HOLMES (GB 1992) von Philip Weller und Christopher Roden


Er enthält alle möglichen tollen Fotos und Illustrationen sowie die Zusammenfassung sämtlicher Erzählungen, den Kanon.


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*) Interessant übrigens, wie viel Atmosphäre der HARRY-POTTER-Verfilmungen hier vorweggenommen wurde. Ob das ein wichtiger Einfluss war?


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English summary for foreign readers: MR. HOLMES (GB 2014) is a wonderful expansion of the Sherlock Holmes canon.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Kia ora, Frank.
Die nachhaltige Popularität der Geschichten um den master mind aller Detektive spiegelt sich wohl am besten in all den unterschiedlichen Ansätzen für Interpretationen & Neudeutungen wieder. Weil sowohl Holmes wie auch Watson als eine Art Spiegel der jeweiligen Gegenwart funktionieren können - nehme ich an.

"Sherlock" oder 'Mr. Holmes' stehen hier aktuell für den "weißen Trüffel" der Neuinterpretation/Fortführung.

"Baskerville" im TV dürfte auch meine erste Begegnung mit dem Duo aus der Baker Street gewesen sein. :-)

Aktuell umworben wird auch ein angedachtes Konzept, in dem der "Sherlock"-Holmes auf auf den Time Lord von Gallifrey trifft.

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, RoM, SHERLOCK ist eine gelungene und sehr coole Neuerzählung. Die ersten beiden Staffeln haben mir viel Spaß gemacht, auch beim zweiten Ansehen.

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Sherlock Holmes nach dem August 1914 geht gar nicht ... Conan Doyle wusste schon, warum er das mit der "Abschiedsvorstellung" chronologisch gedeckelt hat. Die einzige Ausnahme war bisher Gerald Heards "A Taste for Honey" (der auch nur halb funktioniert, weil Holmes nicht aufs Land passt). Man kann das schon an den Rathbone-Verfilmungen sehen, die das London der 40er als Kulisse haben: der Rationations-Kosmos des Holmes-Kontinuums darf eigentlich nicht mit so etwas wie Wirklichkeit kollidieren; der implizite Pakt mit dem Leser wird dadurch gesprengt. ganz peinlich wird das dann in einem Fall wie Michael Chabons "The Final Solution". Schön zu hören, daß es jetzt 2 Ausnahmen gibt.

Der ganze Witz für heutige Leser liegt ja im Eintauchen in eine bekannte, wiedererkennbare Welt, "in der die Uhren immer 1895 zeigen". Da machts dann auch nichts, wenn die Erzählungen als klassische Denksportaufgaben vorn & hinten wackeln - entweder weil das Rätsel so rammdösig ist ("Silver Blaze") oder überhaupt keine Lösung stattfindet ("The Five Orange Pips", "The Empty House") oder Kommissar Zufall einen so dicken Deus ex Machina gibt, daß der Leser nicht glauben kann, daß der Autor sich das traut ("The Blue Carbuncle"). Deswegen müssen Buchausgaben auch zwingend mit den Illustrationen von Sidney Paget versehen sein; sonst fehlt der essentielle Teil. Vincent Starrett hat das 1942 in Sonettform gegossen (in solchen fiktionalen Kosmen ist die Form alles, der Inhalt nichts):

221B

Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.

But still the game’s afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears–
Only those things the heart believes are true.

A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,

The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.

Die beste Modernitätsanverwandlung des Großen Detektivs ist übrigens das Titelbild, das Tom Kidd 1984 für die Anthologie "Sherlock Holmes Through Time and Space" geliefert hat; nicht zuletzt, weil der Rechner mittlerweile den gleichen antiquarischen Wert hat wie das übrige Interieur von No. 221B.
http://www.isfdb.org/wiki/images/a/af/SHRLCKHLMS1984.jpg


Ulrich Elkmann hat gesagt…

PS: Die besten Illustrationen zu Holmes stammen übrigens nicht von Paget oder Dorr Steele, sondern sind Anfang der 50er für "Collier's" (richtig: da wo zu genau derselben Zeit auch die 3 Artikelserien von Wernher v. Braun, Willy Ley etc. über die "Eroberung des Alls" erschienen sind; mit der radförmigen Raumstation von Chesley Bonestell) von Robert Fawcett gezeichnet worden.
http://www.sherlockian-sherlock.com/robert-fawcett-illustrator.php

Frank Böhmert hat gesagt…

Oha! Robert Fawcett und seine beeindruckenden Illustrationen kannte ich noch gar nicht - vielen Dank für den Hinweis!

Mir gefallen übrigens mit den Jahren die absurderen Holmes-Geschichten oft am besten. Diese Raucher-Story in DIE RÜCKKEHR etwa; da bekommt man ja schon beim Lesen Husten!

http://frankboehmert.blogspot.de/2013/05/was-ich-las.html

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Meinerseits auch Oha. Hier gibt's den ganzen Satz von Fawcett-Illustrationen in voller Pracht:
http://vozwords.blogspot.de/2015/01/robert-fawcetts-sherlock-holmes.html
(mit der interessanten Information, daß Fawcett farbenblind war; der einzige andere Farbillustrator, von dem mir das bekannt ist, war Leo Summers).

Und mit Zuordnung zu den einzelnen Erzählungen: "The Adventure of the Black Baronet"? "...of the Wax Gamblers"? Kombiniere: das ist nicht original Doyle, sondern sind Fortsetzungen-fremder-Hand. Und zwar von ADRIAN Conan Doyle (vor Beruf Sohn) und John Dickson Carr (der mit den Locked-Room-Mysteries & Doyle-Biograph), die Vorabdrucke der Erzählungen, die 1954 als "The Exploits of Sherlock Holmes" erschienen sind. Im fast-Wochentakt vom "Black Baronet" (23. Mai 53) bis zum "Red Window" (2.10.53). Bei der ersten SH-Erzählung, die Fawcett illustriert hat, "The Case of the Man who Was Wanted" im Cosmopolitan, August 1948, steht auch express "Sir Arthur" als Verfasser ("a newly discovered and hitherto unpublished novelette"). Ist aber nicht:

"The Case of the Man who was Wanted was written by Arthur Whitaker sometime between 1892 (per Edgar W. Smith) and 1910 (per Jack Tracy and John Lellenberg). Apparently, the story was sent to Sir Arthur Conan Doyle for some kind of review, and it has been suggested (see Jack Tracy, The Published Apocrypha and John Lellenberg, Nova 57 Minor) that Whitaker was angling for a collaboration. According to Tracy/Lellenberg, Sir Arthur declined, but did send a letter to Mr. Whitaker suggesting that he would be willing to purchase the plot of the story for 10 pounds (Lellenberg indicates 10 Guineas). Tracy/Lellenberg noted that the sale went down, but the plot was never written into a Holmes story by Doyle and the typewritten original was filed away in Sir Arthur's papers, where it resided until found by Hesketh Pearson while he was researching for his Doyle biography. Mention was made of the story in Pearson's 1943 book and a couple of paragraphs were printed, but the estate refused offers for publication until 1948, when it was published, complete, in the August edition of Cosmopolitan Magazine as a LONG LOST Sherlock Holmes story. It was republished in the London Sunday Dispatch in January of 1949. In both publications, the story was attributed to Sir Arthur until Arthur Whitaker, who was still living, came forward producing a carbon copy of the typwritten story and, eventually, the letter from Sir Arthur with the offer to buy the plot. A long battle ensued between the Doyle Estate (Adrian) and Whitaker (who simply wanted to save the family embarassment). After much vitriol, the estate agreed that the story was not written by Sir Arthur and was, indeed, a pastiche. Whitaker captured much of Sir Arthur's style in some parts of the story, but it is not considered a great pastiche. It is, however, considered part of the Apocrypha."
http://www.diogenes-club.com/wantedinfo.htm

Rudolph Altrocchi hat das "Sleuthing in the Stacks" genannt. Als Bibliotheksmensch ist man gestraft.

Ulrich Elkmann hat gesagt…

PS: Der "Black Baronet" ist übrigens mal, auch in jenen Jahren, fürs Fernsehen inszeniert worden, als einzges Stück dieser Serie, 1953 von CBS (hat sich versendet; es gibt keine [Film]-Kopien, wenns die überhaupt gegeben hat; die ersten MAZ gabs ab 1955, davor wurde gern live inszeniert). Mit Basil Rathbone als Sherlock. So schließt sich der Kreis.

Frank Böhmert hat gesagt…

Danke für die weiteren Erläuterungen! Nun wundert mich meine Bildungslücke in Sachen Fawcett doch nicht mehr; ich bin ja schwer ignorant, was die unzähligen Pastiches betrifft.