Montag, 25. Januar 2016

Mein langsamer Abschied vom Kaffee

Ich bin nie gern von irgendwelchen Sachen abhängig gewesen, also habe ich immer sehr darauf geachtet, mir nicht allzu viele Alltagsdrogen anzulachen.

Die liebste Alltagsdroge war mir immer der Kaffee. Als Jugendlicher habe ich so meine zwei Pötte am Tag getrunken, und nachdem mein Arzt mir nach Kreislaufproblemen zu niedrigen Blutdruck attestierte und meinte, anstatt irgendwelche Medikamente zu nehmen, solle ich einfach mehr Kaffee trinken, habe ich als junger Mann die tägliche Dosis auf vier Pötte gesteigert. Vor einigen Jahren kam alterungsbedingt mein Blutdruck hoch in den normalen Bereich, seitdem trank ich wieder nur meine zwei Pötte.

Nun, als Mittfünfziger, habe ich erstmals bei einer Routinemessung zu hohen Blutdruck gehabt. Und - dieser Entschluss kam ohne Zögern, gleich noch während des Arztgesprächs neulich - bevor ich irgendwann anfange, Medikamente zu nehmen, werde ich erst einmal meinen Kaffeekonsum reduzieren. Auf zunächst einen Pott am Tag, und dann sehen wir weiter.

Das ist auch eigentlich gar nicht schlimm. Ich habe in meinem Leben viel richtig guten Kaffee getrunken und nur selten einmal schlechten - meist, wenn es die Höflichkeit oder die Gastfreundschaft gebot.

Nun werde ich weniger Kaffee trinken und dafür nur noch sehr, sehr guten.

Ich habe die Kaffeerituale immer geliebt. Mit der Hand mahlen. Selber aufbrühen. Das werde ich jetzt umso mehr genießen und vielleicht sogar noch verfeinern, Böhmertsche Kaffeezeremonie analog zur japanischen Teezeremonie, mal sehen.

So sind sie jedenfalls, die Lebensbogen. In den ersten fuffzehn Jahren meines Lebens habe ich keinen Kaffee getrunken, und in den letzten fuffzehn Jahren werde ich dann vielleicht auch keinen mehr trinken.

Aber noch ist es nicht soweit. Noch stehen mir mit Glück ein paar tausend Pötte dieses herrlichen Giftes bevor.

Trink jeden Kaffee, Frank, als ob's dein letzter wär!


P.S. Falls jemand neugierig ist: meine Mühle, meine Kanne, meine liebsten Standardmarken dort, dort und dort.

P.P.S. Und weil in den Kommentaren danach gefragt wurde, das hiesige Größenverhältnis zwischen Pott und Tasse sieht so aus:



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English summary for foreign readers: Getting older, and scratching on the edge of high blood pressure for the first time, I will cut down my coffee consumption. But that's not so bad. In my life, I drank lots of pretty good coffee. Now I will just drink the best as long as I can.

Kommentare:

Martin Rath hat gesagt…

Diese Haltung zu psychotropen Substanzen finde ich sehr löblich. Die großen Meister der fantastischen Literatur hinterließen ja eher den Eindruck, sich an die Leberwerte des späten Boris Jelzin heranarbeiten zu wollen. Das kann sich ein Übersetzer natürlich nicht leisten, irgendeiner muss ja die Arbeit machen.
Nur interessehalber: Wie viel Liter umfasst denn die baalinische Einheit "Pott"?

Frank Böhmert hat gesagt…

Jeder hat ja einen anderen Pott, sprich: eine andere große Tasse. So meinte meine Schwägerin gestern denn auch, reduzieren sei ja gut, jetzt bräuchte ich nur noch einen größeren Pott!

In meinen Lieblingspott (hoch und schmal) passen so ungefähr anderthalb klassische-Tasse-mit-Untertasse-Füllungen.

Pogopuschel hat gesagt…

Na dann, viel Erfolg! Ich dachte schon, mit Pott würdest du eine ganze Kanne meinen. :)

Ich habe Kaffee ja noch nie gemocht. Da gehöre ich zur seltenen Spezies der Uneingeweihten, die immer ganz verwirrt dreinblicken, wenn andere lauthals verkünden, sofort eine volle Dröhnung Kaffee zu benötigen, um vom Zombiestatus in den der normalsterblichen produktiven Arbeitsbienen übergehen zu können.

RoM hat gesagt…

Servus, Frank.
Was den Engländern ihr Tee, ist den Deutschen ihr Kaffee; wobei "tee time" schon immer leichter im Ohr liegt als das teutonische "Kaffee und Kuchen". Obschon die Inselbewohner es auch kalorienhaltig in der Beilage zum Tee haben können.
Was die Trinkgewohnheiten angeht, komme ich eher von jenseits des Kanals; mit Milch, selbstverfreilich. :-)
So hatte ich meine Kaffee-Spitzen noch am ehesten auf den SF-Cons meiner fannischen Zeit. Hohen Blutdruck habe ich dennoch.

Handgemahlen & selbst gebrüht - da bist Du in der Dekade von Ex & Hopp-Käppchen oder Coffee-zum-wegrennen ja ein Meister des genießens. Chapeau.

Auf Deinen nächsten Pott!

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

"Coffee-zum-wegrennen" gefällt mir! Ein Café hier im Viertel hatte jahrelang mit Kreide den hübschen Spruch "Coffee To Stay" an der Werbetafel stehen ...

Der hohe Blutdruck wird auch bei mir trotzdem kommen, keine Frage. Aber mein Kaffeekonsum ist eine Schraube, an der ich selber drehen kann. Lieber eine Droge weniger als ein Medikament mehr, und wenn es auch nur ein paar Jahre was bringt. Schauen wir mal!

Die Einschränkung fällt jedenfalls leicht, abgesehen von zwei Tagen Kopfschmerzen während des Teilentzugs, der mir aber so weit gelungen ist.

RoM hat gesagt…

...stimmt, genießen heißt verweilen. Es ist mir eh ein Rätsel wie man/frau im Gehen trinken kann. :-)
Ist wohl alles der Krätze der Selbstoptimierung geschuldet.

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich sehe da keinen Zusammenhang mit Selbstoptimierung. Kleinkinder wollen auch gern den ganzen Tag mit der Nuckelflasche rumlaufen ...

Kringel hat gesagt…

Ich kenne einen Laden in Bielefeld, bei dem gibt's sogar Coffee to go zum Mitnehmen! Genial!
Was Kaffee und den Blutdruck sowie andere ungesunde Genussmittel angeht, stehe ich ja mehr auf dem Standpunkt: Früher oder später trifft der Blitz mich sowieso. Ob jetzt, morgen oder in zwanzig Jahren ist doch irgendwie egal. Da will ich vorher wenigstens ein bisschen Spaß gehabt und das Leben genossen haben.

RoM hat gesagt…

...der Vorwurf "Selbstoptimierung" zielt in die Richtung, sich selbst keinen Freiraum für den Genuß (ruhiges Trinken im sitzen) zu geben. Einfach weil man/frau ins Büro eilt, keine Zeit für eine Pause hat et cetera. Das business first, das sich ins private Leben fräst.

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

RoM:

Ich erlebe hier in Berlin dann tagsüber allerdings viele Leute, die nach Oberschule und Studium aussehen und mit 'nem Getränk rumlaufen. Und da vermute ich eher ein "Lass mich nuckeln!" Festhalten am inneren Säugling, früher mit Kaugummi und Zigarette, jetzt, da beides out, eben mit Coffee to go oder 'nem Karton Eistee oder 'ner Pulle Bier.

Kringel:

Die Frage ist für mich ja immer, welchen Preis ich bezahlen möchte.

RoM hat gesagt…

...die Ausweitung der oralen Phase, quasi. Anmerkenswerter Gedanken! :-)

bonté