Dienstag, 22. Dezember 2015

Träume sind schon seltsam - und auch seltene Samen

Ich weiß ja nicht, wie ihr es mit Träumen haltet. Für mich sind sie so etwas wie freundliche, kundige Ratgeber und der direkteste Draht zu unserem individuellen wie kollektiven Unbewussten, den wir haben können.

Als Kind hatte ich luzide Träume. Also Träume, in denen ich wusste, dass ich nur träumte. Diese "Macht" ließ sich missbrauchen. Doch meine Träume machten mir rasch klar, dass das so nicht geht. Ich bekam zum Beispiel verschachtelte Albträume, in denen ich immer irgendwann glaubte, nun doch erwacht zu sein - aber denkste, der eigentliche Schock stand mir noch bevor. Oder ich träumte so realistisch, inklusive "Schlafengehen" und "Aufwachen", dass ich als Teenager manchmal richtig Denk- oder Detektivarbeit leisten musste, um herauszufinden, ob ich etwas wirklich erlebt hatte oder nicht.

Da waren meine Träume harte Lehrmeister: Ich lernte, mich während luzider Träume zu benehmen, also mich angemessen zu verhalten - etwa zu fliegen, wenn die Leute fliegen konnten, und nicht irgendwelche Kopf-Fantasien auszuleben. Seit ich freundlich zu meinen luziden Träumen bin, sind meine luziden Träume freundlich zu mir. Eine Lektion fürs Leben.

Irgendwann in der Jungerwachsenenzeit verlor ich, vermutlich durch hirnphysiologische Entwicklungsprozesse, den Zugang zu meiner Traumwelt. Da halfen die Beat-Autoren. Von William Burroughs, glaube ich, bekam ich lesenderweise den Tipp, ein Traumtagebuch zu führen. Kaum fing ich damit an, wurde meine Traumwelt lebendiger denn je - nun entstand das, was Leute, die hier schon länger mitlesen, als "Morbidad" kennen, das Traum-Berlin. Mit eigener Architektur, eigenen Menschen, eigenen Läden und Festen und so weiter. Ich ließ das Aufschreiben bald wieder bleiben, aber die Verbindung zu meinen Träumen riss nie mehr ab. Nicht jeder Traum spielt in dieser besonderen Welt, jeder zehnte vielleicht nur, aber sie hat ihre eigenen Traditionen ausgebildet. Es gibt Menschen und Wesen, die kenne ich nur dort.

Ein Traumtagebuch zu führen, ist die eine Möglichkeit, die ich kenne, mit meinem Unbewussten in möglichst gutem Kontakt zu sein. Die eigenen Träume als Ratgeber zu nehmen, die zweite.

Ich sehe zu, dass sich der reale Frank mit dem Traum-Frank weitmöglichst deckt. Wenn der Traum-Frank lange Haare hat, geht der reale Frank vorläufig nicht zum Friseur. Wenn der Traum-Frank sich rasiert, nimmt der reale Frank sich mal wieder seinen Bart ab.

So ungefähr könnt ihr euch das vorstellen. Dass ich in meinen Träumen nie rauchte, kein einziges Mal, war vor vielen Jahren das gewichtigste Argument dafür, mir das Rauchen abzugewöhnen. Seit ich nur noch sehr gelegentlich rauche, raucht auch der Traum-Frank gelegentlich mal. Es reagieren also beide Franks aufeinander, sehr faszinierend.

Diesen zweiten Ansatz habe ich, auch nur lesenderweise, von den Indianern gelernt.

Natürlich setzt man nicht alles um, was man träumt. Vieles aber schon, und sei es durch eine symbolische Handlung. Etliches geht ganz konkret. Als ich im Herbst träumte, mit einer Kamera durch Morbidad zu streifen, holte ich meine fast vergessene Digitalkamera wieder raus - ein bisschen was vom neuen Fotografieren hat sich ja auch im Blog niedergeschlagen; hier, hier und hier.

Als ich neulich träumte, mir wieder einen Twitter-Account zuzulegen, winkte ich im Wachzustand dankend ab. Nö, die vier Wochen Testphase vor Jahren reichen - Zeitfresser gibt's genug!

Aber das Umsetzen der Fotosession war gut. Das neue Hingucken hat meinen Blick für Details im aktuellen Romanmanuskript geschärft; mir fallen ständig Sachen ein, auf die ich anders vermutlich gar nicht gekommen wäre. Es sprudelt.

Und neulich - darum erzähle ich euch das alles gerade - war ich einmal wieder in Morbidad, aber ich schwebte da nur als kleines unsichtbares Auge rum und sah zu, wie Dinge passierten.

Und auf einmal geschah etwas mit zwei Romanstoffen, die mich seit Jahren beschäftigen, aber in ihren Ausformungsversuchen nie befriedigt haben.

Wer hier schon länger mitliest, erinnert sich vielleicht, wie ich mich vor drei Jahren quasi live im Blog mit meiner Jim-Morrison-Geschichte ins Eck geschrieben habe.

Diesen Böhmertschen Fantasie-Morrison begleitete ich nun als schwebendes unsichtbares Äuglein durch Morbidad.

Und er machte da die unglaublichsten Sachen mit seiner Musik.

Seit ich am nächsten Tag aufwachte, frage ich mich, wieso ich da vorher nie drauf gekommen bin. Die Figur Morrison und die Landschaft Morbidad passen zusammen, als wären sie nie getrennt gewesen.

Die Belohnung für drei Jahre Liegenlassen: ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk aus dem Unbewussten.

Kommt gut durch die Raunächte, Leute! Wir lesen uns drüben!


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English summary for foreign readers: Some thoughts on dreaming and writing - listen to your dreams! My dreams tell me a lot about my future books.

1 Kommentar:

lapismont hat gesagt…

Oh, das klingt ja sehr nach Inspiration! Wäre wirklich toll, wenn die Morrison-Story zu Dir zurückfindet.
Die Träume, an denen ich mich erinnere, führen immer zu Orten meiner Kindheit, die es so nicht mehr gibt. Das Haus meiner Großeltern, unser Garten, die 10-Klassen-Schule.
Wobei sie immer seltsam verändert sind und ich nicht das Kind von damals bin.
Aber so etwas wie Dein Morbidad hab ich nicht. Das scheint mir etwas ganz besonderes zu sein, Frank!