Mittwoch, 30. Dezember 2015

Lindbergh

Okay, doch noch rasch ein Eintrag zwischen den Jahren. Der gute Molo twitterte neulich das hier ...



... und dabei fiel mir auf, dass ich im Blog noch gar nichts zu LINDBERGH oder überhaupt je zu Mangas geschrieben habe.

Kurz gesagt: Ich komme mit Mangas nicht klar.

Das hat diverse Gründe. Um mal rasch ein paar aufzuzählen:

  • Mich spricht die Ästhetik von Mangas nicht an - diese grässlichen Bambiaugen überall! Die fetten Lautworte!
  • Die schrägen Besessenheiten der Mangazeichner gehen mir am Allerwertesten vorbei; ich finde sie zumeist kindisch oder pubertär.
  • Die Erzähltechnik langweilt mich - gleich buchweise filmische Verfolgungsjagden oder Schlägereien? Die bringen mich ja schon im deutlich knapperen Superheldenformat zum Gähnen!
  • Das Format Taschenbuch halte ich, gerade bei besserer Zeichenkunst, für total ungeeignet. Ich bin, was Comics betrifft, ein Alben-Leser und finde schon Hefte eigentlich zu klein.
  • Zu unguter Letzt finde ich die Produktionsbedingungen für Mangazeichner unter aller Sau. Das sind doch an den Zeichentisch gefesselte Galeerensträflinge!*)

Nun ist es aber so, dass ich Kulturformen, mit denen ich nicht klarkomme, gern knacke.

Das funktioniert manchmal besser und manchmal schlechter.

Jazz zum Beispiel habe ich in meiner Jugend begriffen, als ein Berliner Radiosender eine lange Nacht der Jazzmusik brachte - irgendwann in den frühen Morgenstunden machte es klick, und seitdem habe ich nicht aufgehört, Jazz zu hören.

In andere Sachen bin ich nicht so gut reingekommen. Ich habe mehrfach Opern, Ballett- und Theaterstücke besucht - das war nicht meins und wird es wohl auch nicht mehr werden, außer mein Gehirn baut sich im Alter noch entsprechend um.

Mangas also! Ich verfolge das Gebiet seit den ersten AKIRA-Bänden damals, aber trotz der Lektüre unzähliger Rezensionen und Artikel und Interviews hat mich nie ein Manga so sehr angesprochen, dass es über ein Reinblättern im Comicladen hinausging.

Dann stieß ich dieses Jahr auf einen Artikel im Alfonz-Comicreporter über LINDBERGH, und da reizte mich so einiges:
  • eine an Steampunk und Piratengeschichten erinnernde fantastische Welt,
  • die Geschichte eines Freiheitskampfes,
  • das ebenso skurrile wie grausige Motiv der amputierten Drachen, die von ihren Piloten mit den Flügeln von Doppeldeckern ausgestattet werden,
  • ein Spaß versprechender, ebenso stilvoller wie undurchsichtiger Nebenheld, der auch der Böse sein könnte, und
  • die stimmungsvollen, lockeren und im entscheidenden Moment doch detaillierten Zeichnungen von Ahndongshik.
  • Hinzu kam die überschaubare Zahl der Fortsetzungen und dass der gute Mann offenbar mehr Zeit für seine Kunst hat als die üblichen japanischen Ein-Mann-Fabriken.

Ich besorgte mir also den ersten Band, und was soll ich sagen?

Es hat noch nicht klick gemacht, was Mangas betrifft, aber ich hatte meinen Spaß. Inzwischen bin ich bis Band 3 vorgedrungen.

"Vorgedrungen" trifft es, denn ich habe da schon den Eindruck, mich mit der Machete durch einen Dschungel zu kämpfen.

Was mir an Mangas nicht gefällt, bereitet mir auch bei LINDBERGH Schwierigkeiten. Aber einige Dinge, die anderen Leuten offensichtlich an Mangas gefallen, leuchten mir hier auch ein, das unbekümmerte Verschmelzen von Motiven und Archetypen etwa.

Wenn ihr Mangas mögt und diese Reihe bislang nicht auf dem Schirm hattet, seht sie euch mal an! Laut Molo habe ich da zufällig ein richtiges Kleinod rausgepickt.

Und wenn ihr eure Schwierigkeiten mit Mangas habt und die aber, wie ich, gern knacken wollt, ist LINDBERGH ja vielleicht auch einen Blick wert.

Saurier und Piraten und fliegende Städte - was soll einem daran nicht gefallen?




Und nun rutscht alle gut rüber, wir lesen uns 2016!


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*) Hier sei nur mal beispielhaft der berühmte japanische Zeichner Takeshi Obata zitiert. Auf die Frage während einer Werbetournee, ob er sich in Deutschland wohlfühle, antwortet er: "Ich fühle mich zwar wohl, da das Hotel auch sehr schön ist. Allerdings war ich noch nie draußen und habe auch kein Sightseeing gemacht, weil ich in meinem Zimmer arbeiten muss." Quelle: Alfonz 3/2015, Seite 16. Da lobe ich mir doch so lebenslustige, freiheitsliebende Arbeitstiere wie Simenon oder Pratt!


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English summary for foreign readers: I don't understand mangas, but reading the first 3 books of LINDBERGH by Ahndongshik in summer was fun!

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Moshi moshi, Frank.
Die Kunst der Mangas ist mir nicht weniger siebenfach versiegelt, bekomme also bereits bei der Ästhetik keinen Fuß in die Tür. Hier geht zweierlei unbeirrt aneinander vorbei - der Manga & mein Interesse. Beständig, seit Jahren...
An und ab bleibe ich noch bei nächtlichen Animes für Minuten Blickzeit - nur um nach langen Betroffenheits-Zeilen oder getretener Brei-Action sediert abzuwinken. Mir fehlt offenkundig die Begeisterung für. :-)

Ähnlich wie für Free-Jazz, Ballett oder Oper.

"Lindbergh" vermag da jetzt auch nichts weiter zu verrichten.

Akemashite omedetô gozaimasu, Frank san!

bonté

Jasper hat gesagt…

Das kann ich alles ganz wunderbar und genau so verstehen -- vor allem aber den Punkt mit dem "Knacken". Ich bemühe mich auch manchmal ganz gezielt um irgendwelche Sachen, von denen vertrauenswürdige Leute immer so spannend und mitreißend erzählen. Jazz war auch bei mir so ein Beispiel. Barockoper ein anderes. Manga? Mal sehen! Ich denke aber halt auch immer: wenn es doch so viele tolle frankobelgische Comics gibt ... ;).

molosovsky hat gesagt…

Hey, danke für das Tweet-Zitat.
Ich hatte ja das Glück, damals, als der Anime »Akria« in Europa premierte dabeizusein (auf 10mm Leinwand, OmESub) und entsprechend fiel es mir kinderleicht, in den Mangas zu versinken. Startvorteil: »Akira« hat ja viele un-japanische Eigenschaften (viel Realismus, keine niedlichen SpiegelEi-Augen usw).

Dennoch hat es gedauert, bis ich soweit war, über »Akira« hinaus Mangas zu kaufen. Eine der großen Hürden ist, daß viele Mangageschichten einschüchternd lang sind, was vor allem bedeutet: ne Stange Geld kosten. Entsprechend lange dauert es, bis ich mich für einen bestimmten Titel entschieden habe; filtere Rezensionen, stöbere im Laden, horche mich im Bekannten- & Freundeskreis um. Franks »Lindbergh«-Begeisterung, und daß der Titel ›nur‹ 8 Bände umfasst waren also wichtge Gründe, mir den ersten Band genauer anzuschauen, und wie Frank schön zusammenfasst, ist »Lindbergh« eine feine Geschichte. (Im Guten) Hoffnungslos optimistisch, voller wilder Abenteuer und nur einem verkraftbar winzigen Anteil berüchtigt-typischer japanischer Eigentümlichkeiten (z.B. jungen Frauen untern Rock gucken).

Meine Empfehlungen für Leuz, die ihren Zugang zu Mangas noch knacken wollen:
»Buddha« von Osamu Tezuka und »Lone Wolf & Cub« von Kazuo Koike und Gōseki Kojima.

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich fand auch noch SAINT YOUNG MEN witzig - meine Nichte hat mir den ersten Band bei ihrem letzten Berlinbesuch mal in die Hand gedrückt ...

Jesus und Buddha als junge Männer in einer WG in Tokyo:
https://en.wikipedia.org/wiki/Saint_Young_Men

Sehr pfiffig und lässig gemachte Alltagskomödie. Aber als weder mit der japanischen Kultur noch mit den Mangas Vertrauter blieben mir viele Anspielungen doch verschlossen.

Pogopuschel hat gesagt…

Mangas lese ich eher selten (warum eigentlich?), Animes schaue ich schon seit meiner Kindheit furchtbar gerne. Bewusst habe ich sie als Animes erst wahrgenommen, seit ich mir Anfang der 90er als Jugendlicher Akira in der Videothek ausgeliehen habe. Ich hatte dann glücklicherweise einen Klassenkameraden mit guten Connections zur ACOG (damals der einzige Animeversand), über den ich dann jede Menge Filme erhalten habe.

Die Liebe zum Anime ist bis heute geblieben, Hayao Miyazaki ist in zwischen mein Lieblingsregisseur, wobei ich die Filme von Ghibli erst relativ spät für mich entdeckt habe (erst ab »Prinzessin Monoke«). Gero hat auf der Bibliotheka Phantastika gerade übrigens einen interessanten Artikel über Miyazakis Manga »Nausicaä - Im Tal der Winde« geschrieben, den Miyazaki auch selbst verfilmt hat.

Was Animes angeht, gehören die Filme von Ghibli aber auch die von Mamoru Hosoda (»Ame & Yuki«, »Das Mädchen, das durch die Zeit sprang«, »Summer Wars«) für mich zu den schönsten, fantasievollsten, warmherzigsten und liebevollsten Filmen der letzten Jahrzehnte. Da findet man noch eine Magie, die in westlichen Filmen nur noch selten zu sehen ist.

Mit Mangas muss ich mich mal wieder mehr beschäftigen.