Mittwoch, 11. November 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2016 - mein erster Kandidat für den besten Roman

Neulich schrieb ich zur Kategorie "Bester Roman" des Science-Fiction-Preises der Profis noch:

Hier ist mir das ganze Jahr lang leider nichts als lesenswert aufgefallen. Wobei, den Brussig und den Eschbach werde ich noch probieren - einfach weil es der Brussig und der Eschbach sind.

Inzwischen liegt der eine auf dem Lesestapel, und den anderen habe ich nicht nur probiert, sondern verschlungen!

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Gelesen: Thomas Brussig, DAS GIBTS IN KEINEM RUSSENFILM (D 2015)

Worum geht's?

Das ist ein Alternativwelt- oder, wie auch Brussig selbst ihn indirekt einordnet, "kontrafaktischer" Roman: Deutschland ist nicht wiedervereinigt worden, sondern die DDR existiert bis heute. Ein Ostberliner namens Thomas Brussig erzählt uns seine Memoiren, von seinen Anfängen als Schriftsteller über seine Rolle als Dissident bis hin zu seiner Zeit als Star der sozialistischen Medien.

Wie ist das Buch geschrieben?

In Ich-Form. Sehr süffiger, lässiger Erzählton. Eine Mischung zwischen fiktiver Autobiografie und Schelmenroman.

Was gefiel nicht so?

Unterwegs beim Lesen runzelte ich die Stirn, weil Brussig zunächst vieles im Unklaren lässt, was diesen alternativen Geschichtsverlauf betrifft. Das klärt sich aber, und im Nachhinein begriff ich, wie programmatisch der erste Absatz des Buches ist.

Was gefiel?

Ich konnte das Buch gut wegschmökern.

Ich hatte an einzelnen Szenen natürlich umso mehr Spaß, je genauer ich mit der tatsächlichen Historie vertraut war. Brussigs Verschiebungen sind manchmal zum Piepen burlesk, und manchmal passen sie knallhart, wie die Faust aufs Auge - ich will keine Beispiele nennen, denn die großen und kleinen Entdeckungen machen unterwegs richtig Spaß und sollten nicht vorweggenommen werden.

Gute Stelle?

Ich will wie gesagt nichts Inhaltliches vorwegnehmen, aber Brussigs Stil hat mich zum ersten Mal auf Seite 18 laut zum Lachen gebracht:

Bis zum Schulbeginn war die einzige stressige Forderung "Aufessen!", aber nachdem ich eingeschult worden war, schloß ich mit einem neuen Wort ausführlich Bekanntschaft: "Orntlich". Ich sollte orntlich sitzen, orntlich schreiben, meine Sachen orntlich halten, orntlich in der Reihe gehen und auch ein orntliches "Hoppi" haben. Altstoffsammeln ging als solches durch.

Herrlich! Das ist musikalisch, und das ist volksnah. Musste ich gleich meiner Liebsten vorlesen.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Wie gesagt: Das wird mein erster Nominierungsvorschlag für den diesjährigen besten Roman. Ich denke, wer mit der Geschichte und dem Alltag der DDR einigermaßen vertraut ist, wird an dem Buch viel Spaß haben.

Einzige Einschränkung: Man sollte sich auch fürs Schreiben interessieren, denn in dieser Pseudo-Autobiografie geht es natürlich auch viel um die Bücher, die der Alternativ-Brussig schreibt.

Wo aufgestöbert?

In Alfred Kruses Liste der deutschen SF-Neuerscheinungen 2015 - anderenfalls wäre das Buch zu meiner Schande für dieses Jahr glatt an mir vorbeigegangen, trotz des knackigen Titels.

(Gebunden, 383 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main, 3. Auflage 2015. Bildquelle: Verlag)

Und sonst?

Besteht vielleicht noch die Frage, inwieweit dieser Roman tatsächlich für einen SF-Preis relevant ist:

Ja, ist er definitiv. Er schildert a) einen alternativen Geschichtsverlauf, es gibt b) ein paar technische Neuerungen, die nicht nur Gimmick sind, sondern wichtig für diese reformierte DDR, und obendrein schreibt der Alternativ-Brussig c) sogar selbst einen SF-Roman, was immer wieder geschildert wird, und philosophiert d) mehrmals über kontrafaktische Literatur - die bei ihm nicht gut wegkommt, auch das ein hübscher Witz.

Das ist mal wieder so ein typisches Buch, das bei Preisen durch den Rost fällt - das Feuilleton hat sich sichtlich schwergetan damit und es großteils ignoriert; die SF-Leser meines Wissens ebenfalls. Also lest das! Und sofern ihr abstimmungsberechtigt seid und es euch gefällt, schlagt es bitte ebenfalls zur Nominierung vor! Wir brauchen mindestens drei Stimmen, damit es auf die Liste kommt.

  • Mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, beim Verlag
  • "Grau-bunte Science-Fiction", eine sehr treffende, jedoch viel verratende Rezension in der Taz
  • Sämtliche aktuellen Blogeinträge zum Kurd-Laßwitz-Preis hier


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English summary for foreign readers: The alternate history "memoirs" DAS GIBTS IN KEINEM RUSSENFILM by Thomas Brussig about a not-liquidated GDR is very funny and will be my first 2016 Kurd Laßwitz Prize nomination proposal for best novel.

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