Mittwoch, 7. Oktober 2015

James, die Urmutter

Molo mailt einen Link und schreibt dazu:

Literaturkritik-Portal der Uni Marburg. Kennt in der Szene kaum jemand, aber die besprechen immer wieder mal Phantastik.

Wenn das kein Grund ist, das hier einmal ausdrücklich festzuhalten!

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In der verlinkten Rezension geht es um den kürzlich erschienenen Band 2 der Gesammelten Erzählungen von Alice Sheldon alias James Tiptree jr., in dem auch eine von mir übersetzte Story enthalten ist. Rolf Löchel schreibt:

Die vielleicht feministischste Story des Bandes handelt von „Frauen, die man übersieht“. Ein männlicher Ich-Erzähler reiferen Alters stürzt mit dem Piloten und zwei Frauen in den Mangroven-Sümpfen Yukatans ab. Während des Fluges würdigt er die beiden „verschwommenen Flecken Weiblichkeit“ mit ihren „Mäuschenstimmen“ kaum eines Blickes. Hat er schon vor dem Abflug gemutmaßt, sie könnten Mutter und Tochter sein, so bestätigt sich seine Annahme nach dem Crash. In den Sümpfen muss er bald „irritiert“ feststellen, dass sich „diese verfluchten Weiber noch kein bisschen beschwert“ haben. „Kein Muckser, kein Zittern in der Stimme, überhaupt kein Ausdruck von Persönlichkeit“. Derlei Reaktionen allerdings wären nun durchaus nicht Ausdrucksweisen von „Persönlichkeit“. Vielmehr spiegeln sich in der Irritation des Erzählers Erwartungshaltungen, die auf misogynen Weiblichkeitsklischees fußen. Später widerfährt ihm mit einer der Frauen gar noch „die absolut peinlichste intime Situation seit Jahren“. Er schläft neben ihr, ohne mit ihr zu schlafen. Wahrhaftig unvorstellbar. Während der Pilot und die erwachsene Tochter am Wrack zurückbleiben, macht er sich mit der Mutter auf, um Trinkwasser zu suchen. Als er unterwegs vermutet, die unverheiratete Mutter sei wohl „irgend so eine berufsmäßige Männerhasserin“, antwortet diese mit einem Lächeln und einem spöttischen Blick zum „peitschenden Regen“: „Ich hasse die Männer nicht. Das wäre genauso dumm wie – das Wetter zu hassen.“ Mag die Story auch die eine oder andere Frage offen lassen. Eines zumindest ist gewiss: Frauen, die mann übersieht, sollte mann nicht auch noch unterschätzen.

Passt.

"Frauen" war die erste Tiptree-Story, die ich für Jürgen Schütz neuübersetzt habe, für die zweite Verlagsanthologie damals. Mit dem erneuten Abdruck in der Werkausgabe sind die Gesammelten Erzählungen nun abgeschlossen - Jürgen hat langen Atem bewiesen und es tatsächlich geschafft!

Die einzige Tiptree-Werkausgabe weltweit, Donnerwetter.

Hoch die Tassen!

Und dann geht und kauft das.

(P.S. Hier noch ein hübsches Foto von der Veranstaltung "100 Jahre Tiptree" auf der letzten Leipziger Buchmesse: Biografin Julie Phillips liest, Böhmert lauscht. In der Mitte Verleger Jürgen Schütz und Mitübersetzerin Elvira Bittner. Bildquelle: Septime)


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English summary for foreign readers: The German language Collected Stories edition of Alice Sheldon aka James Tiptree, Jr. is complete. The first edition worldwide! I translated some pieces, too.

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