Freitag, 2. Oktober 2015

Die drei ganz großen Erzähler

Die drei ganz großen Erzähler meines Lebens, die mich seit meiner Kindheit begleiten und derer ich nie auch nur für ein Jahr überdrüssig geworden bin, sind, in alphabetischer Reihefolge, Carl Barks, René Goscinny und Hergé.

Ich glaube, ich habe sie alle drei ungefähr zur gleichen Zeit für mich entdeckt. Barks kam mir wohl als Erstes unter die Augen, in den MICKY-MAUS-Heften, aber ich musste ihn ja erst einmal als den "guten Zeichner" identifizieren, und das dauerte sicher ein bisschen. Da mein einer Onkel über ein in schundliterarischer Hinsicht wohlgefülltes Arbeitszimmer verfügte, dürfte ich ungefähr zur gleichen Zeit an ASTERIX herangekommen sein, das erste deutsche Album erschien 1968, da war ich sechs, und TIM UND STRUPPI gab es in der Stadtbücherei, in den ab 1967 von Carlsen herausgebrachten Alben mit dem roten Rücken, die auch heute noch auf dem Markt sind.

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Alle drei Erzähler haben gemeinsam, dass sie unglaublich effizient erzählen; sie kommen schnell auf den Punkt. Es ist eine Freude, gerade auch als Autor, zu sehen, wie sie die Exposition und das Vorantreiben einer Geschichte beherrschen. Dabei verlieren sie auch nie den Überblick, das ist alles sauber durchkomponiert.

Gleichzeitig neigen sie zu Kapriolen. Wie gern schwenkt Hergé mal ins Burleske, Klamaukhafte ab, mitten in einer spannenden Krimi- oder Abenteuerhandlung! Wie gern steigern Barks und Goscinny die Handlung bis ins Absurde! Aber immer kurz, immer knackig.

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Sie sind auch in gewissem Sinn zeithistorische Erzähler; gerade Barks und Hergé sind sich ihrer Zeit sehr bewusst, der eigenen wie auch der Handlungszeit. Bei Barks sehe, rieche und schmecke ich die 1930er, 1940er und 1950er Jahre, bei Hergé ebenfalls und bis in kleinste Details hinein.

Goscinny weicht ein bisschen davon ab; seine Szenarios sind zwar historisch verwurzelt und er baut gern Zeitgenössisches ein, aber das ist eher satirisch gefärbt.

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Als Schriftsteller schätze ich sie also für ihre punktgenaue, effiziente Erzählweise, ihre Lebendigkeit, die sich in kurzen Kapriolen äußert, und ihre akkuraten kulturhistorischen Hintergründe. Das mag keine große Kunst sein, aber es ist bestes Handwerk.

Als Mensch schätze ich sie für ihren munteren, gutmütigen bis spöttischen Blick auf die großen und die kleinen Leute, für ihr Hochhalten von Tatkraft und Optimismus, für ihre grundsätzliche Begeisterung über Erfindungen und technische Neuerungen und Großprojekte.

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Und dann sind da noch die Barksschen und Hergéschen Wohnungseinrichtungen.

Ich weiß nicht, was zuerst da war: mein Bedürfnis nach Leere und Klarheit, die den Geist beruhigt und das Herz erfrischt, oder diese ästhetischen, gemütlich-kargen Wohnungen bei Barks und Hergé. Fette Lesesessel, Kaminfeuer, wenige, aber schöne Gebrauchsgegenstände ... das kommt mir alles sehr entgegen.

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Meinen Lebensabend stelle ich mir oft so vor, dass ich alles wegschenke, was ich nicht mehr brauche, und die Wohnung immer leerer und gleichzeitig immer essenzieller, immer persönlicher wird. Meine Comics dieser drei ganz großen Erzähler werde ich sicher bis ganz zum Schluss noch behalten und, wer weiß, vielleicht sogar auf dem Sterbebett noch darin blättern. Wäre nicht der schlechteste Tod.

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Über Barks, Goscinny und Hergé kann, im Falle dieses Lesers hier, nichts mehr kommen. Sie haben Jahrzehnte Vorsprung. Jahrzehnte!

(Der größte Schatz zum Thema in meiner Handbibliothek: Die 34. Ausgabe des Comic-Fachmagazins Reddition über Goscinny aus dem Jahr 2000 - inzwischen vergriffen. Ein wunderbares Heft mit vielen schönen Fotos)


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English summary for foreign readers: The greatest storytellers of my life are, alphabetically, Carl Barks, René Goscinny and Hergé.

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