Mittwoch, 28. Oktober 2015

Die Fürsten vom Arbeitgeberverband

In Thomas Brussigs RUSSENFILM-Roman, in dem er einen alternativen Geschichtsverlauf mit einer bis heute bestehenden DDR beschreibt, gibt es auf Seite 222 eine sehr schöne Stelle zum Thema Zensur:

Auf der Leipziger Buchmesse wurden die Gerüchte über die Abschaffung der Zensur konkret - und es lief tatsächlich auf das "System" hinaus, "das die Zensur überflüssig macht". Es sollte fortan allein im Ermessen der Verlage liegen, ob ein Buch erscheint. Allerdings gab es Gesetze, welchen Inhalt Literatur nicht haben darf: Sie darf nicht kriegsverherrlichend sein, rassistisch oder antisemitisch. Natürlich darf sie auch nicht zum Sturz der sozialistischen Ordnung aufstacheln. Weiterhin darf sie nicht persönlich verunglimpfend sein oder die Organe und Repräsentanten des sozialistischen Staats diffamieren oder herabwürdigen. Wenn ein Buch erscheint, und irgend jemand ist der Meinung, daß dieses Buch gegen eines dieser Prinzipien verstößt, kann er vor Gericht ziehen. Ein Gericht hat dann zu entscheiden, ob das Buch aus dem Verkehr gezogen wird - und in dem Fall auch eine empfindliche, sogar ruinöse Geldstrafe zu verhängen.

Der Ich-Erzähler fragt sich:

Ob das allerdings ein Fortschritt war? Außerdem war das neue "System" noch unberechenbarer als das alte. Während man bisher mit Zensor Höpcke feilschte, mußte sich nun jeder Verlag fragen: Wer alles könnte was dagegen haben?

Und wenn man mal kurz beim Lesen innehält und die Passage ihres realsozialistischen Klangs entkleidet, fällt auf: Hier wird in weiten Teilen bundesdeutsches Recht dargestellt.

"[D]as 'System' [...], 'das die Zensur überflüssig macht'." Eine der hübschen kleinen Hintersinnigkeiten in Brussigs aktuellem Roman.

Lustigerweise las ich diese Stelle parallel zu der Meldung, dass die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände kürzlich dafür gesorgt hat, dass ein wirtschaftskundliches Buch der Bundeszentrale für politische Bildung nicht länger ausgeliefert wird.

Es war den Arbeitgebern zu einseitig.

Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass alle ihre Vorwürfe stimmen - sowohl die Herausgeber des Übersichtsbandes als auch der wissenschaftliche Beirat der BpB bestreiten es, aber wie gesagt: Gehen wir der Einfachheit halber davon aus.

Dann muss ich leider sagen: So, mit der Unterdrückung unliebsamer Gedanken, funktionieren Demokratie und Wissenschaft nicht. So funktionieren Fürstentum und Kirchenstaat.

Für eine freie Gesellschaft gehört es sich, dass argumentativ gestritten wird. Die Arbeitgeber hätten dafür sorgen können, vielleicht sogar sorgen sollen, dass in einer zweiten Auflage des Buches ihre Sicht stärker berücksichtigt wird. In der Zwischenzeit hätte eine Broschüre mit ihrer Sicht beigelegt werden können.

Das alles hätte für spannende, fruchtbare Diskussionen im Unterricht gesorgt.

Jetzt aber kann ich, wie gesagt selbst wenn sämtliche Vorwürfe gerechtfertigt sein sollten, nur sagen: Liebe Lehrer, liebe Schüler, wenn die vereinigten Arbeitgeberverbände nicht wollen, dass ihr dieses "vergriffene" Buch lest, dann besorgt euch das anderweitig und zwar schnell!


P.S. Der gute Molo hat das Inhaltsverzeichnis ausgegraben, bei der Deutschen Nationalbibliothek:




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English summary for foreign readers: German employers' association BDA and German interior ministry suppress FACE textbook on economy and society, so teachers and students should go and get it elsewhere.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Jetzt in der Auslieferung: SCHÖN SCHÖNER TOT von Roxanne St. Claire

Bei mir sind noch keine Belege eingetrudelt, aber ich sehe gerade, dass meine aktuelle Übersetzung zumindest bei Amazon schon zu haben ist:


Werbetext

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig - und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Partyeinladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten sie an. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen der Liste stirbt … kurz darauf Nummer 2. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Wettkampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Fünfte!

Ich bin schon schwer gespannt, wie die Geschichte hierzulande ankommt!

  • Mehr zum offiziell am Freitag erscheinenden Buch bei Carlsen,
  • die gesammelten Blogeinträge zu diesem Auftrag hier


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English summary for foreign readers: My latest translation, THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire, now is available at Amazon Germany and will hit the bookstores on Friday.

Freitag, 16. Oktober 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2016 - erste Überlegungen

Bald, in ungefähr sechs Wochen, wird Treuhänder Udo Klotz die erste Rundmail in Sachen Nominierungsvorschläge zu unserem Science-Fiction-Preis der Profis rausschicken; Zeit also, sich einmal Gedanken zu machen, was dieses Jahr bereits nominierenswert war! Auf geht's:

Bester Roman

Hier ist mir das ganze Jahr lang leider nichts als lesenswert aufgefallen. Wobei, den Brussig und den Eschbach werde ich noch probieren - einfach weil es der Brussig und der Eschbach sind.

Beste Kurzgeschichte

Hier enthalte ich mich immer, weil ich das Feld nicht verfolge. Für dieses Jahr stehe ich lustigerweise selbst mit einer Story im Wettbewerb, "Operation Gnadenakt" in Phantastisch 57 (1/2015) - mal sehen, wie weit die kommt!

Die beste Übersicht der Werke, die für die Kategorien Roman und Kurzgeschichte in Frage kommen, bietet dieses Jahr übrigens Alfred Kruse, der das Ganze für den Deutschen SF-Preis zusammenstellt, den Preis der Fans.

Bestes ausländisches Werk

Mich haben aktuell drei neuere SF-Romane gereizt, und die fand ich auch sehr gut. Aber ich habe sie eben im Original gelesen, und bislang sind deutsche Ausgaben noch nicht einmal offiziell angekündigt. Diese Titel merke ich mir also für die kommenden Jahre vor.

(Beste Übersetzung wird durch Jury vergeben.)

Beste Grafik

Da sind mir zwei sehr positiv aufgefallen.

Zum einen das stimmungsvolle Cover von Dirk Berger für Phantastisch 59 (3/2015), das mich träumenderweise in eine fremde Welt transportierte,


zum anderen die Fleißarbeit von Michael Vogt, die ebenfalls ein Phantastisch zierte, die aktuelle Nr. 60 (4/2015) nämlich.


Dieses Umlaufcover gibt es im Netz auch noch komplett und größer, nämlich im Blog des Berliner Künstlers. Trifft nicht ganz meinen Geschmack, ist aber ein tolles Wimmelbild, und so was macht auch mal Spaß, gerade auf einem Magazinumschlag.

Angenehm an beiden Bildern auch, dass sie einfach Leben zeigen, nicht Krieg und Katastrophe.

(Bestes Hörspiel wird durch Sekte vergeben.)

Sonderpreis für einmalige Leistungen

Da ist mir dieses Jahr nix Nominierenswertes aufgefallen.

Sonderpreis für langjährige Leistungen

Da habe ich zwei Vorschläge.

Zum einen Klaus N. Frick und sein Team nachträglich für das Ausrichten der "Perry-Party". Die offiziell "Galaktisches Forum" genannte Veranstaltung am Buchmessefreitag in Frankfurt war über viele Jahre hinweg der wichtigste Branchentreff in Sachen Fantastik. Wurde leider dieses Jahr verlagsseitig eingestellt, und ich finde, wir sollten das Engagement wenigstens nachträglich mindestens mit einer Nominierung ehren! Wer sollte das sonst tun, wenn nicht wir Profis? (Heute Abend findet diese Party übrigens nach erfolgreichem Crowdfunding erstmals in privater Ausrichtung statt.)

Zum anderen Jürgen Schütz und sein Septime Verlag für die weltweit erste Gesamtausgabe der Kurzgeschichten von James Tiptree jr., die sie dieses Jahr komplettiert haben, unter anderem mit der Hilfe dieses Übersetzers hier.

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So, liebe Leute, sieht das dieses Jahr aus beim Leser Böhmert.

Habe ich was übersehen? Liege ich irgendwo falsch? Dann ab in die Kommentare damit!


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(Nachtrag: Die nächsten Überlegungen zum Kurd 2016 finden sich hier.)


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English summary for foreign readers: First thoughts on my nomination proposals for next year's Kurd Laßwitz Prize.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Dawson in der zweiten Auflage

Die meisten Bücher erreichen keine zweite Auflage, aber neulich trudelten hier erneut Belegexemplare für SAG NIE IHREN NAMEN ein, meine Übersetzung des schnellen kleinen Horrorromans von James Dawson.


Und er hat das auch noch binnen weniger Monate geschafft! Er ist ja erst im Juli herausgekommen. Offensichtlich läuft da ordentlich Mundpropaganda.

Acht Kundenrezensionen auf Amazon, Durchschnitt 4,5 Sterne. Das geht kaum besser.

Wollen wir mal schauen, was die Leserschaft so zum Stil sagt?

Na, und ob wir das wollen!

Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen, nur manchmal hingen ein paar Vergleiche (das Stilmittel wird übrigens sehr, sehr, sehr oft benutzt – manchmal war`s nervig.) so schief in der Luft, wie ein aufgeblähter Elefant in der Wüste [...] hoffe das erfundene Beispiel reicht als Demonstration. Ich habe fünfzig, sechzig Seiten gebraucht, um meinen Leserhythmus zu finden, musste das eine oder andere Adjektiv lachend aus meinem Hirn bannen (Will mich ja gruseln und nicht totlachen.) und an manchen Stellen war ich verwirrt, weil der Autor seltsame Worte benutzt, die sich so gar nicht in den restlichen Inhalt einfügen möchten. Esspapierdünn – war zum Beispiel so ein Wort. Es wollte einfach nicht zum restlichen Satz passen, aber das ist sicherlich Geschmackssache. (Jarda)

[D]er Schreibstil ist wirklich gut und schnell lesbar. (Steffis und Heikes Lesezauber)

[B]esitzt einen flüssigen Erzählstil, der mich sofort in die Geschichte eintauchen ließ. (B. Friedrichs)

Der Schreibstil ist locker, einfach und sehr spannend gehalten! (Marion)

[H]at mit seinem tollen und sehr angenehmen Schreibstil überzeugt (Floh)

Na, da freut sich der Übersetzer doch, dass er seinen Autor gut rübergebracht hat!

  • Die kompletten Amazon-Kundenrezensionen findet ihr dort,
  • alle Blogeinträge zur Arbeit an der Übersetzung hier und
  • mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, bei Carlsen


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English summary for foreign readers: My German translation of SAY HER NAME by James Dawson just reached its second printing, after only three months. There's a lot of buzz out there, it seems.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Neues Interview online


Es dreht sich hauptsächlich um meine Arbeit als Übersetzer von Robert B. Parker, aber gegen Ende erzähle ich auch kurz was über den Roman, an dem ich gerade schreibe.

Ihr findet es auf der deutschen Spenser-Fanseite Guns & Poetry.


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English summary for foreign readers: Guns & Poetry, the German Spenser fanpage, talked with yours truly about translating Parker. I recommended some other authors, too.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

James, die Urmutter

Molo mailt einen Link und schreibt dazu:

Literaturkritik-Portal der Uni Marburg. Kennt in der Szene kaum jemand, aber die besprechen immer wieder mal Phantastik.

Wenn das kein Grund ist, das hier einmal ausdrücklich festzuhalten!

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In der verlinkten Rezension geht es um den kürzlich erschienenen Band 2 der Gesammelten Erzählungen von Alice Sheldon alias James Tiptree jr., in dem auch eine von mir übersetzte Story enthalten ist. Rolf Löchel schreibt:

Die vielleicht feministischste Story des Bandes handelt von „Frauen, die man übersieht“. Ein männlicher Ich-Erzähler reiferen Alters stürzt mit dem Piloten und zwei Frauen in den Mangroven-Sümpfen Yukatans ab. Während des Fluges würdigt er die beiden „verschwommenen Flecken Weiblichkeit“ mit ihren „Mäuschenstimmen“ kaum eines Blickes. Hat er schon vor dem Abflug gemutmaßt, sie könnten Mutter und Tochter sein, so bestätigt sich seine Annahme nach dem Crash. In den Sümpfen muss er bald „irritiert“ feststellen, dass sich „diese verfluchten Weiber noch kein bisschen beschwert“ haben. „Kein Muckser, kein Zittern in der Stimme, überhaupt kein Ausdruck von Persönlichkeit“. Derlei Reaktionen allerdings wären nun durchaus nicht Ausdrucksweisen von „Persönlichkeit“. Vielmehr spiegeln sich in der Irritation des Erzählers Erwartungshaltungen, die auf misogynen Weiblichkeitsklischees fußen. Später widerfährt ihm mit einer der Frauen gar noch „die absolut peinlichste intime Situation seit Jahren“. Er schläft neben ihr, ohne mit ihr zu schlafen. Wahrhaftig unvorstellbar. Während der Pilot und die erwachsene Tochter am Wrack zurückbleiben, macht er sich mit der Mutter auf, um Trinkwasser zu suchen. Als er unterwegs vermutet, die unverheiratete Mutter sei wohl „irgend so eine berufsmäßige Männerhasserin“, antwortet diese mit einem Lächeln und einem spöttischen Blick zum „peitschenden Regen“: „Ich hasse die Männer nicht. Das wäre genauso dumm wie – das Wetter zu hassen.“ Mag die Story auch die eine oder andere Frage offen lassen. Eines zumindest ist gewiss: Frauen, die mann übersieht, sollte mann nicht auch noch unterschätzen.

Passt.

"Frauen" war die erste Tiptree-Story, die ich für Jürgen Schütz neuübersetzt habe, für die zweite Verlagsanthologie damals. Mit dem erneuten Abdruck in der Werkausgabe sind die Gesammelten Erzählungen nun abgeschlossen - Jürgen hat langen Atem bewiesen und es tatsächlich geschafft!

Die einzige Tiptree-Werkausgabe weltweit, Donnerwetter.

Hoch die Tassen!

Und dann geht und kauft das.

(P.S. Hier noch ein hübsches Foto von der Veranstaltung "100 Jahre Tiptree" auf der letzten Leipziger Buchmesse: Biografin Julie Phillips liest, Böhmert lauscht. In der Mitte Verleger Jürgen Schütz und Mitübersetzerin Elvira Bittner. Bildquelle: Septime)


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English summary for foreign readers: The German language Collected Stories edition of Alice Sheldon aka James Tiptree, Jr. is complete. The first edition worldwide! I translated some pieces, too.

Montag, 5. Oktober 2015

Randnotiz: Ach, kieka!

Mein kleines Harry-Rowohlt-Zitat über Science-Fiction-Fans neulich hat es in die aktuelle Ausgabe des britischen Szene-Newsletters Ansible von Dave Langford geschafft, siehe die Rubrik "Infinitely Improbable". Schick!

Ist, glaube ich, das zweite Mal, dass der Böhmert Frank dort Lieferant war.


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English summary for foreign readers: My Harry Rowohlt quote has made it into the October issue of Dave Langford's Ansible. Nice!

Freitag, 2. Oktober 2015

Die drei ganz großen Erzähler

Die drei ganz großen Erzähler meines Lebens, die mich seit meiner Kindheit begleiten und derer ich nie auch nur für ein Jahr überdrüssig geworden bin, sind, in alphabetischer Reihefolge, Carl Barks, René Goscinny und Hergé.

Ich glaube, ich habe sie alle drei ungefähr zur gleichen Zeit für mich entdeckt. Barks kam mir wohl als Erstes unter die Augen, in den MICKY-MAUS-Heften, aber ich musste ihn ja erst einmal als den "guten Zeichner" identifizieren, und das dauerte sicher ein bisschen. Da mein einer Onkel über ein in schundliterarischer Hinsicht wohlgefülltes Arbeitszimmer verfügte, dürfte ich ungefähr zur gleichen Zeit an ASTERIX herangekommen sein, das erste deutsche Album erschien 1968, da war ich sechs, und TIM UND STRUPPI gab es in der Stadtbücherei, in den ab 1967 von Carlsen herausgebrachten Alben mit dem roten Rücken, die auch heute noch auf dem Markt sind.

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Alle drei Erzähler haben gemeinsam, dass sie unglaublich effizient erzählen; sie kommen schnell auf den Punkt. Es ist eine Freude, gerade auch als Autor, zu sehen, wie sie die Exposition und das Vorantreiben einer Geschichte beherrschen. Dabei verlieren sie auch nie den Überblick, das ist alles sauber durchkomponiert.

Gleichzeitig neigen sie zu Kapriolen. Wie gern schwenkt Hergé mal ins Burleske, Klamaukhafte ab, mitten in einer spannenden Krimi- oder Abenteuerhandlung! Wie gern steigern Barks und Goscinny die Handlung bis ins Absurde! Aber immer kurz, immer knackig.

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Sie sind auch in gewissem Sinn zeithistorische Erzähler; gerade Barks und Hergé sind sich ihrer Zeit sehr bewusst, der eigenen wie auch der Handlungszeit. Bei Barks sehe, rieche und schmecke ich die 1930er, 1940er und 1950er Jahre, bei Hergé ebenfalls und bis in kleinste Details hinein.

Goscinny weicht ein bisschen davon ab; seine Szenarios sind zwar historisch verwurzelt und er baut gern Zeitgenössisches ein, aber das ist eher satirisch gefärbt.

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Als Schriftsteller schätze ich sie also für ihre punktgenaue, effiziente Erzählweise, ihre Lebendigkeit, die sich in kurzen Kapriolen äußert, und ihre akkuraten kulturhistorischen Hintergründe. Das mag keine große Kunst sein, aber es ist bestes Handwerk.

Als Mensch schätze ich sie für ihren munteren, gutmütigen bis spöttischen Blick auf die großen und die kleinen Leute, für ihr Hochhalten von Tatkraft und Optimismus, für ihre grundsätzliche Begeisterung über Erfindungen und technische Neuerungen und Großprojekte.

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Und dann sind da noch die Barksschen und Hergéschen Wohnungseinrichtungen.

Ich weiß nicht, was zuerst da war: mein Bedürfnis nach Leere und Klarheit, die den Geist beruhigt und das Herz erfrischt, oder diese ästhetischen, gemütlich-kargen Wohnungen bei Barks und Hergé. Fette Lesesessel, Kaminfeuer, wenige, aber schöne Gebrauchsgegenstände ... das kommt mir alles sehr entgegen.

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Meinen Lebensabend stelle ich mir oft so vor, dass ich alles wegschenke, was ich nicht mehr brauche, und die Wohnung immer leerer und gleichzeitig immer essenzieller, immer persönlicher wird. Meine Comics dieser drei ganz großen Erzähler werde ich sicher bis ganz zum Schluss noch behalten und, wer weiß, vielleicht sogar auf dem Sterbebett noch darin blättern. Wäre nicht der schlechteste Tod.

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Über Barks, Goscinny und Hergé kann, im Falle dieses Lesers hier, nichts mehr kommen. Sie haben Jahrzehnte Vorsprung. Jahrzehnte!

(Der größte Schatz zum Thema in meiner Handbibliothek: Die 34. Ausgabe des Comic-Fachmagazins Reddition über Goscinny aus dem Jahr 2000 - inzwischen vergriffen. Ein wunderbares Heft mit vielen schönen Fotos)


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English summary for foreign readers: The greatest storytellers of my life are, alphabetically, Carl Barks, René Goscinny and Hergé.