Montag, 7. September 2015

Das Nirgendwo-Projekt

Neulich lud die Nomad Bar im Rahmen ihrer Dokumentarfilm-Donnerstage zu PARADISE OR OBLIVION (zu Deutsch "Paradies oder Vergessen", aber auch "Paradies oder Verwüstung") aus dem Jahre 2012. Der Trailer sprach mich genug an ...



... um da zusammen mit meinem großen Sohn hinzugehen und mir diese Einführung in das utopische "Venus Project" des Jaque Fresco, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte, obwohl der Film allein auf Youtube über 7 Millionen mal abgerufen worden ist, während des Genusses ganz ausgezeichneter Biere kleiner Brauereien einmal anzusehen.

Tja, was soll ich sagen?

Der Trailer gibt einen guten Vorgeschmack auf den Film; er verspricht weder zu viel noch zu wenig.

Worum geht's?

Ein fast ein Jahrhundert alter Mann, der von der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre geprägt worden ist, will in Venus, Florida eine Art Musterstadt der Zukunft errichten.

Was gefiel nicht so?

Die Stadt der Zukunft, wie Fresco sie sich vorstellt, wirkt seltsam geschlossen.

An einer Stelle des Films erzählt er, wie toll die Verkehrssysteme der Zukunft sein würden, und stellt die rhetorische Frage, wer wolle denn schon in einem unsicheren, fuffzehn Jahre alten Auto fahren. Da hätte es in einer Live-Veranstaltung einen Zwischenruf von mir gegeben: Zehntausende Leute, alle Garagenschrauber nämlich; für viele fängt der Spaß da erst mit einem 25 Jahre alten Auto, einem Oldtimer also, richtig an. Auch haben sicher bei weitem nicht so viele Leute, wie Fresco denkt, Lust darauf, in einem vorgefertigten Haus aus Recycling-Kunststoff zu leben; ich zum Beispiel lebe seit meinem Auszug von zu Hause gezielt ausschließlich in Häusern, die ungefähr hundert Jahre alt sind.

Diese kreisrund angelegte Stadt hat ihre Ästhetik, aber wie ich zu meinem Sohn sagte: Wo hängen die Jugendlichen rum, die das Werk der Erwachsenen doof finden? Genau das, antwortete er, habe er auch gerade sagen wollen.

Und weiter: Wo sind die Werkstätten der Schrauber und Tüftler und Erfinder, die Flohmärkte, die Übungsräume, die Festivalplätze, die Kleingärten mit selbstgebauten Lauben, die Lagerfeuer? Kurz: Wo findet all das statt, was nicht Großprojekt, was nicht Mainstream, was nicht Fresco ist?

Was gefiel?

Manche Entwürfe sind hübsch futuristisch, und ich fand lustig, wie sehr diese doch allgemeingültig gemeinte Stadt das Klima Floridas atmet.

Fresco ist ein sympathischer, eigensinniger alter Mann.

Zu empfehlen?

Angucken lohnt sich schon, aber ernstnehmen kann ich das Venus Project nicht.

Fresco kommt bei aller Sympathie doch als zu großer Eigenbrötler rüber. Das Projekt ist anscheinend geschlossen für Entwürfe anderer Personen; das Team scheint sehr klein und Fresco nicht teamfähig zu sein. Das sind schlechte Karten für eine Vision vom zukünftigen und natürlich voll friedlichen Zusammenleben. Fertige Häuser gibt es auch nicht, nirgendwo; bis auf das Projekthaus, also einen Werbepavillon.

Unterm Strich kommt mir Fresco vor wie der Nowhere Man aus dem Beatlessong:

He's a real nowhere man
Sitting in his nowhere land
Making all his nowhere plans
For nobody

(Er ist ein richtiger Nirgendwo-Mann
Sitzt in seinem Nirgendwo-Land
Macht seine ganzen Nirgendwo-Pläne
Für niemanden)

Was traurig ist. Sympathisch, liebenswert auch, aber vor allem traurig.

Wer sich den Film einmal selber angucken möchte - es gibt ihn komplett und legal auf Youtube; hier die Version mit deutschen Untertiteln:



Und sonst?

Utopisches Denken und der Glaube an eine wie auch immer geartete Apokalypse gehen anscheinend gern Hand in Hand.


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English summary for foreign readers: Recently I watched PARADISE OR OBLIVION. Jaque Fresco is a likable maverick, but his vision of the city of the future describes a closed society, not an open one.

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