Freitag, 12. Juni 2015

Aber die Geschichte. Zum Tod von Wolfgang Jeschke [aktualisiert am 16.06.]

Ich stand gerade mit Andy Hahnemann im Konferenzzimmer des frisch eingerichteten Fischer Tor Verlags und bewunderte das locker angedachte, auf einem Tisch in Form von Originalausgaben und Platzhalter-Zetteln arrangierte Herbstprogramm 2016, als Hannes Riffel von einem Telefonat zurückkehrte und für einen Moment ganz still war.

Dann sagte er uns, dass Wolfgang Jeschke verstorben war.

Mir schossen sofort einige, für mich bedeutsame, Erinnerungen durch den Kopf.

Erstens eine ansatzweise Begegnung mit Jeschke; näher bin ich diesem großen Förderer der Science Fiction nie gekommen.

Es muss Anfang der 1980er Jahre gewesen, wahrscheinlich auf einem FreuCon. Jeschke und einige andere bekannte Köpfe der deutschen SF-Szene führten eine Podiumsdiskussion zum Thema SF-Magazine. Fränkie saß als vielleicht Zwanzigjähriger in der ersten Reihe und diskutierte mit. (Ich hatte eine sehr entschiedene, natürlich negative Meinung zu denjenigen SF-Magazinen, die sich ans Filmgenre anbiederten - habe ich noch heute.)

Irgendwann neigte Wolfgang Jeschke sich zu seinem Sitznachbarn und fragte neugierig: "Wer ist das eigentlich?"

Sein Nachbar wusste es nicht. Natürlich nicht.

Ich war damals zwar mutig genug, mich in eine Podiumsdiskussion einzuschalten, aber zu schüchtern, um mich nach der Veranstaltung einfach selber vorzustellen.

Dabei hätte ich das ruhig tun können.

Denn ich glaube, mein Name wäre Wolfgang Jeschke ein Begriff gewesen.

Er bekam nämlich regelmäßig Storys von mir zugesandt, die er ebenso regelmäßig ablehnte - gelegentlich auch mit persönlichem Anschreiben.

Zwei davon haben sich für immer meinem Gedächtnis eingeprägt.

In der ersten Ablehnung - ich hatte Heyne eine Antikriegsgeschichte angeboten - stand ein Satz, den ich bis heute auswendig kann:

"Ihr Anliegen in allen Ehren, aber die Geschichte müßte erst noch erzählt werden."

Peng! Diesen Satz habe ich mir für immer hinter die Autorenohren geschrieben - praktisch als virtuelles Tattoo.

Dann gab es, etliche Ablehnungen später, einen Brief aus der SF-Redaktion, von einer Frau, glaube ich. Der ging ungefähr so:

Schönen Gruß von Wolfgang Jeschke, auch die eingereichte Geschichte reiche noch nicht ganz für eine Veröffentlichung bei Heyne, aber er wolle mir einmal mitteilen, wie sehr ich mich gesteigert hätte ...

Dieser Mann, der voller Neugierde auf die Welt und die Literatur war und mit allen großen Namen nicht nur der SF-Szene Umgang hatte, setzte sich tatsächlich immer wieder einmal hin und gab irgendeinem hoffnungsfrohen Amateur einen guten Rat und gelegentlich ein ermunterndes Wort mit auf den Weg, ohne jede Arroganz, aber mit glasklarer, oft auch glasharter Ansage.

Und darum ist Wolfgang Jeschke selig, der zu allem Überfluss verdammt gut schreiben konnte, auch für mich persönlich genau das, was in all den Nachrufen immer wieder hervorgehoben wird: ein großer Förderer der deutschen SF.

  • Mehr und Objektiveres zu Jeschkes Bedeutung schreibt Dietmar Dath in der FAZ, wobei auch Dath nicht um eine persönliche Anekdote herumkommt; so war das wohl einfach mit Jeschke.
  • [Nachtrag 16.06.] Frank W. Haubold weiß eine ähnliche Geschichte der Nachwuchsförderung wie ich zu erzählen, drüben im Forum von sf-fan.de.


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English summary for foreign readers: German sf editor Wolfgang Jeschke is dead. He never bought one of my stories, but he always had good advice. And he was a damn good writer, too!

Kommentare:

Ulrich Elkmann hat gesagt…

De mortuis... aber mit dem "damned good writer" ist das so eine Sache. Von den frühen Erzählungen gehören sicher einige zu den eindringlichsten, die die deutschsprachige SF der Zeit zu bieten hat (ich denke da u.a. an "Die Anderen" mit seiner unaufgelösten Alptraumatmosphäre, oder "Osiris Land", das auch ganz von dieser schwebenden Traumstimmung lebt). Aber leider war Jeschke als Erzähler eben nicht nur das, sondern auch einer der finstren Endzeitprediger, Robert Jungk oder Franz Alt in Prosa: da ging dann, spätestens ab 1980, die Welt immer schneller und stets gräßlicher den Bach runter, der Westen war an allem Schuld, die "dritte Welt" ein Abziehbild aus all den geballten Klischees des Tiersmondismus (Carl Amery ist zu der Zeit auch in die Schiene abgedriftet). Das ging richtig los, als er es mit der Romanform versucht hat, seit dem "Ersten Tag der Schöpfung". Da kam dann noch dazu, daß der Plot, wenn man mal über die Intensität des Stils hinaus guckte, ein richtiger "idiot plot" (wie Damon Knight das genannt hat) war: da schickt das US-Militär Erdölbohrteams 6 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um den Arabern gewiisermaßen vorher die Petrolreserven abzugraben, hat aber keine funktionierende Möglichkeit entwickelt, um das Öl (& die Navy Seals) in die Gegenwart zu beamen. Und das, obwohl sie Tausende von Jahren Zeit hätten, dieses unabdingbare Detail zu klären. Statt dessen gibts heftige Ökopredigten, Auatralopithekinen im ausgetrockneten Mittelmeer (2,5 Mio. Jahre vor deren erstem Nachweis), einen Digest der Thesen von Kenneth Hsu, und Wüstencampatmosphäre, von der ich fürchte, daß sie mehr Robert Silverbergs "Hawksbill Station" verdankt, als ihr guttut.

Den Vogel hat für mich dann die Erzählung "Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan" abgeschossen: wo all die verhungerten Babies der 3. Welt jede Nacht auf dem Petersplatz materialisieren, weil der Vatikan ja Schuld an der Überbevölkerung & am Welthunger trägt, und mit Bulldozern in Massengräber geschoben werden, damit der Tourismus nicht leidet... Soll das unter "verzweifelter Sarkasmus" verbuchen, wer Lust dazu hat, aber für mich war Jeschke damit als Autor unten durch.

Frank Böhmert hat gesagt…

Die "Intensität des Stils" ist das richtige Stichwort.

Vieles war von Jeschkes Anliegen her sicher sehr zeitgeistig und wird entsprechend schlecht altern. Aber schreiben konnte er, und seinen Rat an mich, die Geschichte zu erzählen, hat er zumindest bei allem, was ich von ihm gelesen habe, immer beherzigt.

RoM hat gesagt…

Servus, Frank.
Dennis Scheck wußte das Wirken von Wolfgang Jeschke, Freitags in einer Radiosendung, anprechend zu würdigen. So erfuhr ich erst von seinem Tod.
Ka Pa für Deinen Nachruf!

bonté

Pogopuschel hat gesagt…

Hier der Link zur Sendung: http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2015/06/12/dlf_20150612_1610_7f0bc674.mp3

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Das Beste, was es sendungstechnisch von Jeschke gab, hat sich leider nicht erhalten: so um 1999 herum (plus/minus 1 Jahr) hat er spätnachts, zwischen 24:00 und 1:00 im Rahmen der "space night" des BR vier einstündige Gespräche mit Linus Hauser über die SF geführt. Ganz entspannter Plausch, sich gegenseitig die Stichworte zuwerfend. Da unterhielten sich zwei gesetzte, in sich ruhende Herren, die keinen überzeugen mussten, und bei denen man en passant noch einiges Neues erfahren konnte. Unter anderem, dass die Anfänge der bundesdeutschen SF, die vier Bände, die 1952-3 bei Karl Rauch in München verlegt wurden (u.a. "Ich, der Roboter" und wo Williamsons "The Humanoids" den seltsamen Titel "Wing 4" bekam), ein Steckenpferd von Gotthard Günther waren und deshalb bei einem Universitätsverlag herausgekommen sind.

Frank Böhmert hat gesagt…

Das Jeschke-Hauser-Doppel klingt wirklich interessant! Vielleicht erinnert sich der Bayrische Rundfunk jetzt ja daran, welche Kostbarkeiten da im Archiv schlummern ...

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Hat ihn: BR, Space night, Januar 2000.

"Ein weiterer Beitrag ist eine Diskussionsrunde zum Thema „Theologie und Science-Fiction“. Hier diskutiert der Gießener Theologie-Professor Linus Hauser mit dem Chefredakteur des Heyne-Verlags für den Bereich SF und Fantasy Wolfgang Jeschke. Im ersten Teil mit dem Untertitel „...phantastisch“ erklärt Jeschke zunächst die Geschichte der SF und warum SF in Deutschland eine so schwache Akzeptanz besitzt, im Gegensatz zu Amerika. Linus Hauser erzählt im Gegenzug von den vier Kränkungen der Überheblichkeit des menschlichen Selbstverständnisses, der „Kopernikianischen“, die die Erde nicht mehr im Zentrum des Universums sehen wollte, der „Darwin’schen“, die den Menschen nur noch als höherentwickeltes Tier ansieht, der „Freud’schen“, die das Tier und seine Urinstinkte noch heute im Unterbewußtsein erkennt, und die vierte, die „Androidische Kränkung“, die Maschinen sieht, die die physische und intellektuell kreative Leistungsfähigkeit des Menschen übertreffen werden. Ich denke, Hauser hat hier noch zwei weitere Kränkungen vergessen: die „weibliche“, die die Frau dem Manne gleichgestellt hat und die „gentechnische“, die die Einzigartigkeit des Menschen als physisches Lebewesen in Frage stellt (Kloning, genetische Aufwertung, etc.). Möglicherweise wird letztere erst noch kommen, und steht mit Sicherheit im Zusammenhang mit der „androidischen Kränkung“.

Im letzten Drittel des Beitrags versucht Wolfgang Jeschke die Größenverhältnisse des Universums darzustellen. Leider unterläuft ihm dabei selbst ein fast schon banaler Fehler um den Faktor 2,5, dies kann aber als Bestätigung für seine Aussage gewertet werden, daß wir uns eigentlich keine rechte Vorstellung von den Ausmaßen machen können, für ein Lebewesen, dessen Gehirn sich in der Steppe entwickelt hat.

Eine wirklich interessante Diskussion, die auch mit der einen oder anderen Neuigkeit (z.B. dem berühmtesten Abonennten der „Astounding Stories“ von Hugo Gernsback) aufwartet. Sehenswert! - Sendetermin: Sonntags nach „Alpha Centauri“."

http://www.nrw.co.uk/scifi/text/Art_15.html

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(Die "Astounding"-Sache ["Gernsback", autsch...] war die nicht gerade unbekannte Anekdote, dass Wernher v. Braun während des Kriegs über Schweden Ausgaben bezogen haben soll.)

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Man soll ja bei Theologen nicht zu sehr auf Empirie pochen; aber Hauser liegt mit seinen "Kränkungen" da in allen Punkten wohl ziemlich daneben. Die werden herumgereicht, seit Dr. Freud die Liste aufgestellt hat, mit sich selbst als 3. Entzauberer; aber die Quellenlage trägt das nicht. (Der einzige, der sich von Elektronengehirnen je gekränkt gefühlt hat, war Kasparow.) Das "Unbehaustsein der Menschen", seit das Weltall als unendlich im Angebot ist, löst nirgendwo Bauchgrimmen aus (außer in ein oder zwei einzelnen Gedichtzeilen bei John Donne um 1605; und bei den englischen "metaphysical poets" ist das eher ein Spiel mit gewollten Paradoxien als Abbild eigener Verfasstheit.) Der Streit geht eher darum, ob nun das kopernikanische oder das Tycho Brahe'sche Modell zutrifft. In den Ideengeschichten zur "Vielzahl der bewohnten Welten" bzw. "Ästhetik des Unendlichen" scheint das nirgends auf, weder bei Michael Crowe (The Extraterrestrial Life Debate), Steven J. Dick (The Biological Universe), Karl S. Guthke (Der Mythos der Neuzeit) oder den älteren Arbeiten von Marjorie Hope Nicolson. Hans Blumenberg hat den Aspekt nicht im Fokus. Auch die Pruämtexte wie Fontenelle, Kant, Herder: die finden diese Ausweitung der Perspektive auf/anregend.

Was manchen unheimlich wird, ist nicht die Unendlichkeit das Alls, sondern die Furcht, daß diese Unendlichkeit unbewhont sein könnte; da liegt die Wurzel von Pascals "Le silence éternel de ces espaces infinis m'effraie." Bei einer Annahme endloser beowhnter Welten gibt das theologisch eher Trost (der Schöpfergott wird ja erst wirklich mit Darwin ad acta gelegt); die Debatte bleibt bis ca. 1830 heftig optimistisch & wird über die "unendliche Zahl verwandter, anbetender Wesen/Seelen" rhetorisch befeuert. Joseph Smith hat das, ganz zeitgeistig, als "Kolob" im mormonischen Glaubensgefüge verankert (Scientology ist *nicht* die erste aus SF-Metaphern gespeiste Religion).

https://en.wikipedia.org/wiki/Kolob

Bei Darwin das Gleiche: das passt gut in den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts mit Anfang des Tierschutzes und dem Interesse für alles, was anders ist als das europäische Zuhause. Das nimmt im Grund die alte Idee der "great chain of being", der Großen Kette der Lebewesen auf, Wer sich aufregt, das sind die Geistlichen; aber eben nicht, weil sie ihre Felle davonschwimmen & ihre Schäfchen davongaloppieren sehen, sondern weil sie fürchten, daß da der Mensch reduziert & für genauso unfrei &, der wichtige Punkt, so rechtlos wie das Tier erklärt werden soll. (Der Affekt gegen Peter Singer hat das noch ungebrochen.) In Sachen Freud dürfte sich rumgesprochen haben, daß er mit der These vom Nicht-Herr-im-eignen-Haus-des-Geistes-Sein reichliche Vorläufer von Schopenhauer (oder gar Jean Paul) an hatte.

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Pruämtexte... Selbst autsch. :(((
Primärtexte.

Frank Böhmert hat gesagt…

Vielen Dank für diese spannende Abschweifung, lieber Ulrich Elkmann! Wieder einmal schluchzt ein Stimmchen in mir: "Ich hab zu wenig Zeit ... zum Lesen ..."