Dienstag, 30. Juni 2015

Gelesen: Saladin Ahmed, THRONE OF THE CRESCENT MOON (USA 2012)

Worum geht's?

Um Zeiten des Umbruchs in einem Schmelztiegel des magischen Orients, wie wir ihn zum Teil aus TAUSENDUNDEINE NACHT kennen. Wir begleiten im Wesentlichen einen Magier, der auf das Jagen von Ungeheuern spezialisiert ist, aber langsam alt wird.

Es handelt sich um den ersten Band eines Zyklus - davon habe ich aber nichts gemerkt; das Buch taugt gut als Einzelroman.

Wie ist das Buch geschrieben?

Farbig, flüssig, mit souveräner Hand

Was gefiel nicht so?

Das Buch beginnt mit einer Folterszene.

Was gefiel?

  • die Vielfalt an Stimmungen
  • der traurige Grundton
  • der Witz
  • die Frische und Farbigkeit
  • die Modernität; das ist kein altertümelndes Buch, sondern der Autor ist sich sehr der heutigen Zeit bewusst
  • die würzige Kürze

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Hier der Anfang des ersten Kapitels mit der Einführung des alternden Magiers:

Dhamsawaat, King of Cities, Jewel of Abassen
A thousand thousand men pass through and pass in
Packed patchwork of avenues, alleys, and walls
Such bookshops and brothels, such schools and such stalls
I've wed all your streets, made your night air my wife
For he who tires of Dhamsawaat tires of life

Doctor Adoulla Makhslood, the last real ghul hunter in the great city of Dhamsawaat, sighed as he read the lines. His own case, it seemed, was the opposite. He often felt tired of life, but he was not quite done with Dhamsawaat. After threescore and more years on God's great earth, Adoulla found that his beloved birth city was one of the few things he was not tired of. The poetry of Ismi Shihab was another.

Zu empfehlen?

Aber ja! Ich habe das Buch aus Recherche- bzw. Vergleichsgründen angefangen, weil ich ja selbst gerade mit unter anderem einer modernen Variante eines Motivs aus TAUSENDUNDEINE NACHT beschäftigt bin - aber ich habe sehr schnell aus purem Vergnügen weitergelesen.

Dichter hat mich schon lange kein Buch mehr an den knallbunten Spaß herangebracht, den mir als Teenager Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mauser bereitet haben; zuletzt hatte das Barry Hughart mit DIE BRÜCKE DER VÖGEL geschafft. Ist verdammt lange her.

Wo aufgestöbert?

Während der letzten Frankfurter Buchmesse bei meinem Übernachtungsgastgeber Molosovsky, der mir eine seiner Ausgaben dann gleich geschenkt hat. Ich habe noch in Frankfurt mit der Lektüre angefangen und war binnen weniger Tage durch:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 275 Seiten. Gollancz, London, 2013)

Und sonst?

Könnt ihr euch schon auf die Übersetzung freuen!

Ich hatte das Buch gleich nach der Lektüre dem Heyne-Verlag zur deutschen Veröffentlichung empfohlen und von dort die Rückmeldung bekommen, dass bereits ein Berliner Kollege an der Übersetzung sitzen würde.

Die Vorankündigung für das im Februar 2016 erscheinende, vom wortgewaltigen Simon Weinert ins Deutsche gebrachte Buch findet ihr dort.

(Bildquelle: Heyne)


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English summary for foreign readers: THRONE OF THE CRESCENT MOON by Saladin Ahmed is big fun! Colourful, fluent, written with a sure hand. It brought back the feeling of my teenage happy reading hours with Fritz Leiber's Fafhrd and, as a twen, Barry Hughart's Master Li.

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

Ich muss mal einen zweiten Anlauf wagen. Ich hatte es kurz nach Erscheinen ungefähr zur Hälfte gelesen, aber trotz des tollen Settings konnte mich die Handlung nicht so recht packen

molosovsky hat gesagt…

Jö, freut mich, dass mein Instinkt mich nicht täuschte, als ich das englische Taschenbuch zum Verschenken aus dem Ramsch gerettet habe. (Ich selbst habe den Roman ja als engl. Audiobook genossen & wusste also, dass Ahmed ein feines Gern gestrickt hat.)

Gibt einiges, was mir außerordentlich gut gefällt an dem Buch. Allein wie Ahmed in einer Abenteurgeschichte, in der viel gefochten, gezaubert, blutrünstigen Monstern hinterher ermittelt wird und politische Großintrigen plus anschwellenden Bürgerkrieg geschehen, scheinbar nebenbei drei Liebes- & Beziehungsgeschichten präsentiert und damit verschiedene Arten von Nähe, Umgang mit Gefühlen usw dekliniert; mal zwischen jungen Leuz (städtischer Kriegermönch & provinzielle Stammes-WerLöwin), mal ein berufstätiges Ehepaar (Alchemistin & Magier), mal zwischen alten Freunden (Ghouljäger & Bordellchefin).

Frank Böhmert hat gesagt…

... und das alles, Molo, auf nicht mal 300 Seiten!

Probier das Buch jetzt im Sommer noch mal, Pogo. Das ist ein Sommerbuch.

molosovsky hat gesagt…

Eben. Und es ist dabei eben nicht knapp oder krarg, sondern bündig und farbig.