Dienstag, 23. Juni 2015

Gelesen: Neil MacGregor, EINE GESCHICHTE DER WELT IN 100 OBJEKTEN (GB 2010)

Worum geht's?

Dies ist die Buchfassung einer Reihe von viertelstündigen Radiobeiträgen, in denen der Leiter des British Museum uns mit Hilfe seiner Experten anhand beispielhafter Objekte einmal quer durch die Weltgeschichte führt.

Wie ist das Buch geschrieben?

Sauber und elegant, also verständlich. Viele Zitate beziehungsweise O-Töne. Fotos von jedem Gegenstand. Ausführlicher Anmerkungs- und Übersichtsapparat.

Was gefiel nicht so?

Entfällt

Was gefiel?

  • Die Idee, eine Weltgeschichte in Schlaglichtern zu erzählen, die auf Gegenstände fallen, ist ebenso einleuchtend wie bestrickend.
  • Es wird nicht nur Geschichte anhand dieser Gegenstände erzählt, sondern auch die Geschichte der Gegenstände selbst - ihre Entdeckung, ihr Schicksal bis zu dem Zeitpunkt, wo sie im British Museum gelandet sind. So guckt man in jedem Kapitel zugleich zurück in ihre Entstehungszeit und in die Geschichte ihrer weiteren Nutzung oder Umformung oder Rezeption. Das ist spannend!
  • Sprachlich ist das Buch erste Sahne. Auch an der Übersetzung, an der immerhin drei Leute beteiligt gewesen sind, hatte ich während der Lektüre nie etwas auszusetzen.

Gute Stelle?

Einer der faszinierendsten Beiträge befasst sich mit der Indus-Kultur, von der ich bis dahin nicht einmal etwas gehört hatte! Seite 115ff, Deutsch von Andreas Wirthensohn:

Vor rund 5000 Jahren floss der Indus, wie er das bis heute tut, von der Hochebene Tibets bis ins Arabische Meer. In den üppigen, fruchtbaren Überschwemmungsebenen entwickelte sich die Indus-Kultur, die auf ihrem Höhepunkt rund eine halbe Million Quadratkilometer umfasste.

Ausgrabungen dort haben die Pläne ganzer Städte zutage gefördert, aber auch deutliche Hinweise auf ausgedehnte internationale Handelsstrukturen. [...]

[...]

Marshalls Team fand bei Harappa die Überreste einer riesigen Stadt und entdeckte anschließend in der Nähe noch viele weitere Städte, die sich alle auf die Zeit zwischen 3000 und 2000 v.Chr. datieren lassen. Damit reichte die indische Kultur viel weiter zurück, als man bislang angenommen hatte. Nach und nach wurde deutlich, dass es sich um ein Land mit hoch entwickelten urbanen Zentren, Handel, Industrie und sogar Schrift gehandelt hatte. Zeitlich und vom Entwicklungsstand her stand es auf einer Stufe mit dem alten Ägypten und Mesopotamien - und war vollkommen in Vergessenheit geraten.

Die größten Städte im Industal wie Harappa oder Mohenjo-Daro hatten zwischen 30 000 und 40 000 Einwohner. Sie waren streng nach schachbrettartigen Entwürfen angelegt und verfügten über sorgfältig ausgearbeitete Wohnungsbaupläne und fortgeschrittene Sanitärsysteme, zu denen sogar hauseigene Toiletten gehörten; für einen modernen Stadtplaner müssen sie ein Traum gewesen sein.

So weit erst einmal zur Übersicht - und jetzt kommt's! Behaltet dabei im Blick, dass wir hier über eine Gesellschaft reden, die vor vier- bis fünftausend Jahren existiert hat, also in der Bronzezeit:

Wie wir im Falle von Ägypten und Mesopotamien gesehen haben, bedurfte es für den Sprung vom Dorf zur Stadt gewöhnlich eines dominanten Herrschers, der Zwang ausüben und Ressourcen nutzen konnte. Unklar ist aber gerade, wer diese hochgradig organisierten Städte im Industal regierte. Es gibt keine Hinweise auf Könige oder Pharaonen - oder überhaupt auf irgendwelche Anführer. [...]

Die Überreste dieser großen Städte der Indus-Kultur liefern uns keine Anhaltspunkte dafür, dass wir es hier mit einer kriegführenden oder vom Krieg bedrohten Gesellschaft zu tun haben. Man hat nur wenige Waffen gefunden, und die Städte scheinen nicht befestigt gewesen zu sein. Es gibt große Gemeinschaftsgebäude, aber nichts, was wie ein Königspalast aussieht, und zwischen den Häusern der Reichen und denen der Armen bestanden offenbar keine großen Unterschiede. Wir haben es also, so scheint es, mit einem deutlich anderen Modell städtischer Zivilisation zu tun, das ohne die Verherrlichung von Gewalt oder eine extreme individuelle Machtkonzentration auskommt. Beruhten diese Gesellschaften also nicht auf Zwang, sondern auf Konsens?

Unglaublich, oder?

Man nimmt übrigens an, dass die Induskultur untergegangen ist, weil sie ökologische Fehler machte beziehungsweise mit einer Klimaveränderung Probleme hatte, und nicht etwa durch Eroberung.

Von dieser Kultur übriggebliebene Kunstwerke zeigen, sofern sie nicht geometrisch-ornamental sind, gepflegte bärtige Männer ohne Insignien der Macht, Tiere, Schamanen und tanzende Mädchen - ich will eine Zeitmaschine.

Zu empfehlen?

Aber ja! Eines der besten Bücher, die ich 2014 gelesen habe!

Wo aufgestöbert?

Ein Geschenk meiner Liebsten, entweder zu Weihnachten 2013 oder zum Geburtstag im Frühling 2014; das weiß ich nicht mehr. Ich habe mir jedenfalls mit der Lektüre viel Zeit gelassen und war im November dann leider doch schon damit durch.

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden mit Lesebändchen, 816 kurzweilige Seiten. C.H. Beck, Jubiläumsausgabe 2013)

Und sonst?

Die Welt erweist sich immer wieder als größer und weniger bekannt, als ich denke!


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English summary for foreign readers: A HISTORY OF THE WORLD IN 100 OBJECTS by Neil MacGregor is one of the best books I've read last year! And I'm totally fascinated of the Indus Valley Civilization ...

Kommentare:

Ulrich Elkmann hat gesagt…

"Ich will eine Zeitmaschine." In Ermangelung eines Retrogressors (©R.A.Lafferty) bleibt da nur die Virtualität der Fiktion. Z.B. in einem Abschnitt von Robert Silverbergs "Sailing to Byzantium", 1985, wo es den Protagonisten aus der Jetztzeit in eine ferne, ziemlich unbegreifliche & einigermaßen dekadent angefressene Zukunft verschlägt. Zumindest die Erde scheint als kollektiver Freizeitpark für die paar verbliebenen Ennuyierten reserviert (der Soziotyp ist ja nicht unbekannt in der SF) & die amüsieren sich u.a. mit dem Nachbau & Abreissen historischer Locations, mit geistlosen Androiden-Statisten als Staffage (dem Vernehmen nach sollen die Nordkoreaner für Besucher in Pjöngjang das als tableau vivant im Programm haben) - u.a. eben auch Mohenjo-Daro. Die Reaktion sagt natürlich mehr aus über den Betrachter als über das Betrachtete:

"Had there ever been a more hideous place on the face of the earth than the city of Mohenjo-daro? Phillips found it difficult to iamgine one. Nor could he understand hy, out of all the cities that had ever been, these people had chosen to restore this one to existence. More than every they seemd alien to him, unfathomable, incomprehensible.
... The stark, bleak city looked like nothing so much as some prehistoric prison colony. In the manner of an uneasy tortoise it huddled, squat and compact, against the gray monotonous Indus River plain: miles of dark burtn-brick walls enclosing miles of terrifyingly orderly streets, laid out in an awesome, monstrous gridiron pattern of maniacal rigidity. The houses themselves were dismal and fobidding too, clusters of brick cells gathered about small airless courtyards. There were no windows, only small doors that opened not onto the main boulevards but into the tiny mysterious lanes that ran betwen the buildings. Who had designed this horrifying metropolis? What harsh sour souls they must have had, these firghtening and frightened folk, creating for themselves in the lush fertile plains of India such a Supreme Soviet of a city!"
"How lovely it is!" Belilala murmured. "How fascinating!"
He started at her in amazement.
[...] Try to understand, he thought, Relax. Look about you. Try to enjoy your holiday in Mohenjo-daro.
He leaned wearily outward, over the edge of the wall. He had never seen a wall like this; it must be forty feet thick at the base, he guessed, perhaps even more, and every brick perfectly shaped, meticulously set. Beyond the great rampart, marshes ran almost to the edge of the city, although close by the wal the swamps had been dammed and rained for agriculture. He saw lithe brown farmers down there, busy with their wheat and barley and peas. ... Gradually a sort of peace pervaded him. His anger subsided. He felt himself beginning to grow calm gain. he looked back at the city, the rigid interlocking streets, the maze of inner lanes, the millions of courses of precise brickwork.
It is a miracle, he told himself, that htis city is here in this place and at this time. And it is a miracle that I am here to see it.
The city was alive. Whether it was the actual Mohenjo-daro of thousands upon thousands of years ago, ripped from the past by some wondrous hook, or simply a cunning reproduction, did not matter at all. Real or not, this was the true Mohenjo-daro. It had been dead, and now, for the moment, it was alive again. These people, these citizens, might be trivial, but reconstrucing Mohenjo-daro was no trivial achievement. And that the city that had been reconstructed was oppressive and sinister-looking was unimportant."

Ulrich Elkmann hat gesagt…

Ansonsten gibt es noch den Fantasyroman "Winter on the Plain of Ghosts: a Novel of Mohenjo-daro" der kanadischen Autorin Eileen Kernaghan von 2004. Das wird insofern ein bisschen schwierig, weil sie die phantastischen Elemente aus dem Rig-Veda übernimmt, und dann das Ganze noch auf feministisch bürstet (da scheint sie sich heftig bei Marija Gimbutas bedient zu haben: alles, was vor den Indo-Europäern da war, ist dann eine mütterrechtliche Erdmutterkultur, ziemlich von der Leyen-kompatibel). Solche vermeintlichen Blumenkinder-Kulturen dienen Autoren historischer Romane ja gern in der Hinsicht als Anker (z.B. Dmitri Mereschkowsky in "Tut-ench-Amon auf Kreta", 1924, damals total zeitaktuell). Wenn man nur die Kultur selbst hat, keine entzifferbaren Schriftzeugnisse und keine Berichte von Außerhalb, kommt da leicht auch in der mehr-oder-weniger seriösen, und vor allem in der populären Sachliteratur, sowas raus. Kreta hat da als Friedensideal herhalten müssen, die Mayas ("Griechen der neuen Welt"), die Südsee natürlich & die Neanderthaler (der Topos ist alt: Tacitus hat sich seine ollen Germanen so zurechtgeschnitzt). Für die Kelten & Spartaner ging das nur deshalb nicht, weil es Beschreibungen in den antiken Literatur gibt; die Archäologie braucht in aller Regel 2-3 Generationen, um da den Star zu stechen. Seit die Maya-Schriften entziffert worden sind, hat sich das mit den "friedlichen Astronomen im Urwald" abr so-was erledigt...

Frank Böhmert hat gesagt…

Ja, lieber Ulrich Elkmann, diese Gefahr der Verklärung bzw. Projektion ist immer präsent; genau darum schrieb ich "unglaublich". So eine Zeitmaschine wäre fein, um sich mal selber ein Bild zu machen ...

Ansonsten gibt es inzwischen einige englischsprachige Standardwerke über diese untergegangene Kultur; darin möchte ich mich mittelfristig mal vertiefen. MacGregor empfiehlt Gregory Possehls THE INDUS CIVILIZATION: A CONTEMPORARY REVIEW (2002) und Rita Wrights THE ANCIENT INDUS: URBANISM ECONOMY AND SOCIETY (2010). Zu letzterem werde ich wohl greifen; da dürften neuere Forschungen eingegangen sein.

Und vielen Dank für das Silverberg-Zitat! Dieses Idol meiner Jugend will ich auch schon lange mal wieder lesen ...

Erling Plaethe hat gesagt…

Vielen Dank, lieber Frank Böhmert. Dieses Buch werde ich mir kaufen, so verlockend wie Ihre Besprechung und die anderer klingt. Wirklich schön zu wissen, dass es da einen Blog gibt, der solche Fundstücke hervorzubringen weiß. ;-)