Mittwoch, 17. Juni 2015

Die Freuden der Flussnähe

Als gebürtiger Kreuzberger, der nie weiter als ein paar Kilometer von dem Kreißsaal weggezogen ist, in dem für ihn alles losging, habe ich immer in fußläufiger Nähe von Wasserwegen gewohnt. Mit denen ist Berlin ja auch gesegnet. Heute, in Alt-Treptow, schwelge ich gar richtig im Luxus: Gehe ich ein paar Minuten in nordöstlicher Richtung, lande ich an der Spree, noch dichter dran sind im Südwesten der Neuköllner Schifffahrtskanal und im Nordwesten der Landwehrkanal. Im Schnitt gucke ich wohl alle zwei, drei Tage müßig übers Wasser (oder jogge gemütlich die Ufer entlang); wenn das Glitzerspiel mal eine Woche lang ausfällt, fehlt mir richtig was.

Also zwangsläufig irgendwann im Winter.

Letzten Dezember habe ich mir darum die volle Ersatzpackung gegeben und zwei meiner Lieblingsbücher zum ersten Mal parallel gelesen: DREI MÄNNER IM BOOT (1889) von Jerome K. Jerome und DER WIND IN DEN WEIDEN (1908) von Kenneth Graham. Waren das eine Wohltat und ein Spaß! Da machten mieses Wetter und frühe Dunkelheit nix mehr aus.


Beiden Büchern gemeinsam ist, dass sie voller Lebenslust stecken, sich über alles Mögliche lustig machen und Hymnen an die englische Landschaft und das einfache, naturnahe Leben enthalten - die im nächsten Atemzug auch gleich wieder veralbert werden.

Herrlich. Gute Laune machend auf intelligente und geradezu übermütige Weise.

Jerome ist dabei immer wieder einmal für eine nachdenkliche Sentenz gut - diesmal habe ich mir diese hier markiert. Deutsch von Arnd Kösling:

Mir ist aufgefallen, dass es in dieser Welt nur wenige Dinge mit ihren Darstellungen aufnehmen können.

Und Graham feiert einfach richtig beim Erzählen. Deutsch von Harry Rowohlt selig (und das ist auch der Grund, warum ich heute, einen Tag nach seinem Tod, diesen Blogeintrag schreibe). Lest diese Stelle hier, dann wisst ihr, was von uns Übersetzern zu leisten ist, und zwar mit Schmackes und mit Spielfreude, um die Lücke zu füllen, die Rowohlts Tod hinterlassen hat:

Sein Glück schien vollkommen, als er nach langem ziellosen Umherstrolchen plötzlich einen randvoll mit Wasser gefüllten Fluss fand. Er hatte noch nie einen Fluss gesehen: so ein glattes, gewundenes, pralles Tier, kollernd und kichernd, das Sachen gurgelnd ergreift und lachend wieder fahren lässt, um sich auf neue Spielgefährten zu stürzen, die sich von ihm losreißen, um sich noch einmal fangen zu lassen. Er bebte und bibberte, glänzte und glibberte und sprühte Funken, er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und angetan. Er trabte am Fluss entlang wie jemand, der noch sehr klein ist, neben jemandem einhertrabt, der einem atemberaubende Geschichten erzählt.

Und jetzt geht und macht euch den besten Tag, der euch möglich ist! Ihr wisst ja: Irgendwas geht immer.


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English summary for foreign readers: I really like living near waterways. In Winter, when weather was foul and I couldn't do much of walking the watersides, I enjoyed reading THE WIND IN THE WILLOWS and THREE MEN IN A BOAT instead. Both novels rank among my favourite books and I've read them for the third time.

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