Montag, 4. Mai 2015

Gelesen: Volker Kutscher, MÄRZGEFALLENE (D 2014)

Worum geht's?

Der seltsame Todesfall eines Obdachlosen im Berlin des Jahres 1933 führt unseren Helden Gereon Rath zurück in die Wirren des Ersten Weltkriegs.

Wie ist das Buch geschrieben?

Klassischer Krimi: Dritte Person, einfache Vergangenheit, mehrere Blickwinkel.

Was gefiel nicht so?

Zweierlei.

Erstens, Kutscher greift gelegentlich zu tief in die Trickkiste der Unterhaltungsliteratur. Ihr wisst schon, das ist die Kiste, in der jedes Auto, das sich überschlägt, auch gleich explodiert. Diesmal lässt sich in einer der zum Glück wenigen grausamen Szenen ein Augapfel einfach so aus der Augenhöhle herausholen (Seite 224) - das ist aber unmöglich. Ein Augapfel hängt in einem festen Gespann von sechs Muskeln, und der Sehnerv ist von harter Hirnhaut umgeben. Da ist kein Spielraum für ein Herausholen. Er geht schlicht kaputt und kann nicht mehr als blutige Murmel hübsch eklig durch den Staub rollen.

Zweitens, der Text weist für ein teures gebundenes Buch zu viele Fehler auf; das Korrektorat wurde offensichtlich in letzter Minute durchgehechelt. Oder wie sonst erklären sich Sätze wie dieser?

"Man Sie sind der einzige chmal kam es ihr vor [...]"  (Seite 487)

Solche Artefakte durch allzu hastige Umstellungen sollten eigentlich locker gefunden werden - beziehungsweise gar nicht erst entstehen.

Was gefiel?

Alles andere! Ich mag die Krimis von Kutscher sehr.

Gute Stelle?

Ich habe mir keine markiert. Ersatzweise hier die ersten Sätze:

Der Mann saß an einem stählernen Pfeiler im Schatten der Hochbahntrasse, das Kinn auf die Brust gesunken, als sei er nur kurz eingenickt. Man hätte denken können, er schlafe seinen Rausch aus, so kauerte er da in einem alten, geflickten Soldatenmantel, in Wickelgamaschen und löchrigen Handschuhen, eine dicke Wollmütze tief in die Stirn gezogen.

Wilhelm Böhm musste seinen Bowler festhalten, den ihm der scharfe, frostige Wind vom Kopf fegen wollte. Sie befanden sich direkt unter dem Hochbahnhof Nollendorfplatz, keinen Steinwurf entfernt vom Treppenaufgang, und dennoch war der Tote niemandem aufgefallen, offenbar seit Tagen nicht, jedenfalls niemandem, der es für nötig erachtet hätte, angesichts eines leblosen Körpers, der bei Minustemperaturen auf der Straße lag, die Polizei zu rufen.

Da ist man doch gleich mittendrin.

Eine Leseprobe, auch eine Hörprobe, findet ihr drüben bei der Homepage zur Reihe.

Zu empfehlen?

Aber ja!

Wo aufgestöbert?

Ich lese die Krimis um Gereon Rath seit Jahren; diesen hier habe ich im vergangenen November gleich nach Erscheinen gekauft und geschmökert:


Etwas Besonderes aus der Lektüre mitgenommen?

Nö. Das ist einfach guter Schmökerspaß, besonders zu empfehlen für Leute mit Interesse an Krimis, deutscher Geschichte und Berlin.

Sämtliche Blogeinträge zu Kutschers Krimis hier


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English summary for foreign readers: I've read MÄRZGEFALLENE ("March Victims") by Volker Kutscher, a crime novel set in 1933 Berlin. I like Kutscher's novels very much. They are not translated into English yet, but you can find an English language homepage about them over there.

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

Ich habe es gerade ausgelesen. Die Fehler sind mir auch aufgefallen, besonders der auf Seite 487. Mir ist noch kein Buch ohne Fehler begegnet, aber einen solchen Klops hat man auch nicht alle Tage. Bei einer so renommierte Reihe, die bei Kiepenheuer und Witsch erscheint und von Tom Tykwer verfilmt wird, darf so etwas nicht passieren.

Mir hat das Buch gut gefallen, die bedrückende Stimmung ab dem Reichstagbrand kommt hervorragend rüber. Allerdings fand ich das Buch ca. 100 Seiten zu lang, da der eigentliche Kriminalfall nicht ganz so spannend ist, und teilweise auch zu sehr in den Hintergrund rückt.

Frank Böhmert hat gesagt…

Hundert Seiten zu lang ist meine Grundkritik bei Kutscher, die äußere ich schon gar nicht mehr :-D