Samstag, 9. Mai 2015

Doch, manchmal kann man ein Buch nach dem Cover beurteilen [aktualisiert am 14.05.]

Zum Beispiel dieses hier:

(Eigenhändiger Scan vom noch nicht ausgelesenen Exemplar, wie ihr an den Bändchen des Lesezeichens links unten sehen könnt. Taschenbuch, 515 Seiten. Gollancz, London 2014)

Phillip Manns THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE (auf Deutsch vielleicht am besten "Die Abtrennung des Paradieses") hält alles, was das Cover verspricht.

Der Roman ist kein Thriller, sondern ruhig erzählt, lakonisch fast, ohne Cliffhanger und dennoch voller Dramatik, die aber den Figuren und der fremdartigen Umgebung entspringt, durch die sie sich bewegen.

Mann schreibt mit kunstvoller Schlichtheit und seine Erzählung bleibt stets übersichtlich; dennoch wimmelt das Buch von Echos unserer Kulturen - siehe den roten Mann am See, der mich zwangsläufig gleich beim ersten Entdecken an Rodins Denker erinnerte. Im Buch des neuseeländischen Autors nehme ich Anklänge an das moderne Nationalepos Neuseelands wahr, Keri Hulmes THE BONE PEOPLE, deutsch als UNTER DEM TAGMOND erschienen und eines meiner Lieblingsbücher, ebenso wie Brian Aldiss' HOTHOUSE, deutsch als AM VORABEND DER EWIGKEIT, dessen kleine, tapfere Menschen und große, unverständliche Pflanzen ebenfalls durch dieses Buch geistern.

Ich bin noch nicht ganz durch damit, aber PARADISE ist schon jetzt eine meiner großen Leseerfahrungen des Jahres und der beste aktuelle Science-Fiction-Roman, den ich seit vielen Jahren gelesen habe. Intelligent, panoramisch, berührend.

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Vor einem Monat, am Abend des 10. Aprils beim Gatherland im Otherland mit den beiden SF-Experten Werner Fuchs und Hardy Kettlitz - ein prächtiger, anekdotenreicher Abend übrigens! - hat jemand aus dem Publikum bemängelt, dass die aktuellen Cover der deutschen SF-Taschenbücher ihn nicht mehr zum Träumen einladen würden wie früher oft so viele ...

Doch da draußen gibt es sie noch, die Künstler, die das können. Chris Moore, der Schöpfer des oben abgebildeten Covers, ist so jemand. Schaut euch seine Webseite an! Allerdings ist er ein alter Hase und schon seit den 1970ern unterwegs.

Ein junger Künstler, der ähnliches kann, ist der schwedische Maler Simon Stalenhag. Seht euch seine Bilder an! Ich habe ihn hier im Blog vor Jahren schon einmal empfohlen - die deutschen Verlage müssen ihn erst noch entdecken.

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Dieses Cover von Chris Moore lädt mich ebenso wie der ganze Roman immer wieder zum Träumen und Nachsinnen ein - ich lese das Buch extrem langsam, über inzwischen vier Wochen hinweg, einfach weil ich mir Zeit lassen will.

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Nachtrag vom 14.05. - Wer mehr über das Buch wissen möchte, es gibt ein nicht gelistetes, aber von Phillip Mann persönlich öffentlich gemachtes Video von der ersten Buchpräsentation:




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English summary for foreign readers: Sometimes you can judge a book by its cover! THE DISESTABLISHMENT OF PARADISE by Phillip Mann fulfils everything Chris Moore's illustration promises.

Kommentare:

moyashi hat gesagt…

Witzig. Als ich das Cover gesehen habe dachte ich jetzt kommt ein dicker Verriss. Immer wieder spannend wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist und wie unterschiedlich jeder Betrachter auf ein Cover reagiert.

Frank Böhmert hat gesagt…

*auflach* Sehr schön, Moyashi! Ja.

RoM hat gesagt…

Tena koe, Frank.
Beim ersten Cover-Blick dachte ich zuerst an die SF-Cover-Art der Sechziger & Siebziger. Umschreibbar vielleicht als vertraute Fremdheit des Genres.
Trotz des Skeptizismus' guter SF sollte der Blick für einen Augenblick der Schönheit such genutzt werden können.

Gut - Cover werden heute lieber nach anderen, ökonomischen Kriterien ausgewählt. Also schnell & billig (ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Fotomontagen-Cover vom Ende der Achtziger, hierzulande).

Bei der erwähnten Qualität des Romans selbst bleibt mir die Hoffnung auf eine deutschprachige Veröffentlichung.

bonté

Frank Böhmert hat gesagt…

Ich mache jedenfalls hier und hinter den Kulissen Reklame für eine deutsche Veröffentlichung, RoM. Und im Idealfall kann ich den Roman dann auch übersetzen ... was aber weniger wichtig ist.

Anonym hat gesagt…

Empfehlenswert sind von Phillip Mann auch die Romane "Pioniere" und "Das Auge der Königin".