Mittwoch, 15. April 2015

Der blinde Fleck der europäischen Aufklärung

Das habe ich, glaube ich, auch noch nicht erlebt: dass ein Autor stirbt, während ich ein Buch von ihm lese. So geschehen mit Eduardo Galeano, dessen bekanntestes Werk DIE OFFENEN ADERN LATEINAMERIKAS. DIE GESCHICHTE EINES KONTINENTS (1971) ich mir seit einigen Monaten einverleibe, um diese Bildungslücke endlich zu schließen.

Aus Anlass seines Todes vorgestern möchte ich hier das verheerende Zeugnis zitieren, das er den europäischen Humanisten und Aufklärern ausstellt:

An ideologischen Rechtfertigungen fehlte es nicht. Das Schröpfen der Neuen Welt wurde zu einem Akt der Barmherzigkeit oder des Glaubens. Mit der Schuld entstand auch ein ganzes System aus Alibis für die schuldbewussten Geister. Die Indios wurden zu Lasttieren gemacht, die schwerere Bürden aushielten als die schwachen Rücken der Lamas, und im selben Zuge befand man, die Indios seien in der Tat nur bessere Lasttiere. Ein Vizekönig von Mexiko erklärte, es gebe kein besseres Mittel als die Arbeit in den Minen, um die "angeborene Bosheit" der Eingeborenen zu heilen. Der Humanist Juan Ginés de Sepúlveda war der Meinung, die Indios verdienten die Behandlung, die sie erfuhren, da ihre Sünden und Götzenanbetung eine Gotteslästerung darstelle. Der Graf von Buffon behauptete, die Indios seien abgestumpfte, sieche Tiere, in denen "keinerlei Seelentätigkeit" zu verzeichnen sei. Der Abt De Paw erfand ein Amerika, in dem die degenerierten Indios mit Hunden gleichgesetzt wurden, die nicht bellen konnten, mit ungenießbaren Rindviechern und impotenten Kamelen. Im Amerika Voltaires, das faule, dumme Indianer bevölkerten, gab es Schweine mit dem Nabel auf dem Rücken und kahle, feige Löwen. Bacon, De Maistre, Montesquieu, Hume und Bodin weigerten sich, die "degradierten Menschen" der Neuen Welt als ihresgleichen anzuerkennen. Hegel sprach von der körperlichen und geistigen Impotenz Amerikas und sagte, die Eingeborenen seien "an dem Hauche der europäischen Tätigkeit untergegangen".

Eduardo Galeano,
DIE OFFENEN ADERN LATEINAMERIKAS,
Seite 63

Von solchen eindrücklichen Spiegelungen der europäischen Geschichte einmal abgesehen, dient mir das Buch vor allem als Tippgeber für lateinamerikanische Romane - auch da klafft bei mir eine gewaltige Bildungslücke, und Galeano empfiehlt in den Fußnoten interessante Romane zuhauf!

Mehr zu der von mir gelesenen Ausgabe beim Peter Hammer Verlag, und ein schöner Nachruf findet sich drüben bei der Taz.


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English summary for foreign readers: Because Eduardo Galeano is dead, I posted a quote from OPEN VEINS OF LATIN AMERICA about the blind spot of European humanists and enlighteners regarding the native "degraded people" of the New World.

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