Montag, 23. Februar 2015

Meine beiden essentiellen Schreib-Faustregeln

Neulich war Berlinale,

also war Helmut Ehls in der Stadt,

also haben wir uns zu unserem obligatorischen Berlinale-Frühstück getroffen, diesmal im erst neu von mir entdeckten Tante Emma:

(Selfie von Helmut)

Ihr kennt Helmut wahrscheinlich am ehesten als Redakteur des legendären Science-Fiction-Fanzines Phalanx aus den 1970ern Jahren (dort ein schönes Interview dazu) oder als Lektor von diversen Perry-Rhodan-Produkten - aber um Perry Rhodan ging es diesmal gar nicht, sondern um die derzeitigen Schreibprojekte von uns beiden.

Dabei kamen auch - wie so oft, wenn es ums Handwerk geht - meine beiden essentiellen Schreib-Faustregeln  zum Tragen, und weil die hier im Blog noch gar nicht präsent sind, will ich sie euch nun kurzerhand, ähem, präsentieren.

Erste Faustregel:
KEINE ANGST VOR KITSCH!

Worum geht's?

Unterm Schreiben kommt man oft an seine Gefühle ran; man lacht bei einer witzigen Dialogstelle, man bekommt eine Gänsehaut, es steigen einem vielleicht Tränen in die Augen.

Diese Stellen erscheinen einem mit etwas Abstand dann gern banal, kitschig, flach - und man verspürt den Reiz, daran herumzudoktern.

Das ist verständlich: Es sind die Stellen in der Erzählung, an denen man am nacktesten war.

Es ist aber auch grundfalsch: Das sind gleichzeitig die wahrhaftigsten, spontansten, gefühlvollsten Stellen, und meiner Erfahrung nach sind es auch die Stellen, die von Lesern oft als sehr lebendig wahrgenommen werden.

Kurz: Es sind die heiligen Stellen.

Was also tue ich? Wann immer ich eine starke Gefühlsregung beim Schreiben habe, markiere ich mir anschließend die entsprechende Stelle. Sie darf nicht mehr überarbeitet werden. Von behutsamen Rechtschreib- und Grammatikkorrekturen abgesehen muss da alles so bleiben, wie es ist.

Zweite Faustregel:
WÜRDEST DU DAS SO AUCH AM LAGERFEUER ERZÄHLEN?

Worum geht's?

Skrupel und Unsicherheiten verlocken einen oft dazu, zusätzliche Ebenen in die Erzählung einzuziehen. Im Extremfall konstruiert man seine Geschichte zu Tode.

Dagegen hilft der Lagerfeuer-Test: Wenn man diese zusätzliche Ebene, diese raffinierte Symbolik oder Spiegelung oder weiß der Geier was am Lagerfeuer nie rüberbringen könnte, weil man sich verhaspeln würde oder die Leute schlicht anfangen würden einzuschlafen oder rumzualbern, dann munter raus damit! Fröhlich streichen! Taugt ja eh nix.

Und schwupp, ist man wieder bei der in unsicheren Stunden so banalen, flachen, peinlichen Geschichte.

Die aber die eigentliche, die wichtige, die richtige Geschichte ist.

Und genau darauf zielen diese beiden Schreib-Faustregeln ab: Sie helfen dabei,

  • Eitelkeiten, die sich gern als Unsicherheiten tarnen (jawohl, unangenehme Wahrheit das!), beiseitezuschieben,
  • die eigentliche Geschichte zu finden und sie 
  • mit der eigenen Stimme zu erzählen.

Wer daran interessiert ist, möchte diese Faustregeln vielleicht mal ausprobieren.

Wer sich allerdings eher fragt, wie er richtig Geld mit seinen Büchern machen kann, möchte sie vielleicht lieber ignorieren - immerhin stammen sie von einem Autor, dessen aktueller Roman von 2011 sich im vergangenen Jahr noch mit genau drei Exemplaren verkauft hat, hehe.

Und damit eine schöne, erfüllte Arbeitswoche allerseits! Haut rein!


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English summary for foreign readers: One cafe hint for Berlin visitors - Tante Emma in Kreuzberg. Two rules of thumb on writing - Don't Be Afraid Of Kitsch!, and Would You Tell It This Way Sitting Around A Campfire?

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