Montag, 12. Januar 2015

Eingetrudelt: James Tiptree jr., STERNENGRABEN

Band 6 der siebenbändigen gesammelten Erzählungen ist schon zur Buchmesse erschienen, aber durch ein Versehen erst neulich bei mir eingetrudelt:

(Bildquelle: sf-fan.de)

Es handelt sich um eine deutsche Erstausgabe, und Alice "James Tiptree jr." Sheldon, die damals versucht hat, sich ins Team von RAUMSCHIFF ENTERPRISE zu schreiben, liefert hier quasi ihre persönliche Version einer Geschichte der Föderation ab. Das ist mit das Konventionellste, was Tiptree je geschrieben hat - aber was heißt bei Tiptree schon "konventionell"?

Die erste Geschichte, "Das einzig Vernünftige", zum Beispiel fängt so an - Übersetzung von mir:

Helden des Weltalls! Erkunder der Sternfelder!

Leser, hier kommt Ihr Problem:

Angenommen, wir haben einen Teenager, blond, Stupsnase, Sommersprossen, grüne Augen mit gelassenem Blick, reiche Eltern, weiblich, fünfzehn. Und seit die Kleine alt genug war, einen Holoknopf zu drücken, träumt sie nur noch von den Helden des Erstkontakts, den Erforschern der fernen Sterne, den großen Namen des aufkeimenden Sternzeitalters der Menschheit. Sie kann Ihnen den Namen der Crew jeder Forschungsmission nennen; sie kann Ihnen eine ziemlich genaue Karte des Gebiets der Föderation zeichnen und die Grenzstützpunkte aufzählen; sie kann Ihnen sagen, wer jeder einzelne[n] der rund fünfzig bekannten Zivilisationen zum ersten Mal begegnet ist, und sie weiß die letzten Worte von Han Lu Han auswendig, als er, ebenfalls kaum sechzehn, auf Lyrae 91-Beta durch Flammenstrahlen der Außerirdischen gerannt ist, um seinen Captain und Piloten in Sicherheit zu zerren. Mathe kann sie auch gut; es fällt ihr leicht. Sie treibt sich oft im Raumhafen herum, wo sie sich mit jedem, der sich auf ein Gespräch einlässt, anfreundet und mal mitfliegen möchte, und sie ist mit den Steuerelementen von vierzehn Schiffstypen vertraut. Sie ist eine Spätentwicklerin, was bedeutet, dass sie mit ihren winzig kleinen Brüsten leicht als Junge durchgehen könnte; und Liebe, große Liebe, ist für sie trotz Sexualkundeunterricht bloß Erwachsenenkram. Dafür schafft sie es in glatten siebzig Sekunden in ihren Kinder-Raumanzug, inklusive Sicherungshaken.

Nun nehmen wir dieses Mädchen, diese Coati Cass - ihr vollständiger Name lautet Coatillia Canada Cass, aber alle sagen Coati zu ihr -

Und wir schenken ihr zum sechzehnten Geburtstag einen robusten kleinen Weltraumflitzer.

Jetzt das Problem:

Düst sie damit im sternenübersäten Heimatsektor herum und besucht ihre Klassenkameraden und Freunde der Familie, wovon ihre Mutter ausgeht? Kurvt sie dabei ab und zu angeberisch an ein, zwei Vortex-Leuchtfeuern vorbei, wie ihr Vater befürchtet?

Tut sie das? Ernsthaft?

Oder - fliegt sie direkt zur nächsten Schiffswerkstatt und verballert fast ihr gesamtes Sparguthaben für zusätzliche Treibstofftanks und Sensoren mit hoher Reichweite, tankt ihren Flitzer randvoll und verduftet dann - bevor der Finanzberater der Familie irgendwie nachhaken kann - zum nächsten Grenzgebiet der Föderation, also zum Großen Nordgraben gleich hinter FedBase 900, von wo aus man sich mal richtig unbekannte Weiten und Sterne anschauen kann?

Das war kein besonders schwieriges Problem, oder?

Ernsthaft: Kann man eine Geschichte lebendiger anfangen lassen?

Eine Geschichte obendrein, die tragische Wucht entwickeln wird ...

Mehr zum Buch beim Verlag

Die Rohfassung des zitierten Anfangs habe ich übrigens auf der Frankfurter Buchmesse 2013 live vor Publikum erstellt - mehr über dieses Abenteuer könnt ihr hier lesen.


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English summary for foreign readers: I've co-translated STARRY RIFT by James Tiptree, Jr. The German version recently was published as STERNENGRABEN by Septime in Vienna.

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