Mittwoch, 30. Dezember 2015

Lindbergh

Okay, doch noch rasch ein Eintrag zwischen den Jahren. Der gute Molo twitterte neulich das hier ...



... und dabei fiel mir auf, dass ich im Blog noch gar nichts zu LINDBERGH oder überhaupt je zu Mangas geschrieben habe.

Kurz gesagt: Ich komme mit Mangas nicht klar.

Das hat diverse Gründe. Um mal rasch ein paar aufzuzählen:

  • Mich spricht die Ästhetik von Mangas nicht an - diese grässlichen Bambiaugen überall! Die fetten Lautworte!
  • Die schrägen Besessenheiten der Mangazeichner gehen mir am Allerwertesten vorbei; ich finde sie zumeist kindisch oder pubertär.
  • Die Erzähltechnik langweilt mich - gleich buchweise filmische Verfolgungsjagden oder Schlägereien? Die bringen mich ja schon im deutlich knapperen Superheldenformat zum Gähnen!
  • Das Format Taschenbuch halte ich, gerade bei besserer Zeichenkunst, für total ungeeignet. Ich bin, was Comics betrifft, ein Alben-Leser und finde schon Hefte eigentlich zu klein.
  • Zu unguter Letzt finde ich die Produktionsbedingungen für Mangazeichner unter aller Sau. Das sind doch an den Zeichentisch gefesselte Galeerensträflinge!*)

Nun ist es aber so, dass ich Kulturformen, mit denen ich nicht klarkomme, gern knacke.

Das funktioniert manchmal besser und manchmal schlechter.

Jazz zum Beispiel habe ich in meiner Jugend begriffen, als ein Berliner Radiosender eine lange Nacht der Jazzmusik brachte - irgendwann in den frühen Morgenstunden machte es klick, und seitdem habe ich nicht aufgehört, Jazz zu hören.

In andere Sachen bin ich nicht so gut reingekommen. Ich habe mehrfach Opern, Ballett- und Theaterstücke besucht - das war nicht meins und wird es wohl auch nicht mehr werden, außer mein Gehirn baut sich im Alter noch entsprechend um.

Mangas also! Ich verfolge das Gebiet seit den ersten AKIRA-Bänden damals, aber trotz der Lektüre unzähliger Rezensionen und Artikel und Interviews hat mich nie ein Manga so sehr angesprochen, dass es über ein Reinblättern im Comicladen hinausging.

Dann stieß ich dieses Jahr auf einen Artikel im Alfonz-Comicreporter über LINDBERGH, und da reizte mich so einiges:
  • eine an Steampunk und Piratengeschichten erinnernde fantastische Welt,
  • die Geschichte eines Freiheitskampfes,
  • das ebenso skurrile wie grausige Motiv der amputierten Drachen, die von ihren Piloten mit den Flügeln von Doppeldeckern ausgestattet werden,
  • ein Spaß versprechender, ebenso stilvoller wie undurchsichtiger Nebenheld, der auch der Böse sein könnte, und
  • die stimmungsvollen, lockeren und im entscheidenden Moment doch detaillierten Zeichnungen von Ahndongshik.
  • Hinzu kam die überschaubare Zahl der Fortsetzungen und dass der gute Mann offenbar mehr Zeit für seine Kunst hat als die üblichen japanischen Ein-Mann-Fabriken.

Ich besorgte mir also den ersten Band, und was soll ich sagen?

Es hat noch nicht klick gemacht, was Mangas betrifft, aber ich hatte meinen Spaß. Inzwischen bin ich bis Band 3 vorgedrungen.

"Vorgedrungen" trifft es, denn ich habe da schon den Eindruck, mich mit der Machete durch einen Dschungel zu kämpfen.

Was mir an Mangas nicht gefällt, bereitet mir auch bei LINDBERGH Schwierigkeiten. Aber einige Dinge, die anderen Leuten offensichtlich an Mangas gefallen, leuchten mir hier auch ein, das unbekümmerte Verschmelzen von Motiven und Archetypen etwa.

Wenn ihr Mangas mögt und diese Reihe bislang nicht auf dem Schirm hattet, seht sie euch mal an! Laut Molo habe ich da zufällig ein richtiges Kleinod rausgepickt.

Und wenn ihr eure Schwierigkeiten mit Mangas habt und die aber, wie ich, gern knacken wollt, ist LINDBERGH ja vielleicht auch einen Blick wert.

Saurier und Piraten und fliegende Städte - was soll einem daran nicht gefallen?




Und nun rutscht alle gut rüber, wir lesen uns 2016!


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*) Hier sei nur mal beispielhaft der berühmte japanische Zeichner Takeshi Obata zitiert. Auf die Frage während einer Werbetournee, ob er sich in Deutschland wohlfühle, antwortet er: "Ich fühle mich zwar wohl, da das Hotel auch sehr schön ist. Allerdings war ich noch nie draußen und habe auch kein Sightseeing gemacht, weil ich in meinem Zimmer arbeiten muss." Quelle: Alfonz 3/2015, Seite 16. Da lobe ich mir doch so lebenslustige, freiheitsliebende Arbeitstiere wie Simenon oder Pratt!


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English summary for foreign readers: I don't understand mangas, but reading the first 3 books of LINDBERGH by Ahndongshik in summer was fun!

Dienstag, 22. Dezember 2015

Träume sind schon seltsam - und auch seltene Samen

Ich weiß ja nicht, wie ihr es mit Träumen haltet. Für mich sind sie so etwas wie freundliche, kundige Ratgeber und der direkteste Draht zu unserem individuellen wie kollektiven Unbewussten, den wir haben können.

Als Kind hatte ich luzide Träume. Also Träume, in denen ich wusste, dass ich nur träumte. Diese "Macht" ließ sich missbrauchen. Doch meine Träume machten mir rasch klar, dass das so nicht geht. Ich bekam zum Beispiel verschachtelte Albträume, in denen ich immer irgendwann glaubte, nun doch erwacht zu sein - aber denkste, der eigentliche Schock stand mir noch bevor. Oder ich träumte so realistisch, inklusive "Schlafengehen" und "Aufwachen", dass ich als Teenager manchmal richtig Denk- oder Detektivarbeit leisten musste, um herauszufinden, ob ich etwas wirklich erlebt hatte oder nicht.

Da waren meine Träume harte Lehrmeister: Ich lernte, mich während luzider Träume zu benehmen, also mich angemessen zu verhalten - etwa zu fliegen, wenn die Leute fliegen konnten, und nicht irgendwelche Kopf-Fantasien auszuleben. Seit ich freundlich zu meinen luziden Träumen bin, sind meine luziden Träume freundlich zu mir. Eine Lektion fürs Leben.

Irgendwann in der Jungerwachsenenzeit verlor ich, vermutlich durch hirnphysiologische Entwicklungsprozesse, den Zugang zu meiner Traumwelt. Da halfen die Beat-Autoren. Von William Burroughs, glaube ich, bekam ich lesenderweise den Tipp, ein Traumtagebuch zu führen. Kaum fing ich damit an, wurde meine Traumwelt lebendiger denn je - nun entstand das, was Leute, die hier schon länger mitlesen, als "Morbidad" kennen, das Traum-Berlin. Mit eigener Architektur, eigenen Menschen, eigenen Läden und Festen und so weiter. Ich ließ das Aufschreiben bald wieder bleiben, aber die Verbindung zu meinen Träumen riss nie mehr ab. Nicht jeder Traum spielt in dieser besonderen Welt, jeder zehnte vielleicht nur, aber sie hat ihre eigenen Traditionen ausgebildet. Es gibt Menschen und Wesen, die kenne ich nur dort.

Ein Traumtagebuch zu führen, ist die eine Möglichkeit, die ich kenne, mit meinem Unbewussten in möglichst gutem Kontakt zu sein. Die eigenen Träume als Ratgeber zu nehmen, die zweite.

Ich sehe zu, dass sich der reale Frank mit dem Traum-Frank weitmöglichst deckt. Wenn der Traum-Frank lange Haare hat, geht der reale Frank vorläufig nicht zum Friseur. Wenn der Traum-Frank sich rasiert, nimmt der reale Frank sich mal wieder seinen Bart ab.

So ungefähr könnt ihr euch das vorstellen. Dass ich in meinen Träumen nie rauchte, kein einziges Mal, war vor vielen Jahren das gewichtigste Argument dafür, mir das Rauchen abzugewöhnen. Seit ich nur noch sehr gelegentlich rauche, raucht auch der Traum-Frank gelegentlich mal. Es reagieren also beide Franks aufeinander, sehr faszinierend.

Diesen zweiten Ansatz habe ich, auch nur lesenderweise, von den Indianern gelernt.

Natürlich setzt man nicht alles um, was man träumt. Vieles aber schon, und sei es durch eine symbolische Handlung. Etliches geht ganz konkret. Als ich im Herbst träumte, mit einer Kamera durch Morbidad zu streifen, holte ich meine fast vergessene Digitalkamera wieder raus - ein bisschen was vom neuen Fotografieren hat sich ja auch im Blog niedergeschlagen; hier, hier und hier.

Als ich neulich träumte, mir wieder einen Twitter-Account zuzulegen, winkte ich im Wachzustand dankend ab. Nö, die vier Wochen Testphase vor Jahren reichen - Zeitfresser gibt's genug!

Aber das Umsetzen der Fotosession war gut. Das neue Hingucken hat meinen Blick für Details im aktuellen Romanmanuskript geschärft; mir fallen ständig Sachen ein, auf die ich anders vermutlich gar nicht gekommen wäre. Es sprudelt.

Und neulich - darum erzähle ich euch das alles gerade - war ich einmal wieder in Morbidad, aber ich schwebte da nur als kleines unsichtbares Auge rum und sah zu, wie Dinge passierten.

Und auf einmal geschah etwas mit zwei Romanstoffen, die mich seit Jahren beschäftigen, aber in ihren Ausformungsversuchen nie befriedigt haben.

Wer hier schon länger mitliest, erinnert sich vielleicht, wie ich mich vor drei Jahren quasi live im Blog mit meiner Jim-Morrison-Geschichte ins Eck geschrieben habe.

Diesen Böhmertschen Fantasie-Morrison begleitete ich nun als schwebendes unsichtbares Äuglein durch Morbidad.

Und er machte da die unglaublichsten Sachen mit seiner Musik.

Seit ich am nächsten Tag aufwachte, frage ich mich, wieso ich da vorher nie drauf gekommen bin. Die Figur Morrison und die Landschaft Morbidad passen zusammen, als wären sie nie getrennt gewesen.

Die Belohnung für drei Jahre Liegenlassen: ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk aus dem Unbewussten.

Kommt gut durch die Raunächte, Leute! Wir lesen uns drüben!


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English summary for foreign readers: Some thoughts on dreaming and writing - listen to your dreams! My dreams tell me a lot about my future books.

Montag, 14. Dezember 2015

Wie war es, vor dreißig Jahren in Libyen und Syrien aufzuwachsen?

Das erzählt Riad Sattouf auf ebenso unterhaltsame wie differenzierte Weise in seinem 2015 bei Knaus erschienenen autobiografischen Comic DER ARABER VON MORGEN.

(Quelle: Verlag)

Der Comic ist im Funny-Stil gezeichnet, dennoch geht es darin nicht nur lustig zu, sondern auch hart bis verstörend; gleichzeitig hat Sattouf ein Händchen für die Poesie, die das Hässliche mitunter aufweist - so etwa, wenn die kleine französisch-syrische Familie im Nahen Osten auf dem Hausdach steht und den ewigen Flug der Plastikbeutel betrachtet, als wären es Quallen im Luftmeer.

Mein zweitältester Freund, den ich seit dem Gymnasium kenne, hat eine deutsche Mutter und einen syrischen Vater. Aus seinen Erzählungen ist mir vieles vertraut, was Sattouf schildert, gerade auch der teils staunende, teils befremdete Blick auf die Eigenheiten und Seltsamkeiten, die dem europäischen und arabischen Kulturkreis jeweils innewohnen.

Dabei ist Sattouf als langjähriger Zeichner von Charlie Hebdo immer wohltuend frech, lustvoll und subversiv.

Sehr zu empfehlen für Leute, die wissen wollen, wer da gerade so zu uns kommt!

Einer der besten Comics, die ich in diesem Jahr gelesen habe; inzwischen mehrfach. Ich freue mich schon auf den zweiten Teil im Februar. Insgesamt sollen es drei werden.



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English summary for foreign readers: I really like the funny, poetic and sometimes disturbing comic memoir THE ARAB OF THE FUTURE by Charlie Hebdo artist Riad Sattouf. One of my oldest friends has a German-Syrian background; his stories are similar.

Montag, 7. Dezember 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2016 - ich habe meinen Nominierungsbogen ausgefüllt

Am Wochenende kamen die Unterlagen für die Nominierungsrunde des Science-Fiction-Preises der Profis, und ich habe meinen Bogen heute früh gleich ausgefüllt. Wozu lange warten? In der Regel kommt in den letzten Wochen des Jahres ohnehin nichts mehr dazu, und ich habe ja bereits hier und hier im Blog die entsprechenden Vorarbeiten geleistet.

Meine nunmehr gebündelten Nominierungsvorschläge - bitteschön:

Bester Roman


Beste Kurzgeschichte

Mangels Übersicht keine Vorschläge; hier bin ich aber dieses Jahr ausnahmsweise gespannt, wie meine eigene Story "Operation Gnadenakt" in Phantastisch 57 (1/2015) abschneiden wird. Ich schreibe ja nur alle Jubeljahre mal eine kurze Geschichte.

Bestes ausländisches Werk

Keine Vorschläge; alle von mir mit Genuss gelesenen Bücher sind noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Beste Übersetzung

Keine Vorschläge; ich habe aktuelle englischsprachige Romane nur im Original gelesen. Drei herausragende Beispiele finden sich hier.

Bestes Hörspiel

Mangels Interesse keine Vorschläge

Beste Grafik

  • Dirk Berger für das Titelbild von Phantastisch 59 (3/2015) - stimmungsvolles Cover, das mich träumenderweise in eine fremde Welt transportierte
  • Michael Vogt für das Titelbild von Phantastisch 60 (4/2015) - Umlaufcover-Fleißarbeit, ein tolles Wimmelbild mit vielen Anspielungen

Angenehm an beiden Bildern auch, dass sie einfach Leben zeigen, nicht Krieg und Katastrophe.

  • Jürgen Schütz für die Tiptree-Gesamtausgabe - sehr elegante, luftige Illustration und Gestaltung der Einbände

Sonderpreis

  • Klaus N. Frick und Team nachträglich für das Ausrichten der "Perry-Party" bzw. des "Galaktischen Forums". Wichtigster Branchentreff in Sachen Fantastik
  • Jürgen Schütz und Septime Verlag für die weltweit erste Gesamtausgabe der Storys von James Tiptree jr., dieses Jahr abgeschlossen
  • Jürgen "Josefson" Doppler für seine SF-Kolumne in der Onlineausgabe des Standard - liebevoll, kenntnisreich, unterhaltsam, weitgefächert

So, nun bin ich gespannt, ob sich diese meine Vorschläge noch auf anderen Nominierungsbögen wiederfinden werden! Drei Nennungen müssen es jeweils werden, damit Kandidaten offiziell für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert sind, sonst wird das nix.

Wie war euer Jahr, was das Genre betrifft?


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English summary for foreign readers: These are my nomination proposals for next year's Kurd Laßwitz Prize.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Abgeliefert: meine Übersetzung von Kirsty McKay, KILLER GAME

Meine Güte, das war ein heftiges Jahr! Die letzte Übersetzung habe ich tatsächlich schon vor sechs Monaten abgeliefert, Ende Mai. Und das war auch erst der mit Mühe beendete zweite Auftrag des Jahres ... So ist das, wenn die Gesundheit einmal nicht mitspielt, und als Freiberufler gerät man dann über kurz oder lang in finanzielle Schieflage, was auch nicht unbedingt bei der Gesundung hilft. So jonglierte ich in den letzten Monaten mit zwei überfälligen Aufträgen, die ich je nach Tagesfitness voranbrachte - je nachdem, ob ich meinte, gerade besser mit einem Jugendbuch oder einem Erwachsenenroman klarzukommen.

Aber genug des privaten Hintergrunds; ihr wollt ja etwas über das Buch wissen. Hier also endlich Übersetzung Nummer drei:


Kirsty McKay hat mit ihren grellen, aberwitzigen Zombieromanen pausiert und lieber einen ganz in der Wirklichkeit angesiedelten Thriller dazwischengeschoben, der auf einer Insel vor der walisischen Küste spielt, wo das "Mörderspiel" einer Gruppe von Internatsschülern außer Kontrolle gerät. Wieder wird uns das Geschehen durch eine starke Ich-Erzählerin nahegebracht.

Der deutsche Titel steht bereits fest: PLAY2LIVE. Klingt unübersetzt, gefällt mir aber! Hier das Cover:


Inhalt

Jetzt wird es ernst. Killer geht los – und Cate ist dabei! Die Regeln sind klar: Ein Mörder, zwölf Mitspieler und absolute Schweigepflicht. Niemand sonst an dem einsam gelegenen Eliteinternat darf von dem Spiel wissen. Wer „gekillt“ wird, ist raus. Cates Alltag ist ab sofort von boshaften Eskapaden geprägt. Doch bald wird aus den spielerischen Drohungen gefährliche Realität. Jemand hat es auf sie abgesehen. Und Cate hat nur eine Chance zu entkommen: Sie muss die wahre Identität ihres Peinigers herausfinden, bevor der sie erwischt.

Ein spannendes Buch, und die Übersetzung hat großen Spaß gemacht! Im Januar steht noch die Satzkorrektur an.

Erscheint im März 2016. Mehr, auch eine Leseprobe, bei Carlsen


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English summary for foreign readers: I translated, with much fun, KILLER GAME by Kirsty McKay. The German version will hit the bookstores in March 2016.

Donnerstag, 26. November 2015

Conan der Bibliothekar?

Neulich hatte ich einen tollen kleinen Zusatzauftrag. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich derzeit unter anderem einen Roman für das erste Programm des neu gegründeten Verlags Fischer Tor übersetze, AFTERPARTY von Daryl Gregory.


Fischer Tor wird mit einigem Aufwand an den Start gehen, und in dem Zusammenhang fragte man mich, ob ich nicht auch noch ein Interview mit dem Autor übersetzen könnte - konnte und wollte ich natürlich!

Gregory ist eine coole Socke und albert bei allem ernsten Hintergrund seiner Geschichten gern rum, und so hat das Übersetzen großen Spaß gemacht und war binnen weniger Stunden erledigt. Ein schöner Arbeitstag, der schönste des Jahres!

Die folgende Stelle bringt nicht nur bestens Gregorys hellwaches Wesen rüber, sondern sie zeigt auch gut auf, was es als Übersetzer so miteinander abzuwägen gilt - und warum Übersetzungen oft dermaßen voneinander abweichen.

Gregory wird nach dem besten Halloween-Kostüm gefragt, das er je getragen hat. Er antwortet unter anderem folgendes:

One year I was Conan the Librarian - I just picked up my sword (of course I own a sword) and handed out overdue notices.

Er ging also nicht als Conan der Barbar, sondern als Conan der Bibliothekar - er nahm einfach sein Schwert und verteilte Mahnungen wegen Überschreitens der Leihfrist.

So in etwa müsste man das übersetzen, wenn es auf die tatsächliche Aktion ankäme.

Ich wollte aber Gregorys Wortwitz betonen, und außerdem versuche ich immer, das hinzuschreiben, was der Autor, würde er selber auf Deutsch schreiben, wohl erzählt hätte. Übersetzen ist Interpretation.

Also geht seine Antwort bei mir jetzt so:

Einmal war ich Conan der Barbier – ich hab einfach mein Schwert in die Hand genommen (na logisch besitze ich ein Schwert) und Werbezettel verteilt: Nur heute Rasur ½ Preis.

Das entspricht nicht den mitgeteilten Fakten, doch ich möchte wetten: Als deutschsprachiger Halloween-Feierer wäre Gregory mit genau diesem Kostüm auf der Party aufgetaucht!

  • Sämtliche Blogeinträge zum AFTERPARTY-Auftrag hier


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English summary for foreign readers: I just translated an interview with Daryl Gregory for Fischer Tor. It was fun!

Dienstag, 24. November 2015

Kurzfristiger Konzerttipp [mit einem P.S.]

Am kommenden FreitagSamstag im Nomad - Liad Shulrufer:



Liad stammt aus Israel, hat als Straßenmusiker Asien und Neuseeland bereist und vor einiger Zeit sein Quartier in Berlin aufgeschlagen.

Ich kenne ihn nicht persönlich, habe ihn noch nicht live gesehen und weiß auch noch nicht, ob ich selber dort sein werde, aber wenn ihr ein Herz für handgemachte Musik und guten alten Hippie-Folk habt, dann geht da hin!

Ihr werdet es nicht bereuen.

Und das Nomad ist einer meiner Lieblingsläden in Berlin - dort ein paar Fotos.

Hier noch ein Klassiker, nicht perfekt ausgesteuert, aber dafür mit sympathischer Wohnküchenatmosphäre:



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P.S. vom 01.12. - Wárick dájewésn, wie der Berliner sagt! Tolles Konzert! Schöne Stimme, feinfühliges Gitarrenspiel, im Augenblick noch stark von Cat Stevens beeinflusst, aber Liad wird sich sicher noch freischwimmen. Ich werde ihn im Auge behalten - und im Ohr, sobald er mal seine EP rausgebracht hat.

Auf diesem Foto könnt ihr mich suchen:

(Auflösung: Fränkie ganz links mit dem schwarzlichtleuchtenden Hemdkragen; seine Liebste sitzt schon außerhalb des Bildes. Foto: Nomad Bar)

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English summary for foreign readers: On FridaySaturday at Nomad bar - Liad Shulrufer

Freitag, 20. November 2015

November, You Say, Darkest Month

- wie es mal in der Übersetzung eines Gedichts von Uwe Kolbe hieß: November, der dunkelste Monat.

Eine gute Zeit, um daran zurückzudenken, mit welchem Farbenrausch sich die Pflanzenwelt in die Winterpause verabschiedet hat!

Ende Oktober im Garten:







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English summary for foreign readers: November, darkest month - like Uwe Kolbe once wrote. But October was exploding in colours! Some pics from our family's garden

Montag, 16. November 2015

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Riesenschritt für mich

Gerade eben habe ich es endlich abgeschlossen, die knapp 500 Seiten verstreuten Notizen zu meinem aktuellen Romanprojekt, die sich über zwei Jahrzehnte hinweg angesammelt hatten, zusammenzuführen und auf nunmehr 86 Seiten einzudampfen.

Das hat somit fast das ganze Jahr 2015 hindurch gedauert.

So ist das, liebe Leute, wenn man sich nur morgendliche Schreib-Halbstunden abknapsen kann und diese dann krankheitsbedingt auch noch oft ausfallen ...

Egalowitsch! Gerade laufen die Seiten aus dem Drucker; ab morgen wird dieser Detailentwurf dann noch einmal anständig per Hand strukturiert.

Damit bin ich, egal wie lange er dauern mag, nur noch einen Arbeitsschritt vom Durchschreiben der Szenen entfernt.

Hoch die Tassen!

(Bildlich gesprochen. Die Brotarbeit ruft. Sie schreit sogar.)

  • Einen kleinen Spähblick in den Roman, der 1989 vor dem Mauerfall spielen wird, gab es im August schon mal hier.
  • Der erste Band dieses Projekts merkwürdiger Romane vor zeitgeschichtlichem Hintergrund erschien 2011 mit BLOSS WEG HIER!, der 1973 während der Ölkrise spielt. Mehr bei Golkonda und natürlich hier im Blog unter Meine Bücher


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English summary for foreign readers: I just finished condensing nearly 500 pages of notes for my next novel, accumulated in over twenty years, into an 86 pages long draft. Small step for mankind, big step for me!

Mittwoch, 11. November 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2016 - mein erster Kandidat für den besten Roman

Neulich schrieb ich zur Kategorie "Bester Roman" des Science-Fiction-Preises der Profis noch:

Hier ist mir das ganze Jahr lang leider nichts als lesenswert aufgefallen. Wobei, den Brussig und den Eschbach werde ich noch probieren - einfach weil es der Brussig und der Eschbach sind.

Inzwischen liegt der eine auf dem Lesestapel, und den anderen habe ich nicht nur probiert, sondern verschlungen!

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Gelesen: Thomas Brussig, DAS GIBTS IN KEINEM RUSSENFILM (D 2015)

Worum geht's?

Das ist ein Alternativwelt- oder, wie auch Brussig selbst ihn indirekt einordnet, "kontrafaktischer" Roman: Deutschland ist nicht wiedervereinigt worden, sondern die DDR existiert bis heute. Ein Ostberliner namens Thomas Brussig erzählt uns seine Memoiren, von seinen Anfängen als Schriftsteller über seine Rolle als Dissident bis hin zu seiner Zeit als Star der sozialistischen Medien.

Wie ist das Buch geschrieben?

In Ich-Form. Sehr süffiger, lässiger Erzählton. Eine Mischung zwischen fiktiver Autobiografie und Schelmenroman.

Was gefiel nicht so?

Unterwegs beim Lesen runzelte ich die Stirn, weil Brussig zunächst vieles im Unklaren lässt, was diesen alternativen Geschichtsverlauf betrifft. Das klärt sich aber, und im Nachhinein begriff ich, wie programmatisch der erste Absatz des Buches ist.

Was gefiel?

Ich konnte das Buch gut wegschmökern.

Ich hatte an einzelnen Szenen natürlich umso mehr Spaß, je genauer ich mit der tatsächlichen Historie vertraut war. Brussigs Verschiebungen sind manchmal zum Piepen burlesk, und manchmal passen sie knallhart, wie die Faust aufs Auge - ich will keine Beispiele nennen, denn die großen und kleinen Entdeckungen machen unterwegs richtig Spaß und sollten nicht vorweggenommen werden.

Gute Stelle?

Ich will wie gesagt nichts Inhaltliches vorwegnehmen, aber Brussigs Stil hat mich zum ersten Mal auf Seite 18 laut zum Lachen gebracht:

Bis zum Schulbeginn war die einzige stressige Forderung "Aufessen!", aber nachdem ich eingeschult worden war, schloß ich mit einem neuen Wort ausführlich Bekanntschaft: "Orntlich". Ich sollte orntlich sitzen, orntlich schreiben, meine Sachen orntlich halten, orntlich in der Reihe gehen und auch ein orntliches "Hoppi" haben. Altstoffsammeln ging als solches durch.

Herrlich! Das ist musikalisch, und das ist volksnah. Musste ich gleich meiner Liebsten vorlesen.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Wie gesagt: Das wird mein erster Nominierungsvorschlag für den diesjährigen besten Roman. Ich denke, wer mit der Geschichte und dem Alltag der DDR einigermaßen vertraut ist, wird an dem Buch viel Spaß haben.

Einzige Einschränkung: Man sollte sich auch fürs Schreiben interessieren, denn in dieser Pseudo-Autobiografie geht es natürlich auch viel um die Bücher, die der Alternativ-Brussig schreibt.

Wo aufgestöbert?

In Alfred Kruses Liste der deutschen SF-Neuerscheinungen 2015 - anderenfalls wäre das Buch zu meiner Schande für dieses Jahr glatt an mir vorbeigegangen, trotz des knackigen Titels.

(Gebunden, 383 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main, 3. Auflage 2015. Bildquelle: Verlag)

Und sonst?

Besteht vielleicht noch die Frage, inwieweit dieser Roman tatsächlich für einen SF-Preis relevant ist:

Ja, ist er definitiv. Er schildert a) einen alternativen Geschichtsverlauf, es gibt b) ein paar technische Neuerungen, die nicht nur Gimmick sind, sondern wichtig für diese reformierte DDR, und obendrein schreibt der Alternativ-Brussig c) sogar selbst einen SF-Roman, was immer wieder geschildert wird, und philosophiert d) mehrmals über kontrafaktische Literatur - die bei ihm nicht gut wegkommt, auch das ein hübscher Witz.

Das ist mal wieder so ein typisches Buch, das bei Preisen durch den Rost fällt - das Feuilleton hat sich sichtlich schwergetan damit und es großteils ignoriert; die SF-Leser meines Wissens ebenfalls. Also lest das! Und sofern ihr abstimmungsberechtigt seid und es euch gefällt, schlagt es bitte ebenfalls zur Nominierung vor! Wir brauchen mindestens drei Stimmen, damit es auf die Liste kommt.

  • Mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, beim Verlag
  • "Grau-bunte Science-Fiction", eine sehr treffende, jedoch viel verratende Rezension in der Taz
  • Sämtliche aktuellen Blogeinträge zum Kurd-Laßwitz-Preis hier


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English summary for foreign readers: The alternate history "memoirs" DAS GIBTS IN KEINEM RUSSENFILM by Thomas Brussig about a not-liquidated GDR is very funny and will be my first 2016 Kurd Laßwitz Prize nomination proposal for best novel.

Samstag, 7. November 2015

Das "Beste" von der heutigen AfD-Demo in Berlin

(09.11.) Da im Augenblick über den Tagesspiegel und Facebook viele Leute auf mein Blog stoßen, die mich und meine politische Haltung noch nicht kennen, sei mir eine

Nachträgliche Vorbemerkung

gestattet.

Es wird - offenbar auch im Zusammenhang mit der folgenden Sammlung - wieder diskutiert, ob man Organisationen wie Pegida nicht verbieten solle.

Meine Haltung: ein klares Nein.

Ich lebe gern in einer freien und offenen Gesellschaft. Freiheit und Offenheit erreichen wir durch Gewährenlassen und Aushalten.

Als Atheist will ich Religiöse gern aushalten. Als Heterosexueller will ich Homosexuelle gern aushalten. Als Erwachsener gern Kinder, als Mann gern Frauen. Als Rockmusikfan will ich Schlagerfans gern aushalten, als Radfahrer gern Autofahrer, als Vegetarier gern Fleischfresser und Veganer. Und so weiter, wir verstehen uns: "Huch, die sind alle so anders!" Im Alltag lässt sich das Ganze unter gute Nachbarschaft subsumieren.

Politisch: Als Freund einer offenen Gesellschaft will ich Feinde einer offenen Gesellschaft gern aushalten. Unsere Gesellschaft unfreier und geschlossener zu machen, sollen die schon selbst erledigen; da will ich nicht vorgreifen.

Konkret zur AfD-Demo am Samstag:

Wer das Asylrecht einschränken will und die Religionsfreiheit, wer ein Problem mit der Presse hat, der soll das sagen dürfen. Auch seiner Verfassungsfeindlichkeit sollte man meiner Meinung nach Ausdruck verleihen dürfen, sogar mit dem Tragen verfassungsfeindlicher Symbole. Wer lieber unter einem Kaiser, einem Führer oder, harr harr, einem Kalifen leben würde, soll das sagen dürfen.

Eine Grenze wird für mich da erreicht, wo Freiheit und Offenheit durch Taten unmittelbar gefährdet werden.

Die Hooligans, die sich am Samstag bewaffnet (Quarzsandhandschuhe) und vermummt versammelt haben, die hätten in Polizeigewahrsam gehört. Dass das ausgeblieben ist, halte ich für einen üblen Fehler.

Alles andere, was Sie im Folgenden sehen/lesen werden, möchte ich persönlich, nun, nicht wirklich gern aushalten, aber ich möchte es ausdrücklich lieber aushalten, als dass es verboten und unter Strafe gestellt wird.

Diese meine Sammlung dient meinerseits nur einem Zweck: Der Täuschung bzw. Selbsttäuschung der Demonstranten, sie seien doch nur "besorgte Bürger", ein paar Fakten entgegenzuhalten.

Freundlichen Gruß,
lassen Sie es sich gutgehen,
Frank Böhmert






















Zecken = Schimpfwort der rechtsextremen Szene, siehe auch Wikipedia











[Doppel-Zitat gelöscht - Bö.]











(Amerikanische) Hochfinanz = Code für jüdische Bankiers, siehe auch Wikipedia







... übrigens wurden auch noch so einige andere AfD-nahe O-Töne gelöscht, die ich eigentlich hier einbetten wollte.







[Auch die obigen drei Tweets nebst zwei Fotos sowie der Account Jüdisches Forum e.V. wurden zwischenzeitlich gelöscht. Das zweite Foto zeigte Andreas K. mit einem Schild "Freiheit für unseren Zündel" - Bö.]

Ernst Zündel in der Wikipedia

Und noch ein paar Gruppen "besorgter Bürger" auf flickr: klick, klick, klick (rechts Uwe Meenen) und klick.

Stichwort "Lügenpresse auf" bzw. "halt die Fresse", auch in Berlin wieder besorgt-bürgerlich und friedlich-demonstrierend skandiert:





Einschränkende Anmerkung: Von einer Beteiligung Schottstaedts an einem solchen Anschlag ist presseseitig nichts zu finden; man kennt ihn dennoch, siehe Absatz 4.







Thors Hammer bei den beiden Herren links hat der Twitterer übersehen, siehe auch Wikipedia.






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English summary for foreign readers: Some Twitter impressions of German "concerned citizens" party AfD demonstrating today in Berlin

Freitag, 6. November 2015

Spürnase Pieper

In einem kleinen Ort im Odenwald sitzt ein Verleger, der seit Jahrzehnten immer wieder Bücher herausgibt, die ihrer Zeit voraus sind. Oder, wie es ein treuer Leser namens Roland neulich formulierte:

Du bist [...] dermassen pioneermässig drauf -
das wird einige generationen dauern, bis das wahrgenommen wird,
was Du wahrnehmbar gemacht hast - & damit meine ich Deine ganze arbeit,
deine verlegerischen & schriftstellerischen taten…

Das ist nicht nur Schulterklopfen, das lässt sich immer wieder belegen. Ein paar Beispiele.

2014 legte Giulia Enders mit ihrem Buch DARM MIT CHARME einen Überraschungserfolg hin.

Nun, Werner Pieper legte bereits 1987 sein SCHEISS-BUCH vor.


Diesen Herbst brachte Norman Ohler DER TOTALE RAUSCH. DROGEN IM DRITTEN REICH heraus.

Dem ging 2002 Piepers NAZIS ON SPEED voraus.


Ähnliches passierte immer wieder. Umweltschutz, Indianerbewegung, Selbstversorgung, Hackerszene - Pieper war früh, sehr früh dabei.

Sicher, die späteren Bearbeitungen "seiner" Themen durch andere Autoren sind oft sorgfältiger, professioneller, geschliffener. Pieper war nie der Gelehrte, selten der Fachmann, sondern immer der "Lernling", wie er mir mal in einer E-Mail schrieb. Interessiert ihn ein Thema, dann streckt er die Fühler aus und fängt an, Infos zu sammeln. Manchmal wird ein Buch daraus.

Jetzt, angesichts der Diskussionen um die sogenannte Flüchtlingskrise, musste ich wieder mal an einen Titel von ihm denken - darum schreibe ich das hier auf. Eins der Stichworte des Herbstes 2015 lautet Willkommenskultur.

Und was für ein Buch hat Pieper schon 1993 herausgebracht?

Eins, das WILLKOMMEN! heißt, natürlich.


Ich habe da viel herausgezogen und blättere immer wieder einmal darin. Meine Empfehlung für alle, die sich für den Alltag fremder und nicht so fremder Kulturen interessieren!

Wobei, "für alle" will ich ein bisschen einschränken - und damit kommen wir zum Fazit:

Piepers Bücher sind nichts für Rechtschreibfetischisten und Leute, die in Sachen Layout englischen Rasen bevorzugen. Piepers Bücher sind etwas zum Durchwühlen und Reinfühlen, zum Suchen und Fluchen und Finden und Lachen, für Tüftler und Probierer, für Verspielte und Verspulte, für Leute, die das Leben, das Universum und alles prinzipiell erst einmal toll und spannend finden und aus diesem Blickwinkel heraus dann etwaige Probleme sehen.

Solche Leute können richtig viel aus Piepers Büchern ziehen. Und das eben oft früher als woanders.

  • Die Seite der Grünen Kraft findet ihr dort,
  • und da gibt es auch unten links einen sehr informativen und inspirierenden, ungefähr monatlich eintrudelnden Newsletter zu bestellen. Zumindest den solltet ihr euch mal ein paar Ausgaben lang antun, glaubt mir! Tut auch gar nicht weh.
  • Wer mehr über Pieper und seine Lebensstationen wissen, wird dort fündig.


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English summary for foreign readers: German publisher Werner Pieper with his Grüne Kraft books is pioneering in many ways, since many years!

Dienstag, 3. November 2015

Der Farn geht schlafen

Ein paar Gartenimpressionen vom vorletzten Wochenende:




Ich mag diese Mischung aus Struktur und Chaos.

Und ich würde wirklich gern die Musik hören, zu der das letzte Bild das Plattencover wäre! Wie die wohl klänge?


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English summary for foreign readers: In my parents' garden, the fern is getting to bed. I like this blending of structure and chaos. And I really would like to hear the music for which the last pic could be the album cover! What would it sound like?

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Die Fürsten vom Arbeitgeberverband

In Thomas Brussigs RUSSENFILM-Roman, in dem er einen alternativen Geschichtsverlauf mit einer bis heute bestehenden DDR beschreibt, gibt es auf Seite 222 eine sehr schöne Stelle zum Thema Zensur:

Auf der Leipziger Buchmesse wurden die Gerüchte über die Abschaffung der Zensur konkret - und es lief tatsächlich auf das "System" hinaus, "das die Zensur überflüssig macht". Es sollte fortan allein im Ermessen der Verlage liegen, ob ein Buch erscheint. Allerdings gab es Gesetze, welchen Inhalt Literatur nicht haben darf: Sie darf nicht kriegsverherrlichend sein, rassistisch oder antisemitisch. Natürlich darf sie auch nicht zum Sturz der sozialistischen Ordnung aufstacheln. Weiterhin darf sie nicht persönlich verunglimpfend sein oder die Organe und Repräsentanten des sozialistischen Staats diffamieren oder herabwürdigen. Wenn ein Buch erscheint, und irgend jemand ist der Meinung, daß dieses Buch gegen eines dieser Prinzipien verstößt, kann er vor Gericht ziehen. Ein Gericht hat dann zu entscheiden, ob das Buch aus dem Verkehr gezogen wird - und in dem Fall auch eine empfindliche, sogar ruinöse Geldstrafe zu verhängen.

Der Ich-Erzähler fragt sich:

Ob das allerdings ein Fortschritt war? Außerdem war das neue "System" noch unberechenbarer als das alte. Während man bisher mit Zensor Höpcke feilschte, mußte sich nun jeder Verlag fragen: Wer alles könnte was dagegen haben?

Und wenn man mal kurz beim Lesen innehält und die Passage ihres realsozialistischen Klangs entkleidet, fällt auf: Hier wird in weiten Teilen bundesdeutsches Recht dargestellt.

"[D]as 'System' [...], 'das die Zensur überflüssig macht'." Eine der hübschen kleinen Hintersinnigkeiten in Brussigs aktuellem Roman.

Lustigerweise las ich diese Stelle parallel zu der Meldung, dass die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände kürzlich dafür gesorgt hat, dass ein wirtschaftskundliches Buch der Bundeszentrale für politische Bildung nicht länger ausgeliefert wird.

Es war den Arbeitgebern zu einseitig.

Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass alle ihre Vorwürfe stimmen - sowohl die Herausgeber des Übersichtsbandes als auch der wissenschaftliche Beirat der BpB bestreiten es, aber wie gesagt: Gehen wir der Einfachheit halber davon aus.

Dann muss ich leider sagen: So, mit der Unterdrückung unliebsamer Gedanken, funktionieren Demokratie und Wissenschaft nicht. So funktionieren Fürstentum und Kirchenstaat.

Für eine freie Gesellschaft gehört es sich, dass argumentativ gestritten wird. Die Arbeitgeber hätten dafür sorgen können, vielleicht sogar sorgen sollen, dass in einer zweiten Auflage des Buches ihre Sicht stärker berücksichtigt wird. In der Zwischenzeit hätte eine Broschüre mit ihrer Sicht beigelegt werden können.

Das alles hätte für spannende, fruchtbare Diskussionen im Unterricht gesorgt.

Jetzt aber kann ich, wie gesagt selbst wenn sämtliche Vorwürfe gerechtfertigt sein sollten, nur sagen: Liebe Lehrer, liebe Schüler, wenn die vereinigten Arbeitgeberverbände nicht wollen, dass ihr dieses "vergriffene" Buch lest, dann besorgt euch das anderweitig und zwar schnell!


P.S. Der gute Molo hat das Inhaltsverzeichnis ausgegraben, bei der Deutschen Nationalbibliothek:




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English summary for foreign readers: German employers' association BDA and German interior ministry suppress FACE textbook on economy and society, so teachers and students should go and get it elsewhere.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Jetzt in der Auslieferung: SCHÖN SCHÖNER TOT von Roxanne St. Claire

Bei mir sind noch keine Belege eingetrudelt, aber ich sehe gerade, dass meine aktuelle Übersetzung zumindest bei Amazon schon zu haben ist:


Werbetext

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig - und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Partyeinladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten sie an. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen der Liste stirbt … kurz darauf Nummer 2. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Wettkampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Fünfte!

Ich bin schon schwer gespannt, wie die Geschichte hierzulande ankommt!

  • Mehr zum offiziell am Freitag erscheinenden Buch bei Carlsen,
  • die gesammelten Blogeinträge zu diesem Auftrag hier


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English summary for foreign readers: My latest translation, THEY ALL FALL DOWN by Roxanne St. Claire, now is available at Amazon Germany and will hit the bookstores on Friday.

Freitag, 16. Oktober 2015

Kurd-Laßwitz-Preis 2016 - erste Überlegungen

Bald, in ungefähr sechs Wochen, wird Treuhänder Udo Klotz die erste Rundmail in Sachen Nominierungsvorschläge zu unserem Science-Fiction-Preis der Profis rausschicken; Zeit also, sich einmal Gedanken zu machen, was dieses Jahr bereits nominierenswert war! Auf geht's:

Bester Roman

Hier ist mir das ganze Jahr lang leider nichts als lesenswert aufgefallen. Wobei, den Brussig und den Eschbach werde ich noch probieren - einfach weil es der Brussig und der Eschbach sind.

Beste Kurzgeschichte

Hier enthalte ich mich immer, weil ich das Feld nicht verfolge. Für dieses Jahr stehe ich lustigerweise selbst mit einer Story im Wettbewerb, "Operation Gnadenakt" in Phantastisch 57 (1/2015) - mal sehen, wie weit die kommt!

Die beste Übersicht der Werke, die für die Kategorien Roman und Kurzgeschichte in Frage kommen, bietet dieses Jahr übrigens Alfred Kruse, der das Ganze für den Deutschen SF-Preis zusammenstellt, den Preis der Fans.

Bestes ausländisches Werk

Mich haben aktuell drei neuere SF-Romane gereizt, und die fand ich auch sehr gut. Aber ich habe sie eben im Original gelesen, und bislang sind deutsche Ausgaben noch nicht einmal offiziell angekündigt. Diese Titel merke ich mir also für die kommenden Jahre vor.

(Beste Übersetzung wird durch Jury vergeben.)

Beste Grafik

Da sind mir zwei sehr positiv aufgefallen.

Zum einen das stimmungsvolle Cover von Dirk Berger für Phantastisch 59 (3/2015), das mich träumenderweise in eine fremde Welt transportierte,


zum anderen die Fleißarbeit von Michael Vogt, die ebenfalls ein Phantastisch zierte, die aktuelle Nr. 60 (4/2015) nämlich.


Dieses Umlaufcover gibt es im Netz auch noch komplett und größer, nämlich im Blog des Berliner Künstlers. Trifft nicht ganz meinen Geschmack, ist aber ein tolles Wimmelbild, und so was macht auch mal Spaß, gerade auf einem Magazinumschlag.

Angenehm an beiden Bildern auch, dass sie einfach Leben zeigen, nicht Krieg und Katastrophe.

(Bestes Hörspiel wird durch Sekte vergeben.)

Sonderpreis für einmalige Leistungen

Da ist mir dieses Jahr nix Nominierenswertes aufgefallen.

Sonderpreis für langjährige Leistungen

Da habe ich zwei Vorschläge.

Zum einen Klaus N. Frick und sein Team nachträglich für das Ausrichten der "Perry-Party". Die offiziell "Galaktisches Forum" genannte Veranstaltung am Buchmessefreitag in Frankfurt war über viele Jahre hinweg der wichtigste Branchentreff in Sachen Fantastik. Wurde leider dieses Jahr verlagsseitig eingestellt, und ich finde, wir sollten das Engagement wenigstens nachträglich mindestens mit einer Nominierung ehren! Wer sollte das sonst tun, wenn nicht wir Profis? (Heute Abend findet diese Party übrigens nach erfolgreichem Crowdfunding erstmals in privater Ausrichtung statt.)

Zum anderen Jürgen Schütz und sein Septime Verlag für die weltweit erste Gesamtausgabe der Kurzgeschichten von James Tiptree jr., die sie dieses Jahr komplettiert haben, unter anderem mit der Hilfe dieses Übersetzers hier.

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So, liebe Leute, sieht das dieses Jahr aus beim Leser Böhmert.

Habe ich was übersehen? Liege ich irgendwo falsch? Dann ab in die Kommentare damit!


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(Nachtrag: Die nächsten Überlegungen zum Kurd 2016 finden sich hier.)


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English summary for foreign readers: First thoughts on my nomination proposals for next year's Kurd Laßwitz Prize.

Dienstag, 13. Oktober 2015

Dawson in der zweiten Auflage

Die meisten Bücher erreichen keine zweite Auflage, aber neulich trudelten hier erneut Belegexemplare für SAG NIE IHREN NAMEN ein, meine Übersetzung des schnellen kleinen Horrorromans von James Dawson.


Und er hat das auch noch binnen weniger Monate geschafft! Er ist ja erst im Juli herausgekommen. Offensichtlich läuft da ordentlich Mundpropaganda.

Acht Kundenrezensionen auf Amazon, Durchschnitt 4,5 Sterne. Das geht kaum besser.

Wollen wir mal schauen, was die Leserschaft so zum Stil sagt?

Na, und ob wir das wollen!

Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen, nur manchmal hingen ein paar Vergleiche (das Stilmittel wird übrigens sehr, sehr, sehr oft benutzt – manchmal war`s nervig.) so schief in der Luft, wie ein aufgeblähter Elefant in der Wüste [...] hoffe das erfundene Beispiel reicht als Demonstration. Ich habe fünfzig, sechzig Seiten gebraucht, um meinen Leserhythmus zu finden, musste das eine oder andere Adjektiv lachend aus meinem Hirn bannen (Will mich ja gruseln und nicht totlachen.) und an manchen Stellen war ich verwirrt, weil der Autor seltsame Worte benutzt, die sich so gar nicht in den restlichen Inhalt einfügen möchten. Esspapierdünn – war zum Beispiel so ein Wort. Es wollte einfach nicht zum restlichen Satz passen, aber das ist sicherlich Geschmackssache. (Jarda)

[D]er Schreibstil ist wirklich gut und schnell lesbar. (Steffis und Heikes Lesezauber)

[B]esitzt einen flüssigen Erzählstil, der mich sofort in die Geschichte eintauchen ließ. (B. Friedrichs)

Der Schreibstil ist locker, einfach und sehr spannend gehalten! (Marion)

[H]at mit seinem tollen und sehr angenehmen Schreibstil überzeugt (Floh)

Na, da freut sich der Übersetzer doch, dass er seinen Autor gut rübergebracht hat!

  • Die kompletten Amazon-Kundenrezensionen findet ihr dort,
  • alle Blogeinträge zur Arbeit an der Übersetzung hier und
  • mehr zum Buch, auch eine Leseprobe, bei Carlsen


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English summary for foreign readers: My German translation of SAY HER NAME by James Dawson just reached its second printing, after only three months. There's a lot of buzz out there, it seems.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Neues Interview online


Es dreht sich hauptsächlich um meine Arbeit als Übersetzer von Robert B. Parker, aber gegen Ende erzähle ich auch kurz was über den Roman, an dem ich gerade schreibe.

Ihr findet es auf der deutschen Spenser-Fanseite Guns & Poetry.


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English summary for foreign readers: Guns & Poetry, the German Spenser fanpage, talked with yours truly about translating Parker. I recommended some other authors, too.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

James, die Urmutter

Molo mailt einen Link und schreibt dazu:

Literaturkritik-Portal der Uni Marburg. Kennt in der Szene kaum jemand, aber die besprechen immer wieder mal Phantastik.

Wenn das kein Grund ist, das hier einmal ausdrücklich festzuhalten!

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In der verlinkten Rezension geht es um den kürzlich erschienenen Band 2 der Gesammelten Erzählungen von Alice Sheldon alias James Tiptree jr., in dem auch eine von mir übersetzte Story enthalten ist. Rolf Löchel schreibt:

Die vielleicht feministischste Story des Bandes handelt von „Frauen, die man übersieht“. Ein männlicher Ich-Erzähler reiferen Alters stürzt mit dem Piloten und zwei Frauen in den Mangroven-Sümpfen Yukatans ab. Während des Fluges würdigt er die beiden „verschwommenen Flecken Weiblichkeit“ mit ihren „Mäuschenstimmen“ kaum eines Blickes. Hat er schon vor dem Abflug gemutmaßt, sie könnten Mutter und Tochter sein, so bestätigt sich seine Annahme nach dem Crash. In den Sümpfen muss er bald „irritiert“ feststellen, dass sich „diese verfluchten Weiber noch kein bisschen beschwert“ haben. „Kein Muckser, kein Zittern in der Stimme, überhaupt kein Ausdruck von Persönlichkeit“. Derlei Reaktionen allerdings wären nun durchaus nicht Ausdrucksweisen von „Persönlichkeit“. Vielmehr spiegeln sich in der Irritation des Erzählers Erwartungshaltungen, die auf misogynen Weiblichkeitsklischees fußen. Später widerfährt ihm mit einer der Frauen gar noch „die absolut peinlichste intime Situation seit Jahren“. Er schläft neben ihr, ohne mit ihr zu schlafen. Wahrhaftig unvorstellbar. Während der Pilot und die erwachsene Tochter am Wrack zurückbleiben, macht er sich mit der Mutter auf, um Trinkwasser zu suchen. Als er unterwegs vermutet, die unverheiratete Mutter sei wohl „irgend so eine berufsmäßige Männerhasserin“, antwortet diese mit einem Lächeln und einem spöttischen Blick zum „peitschenden Regen“: „Ich hasse die Männer nicht. Das wäre genauso dumm wie – das Wetter zu hassen.“ Mag die Story auch die eine oder andere Frage offen lassen. Eines zumindest ist gewiss: Frauen, die mann übersieht, sollte mann nicht auch noch unterschätzen.

Passt.

"Frauen" war die erste Tiptree-Story, die ich für Jürgen Schütz neuübersetzt habe, für die zweite Verlagsanthologie damals. Mit dem erneuten Abdruck in der Werkausgabe sind die Gesammelten Erzählungen nun abgeschlossen - Jürgen hat langen Atem bewiesen und es tatsächlich geschafft!

Die einzige Tiptree-Werkausgabe weltweit, Donnerwetter.

Hoch die Tassen!

Und dann geht und kauft das.

(P.S. Hier noch ein hübsches Foto von der Veranstaltung "100 Jahre Tiptree" auf der letzten Leipziger Buchmesse: Biografin Julie Phillips liest, Böhmert lauscht. In der Mitte Verleger Jürgen Schütz und Mitübersetzerin Elvira Bittner. Bildquelle: Septime)


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English summary for foreign readers: The German language Collected Stories edition of Alice Sheldon aka James Tiptree, Jr. is complete. The first edition worldwide! I translated some pieces, too.

Montag, 5. Oktober 2015

Randnotiz: Ach, kieka!

Mein kleines Harry-Rowohlt-Zitat über Science-Fiction-Fans neulich hat es in die aktuelle Ausgabe des britischen Szene-Newsletters Ansible von Dave Langford geschafft, siehe die Rubrik "Infinitely Improbable". Schick!

Ist, glaube ich, das zweite Mal, dass der Böhmert Frank dort Lieferant war.


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English summary for foreign readers: My Harry Rowohlt quote has made it into the October issue of Dave Langford's Ansible. Nice!

Freitag, 2. Oktober 2015

Die drei ganz großen Erzähler

Die drei ganz großen Erzähler meines Lebens, die mich seit meiner Kindheit begleiten und derer ich nie auch nur für ein Jahr überdrüssig geworden bin, sind, in alphabetischer Reihefolge, Carl Barks, René Goscinny und Hergé.

Ich glaube, ich habe sie alle drei ungefähr zur gleichen Zeit für mich entdeckt. Barks kam mir wohl als Erstes unter die Augen, in den MICKY-MAUS-Heften, aber ich musste ihn ja erst einmal als den "guten Zeichner" identifizieren, und das dauerte sicher ein bisschen. Da mein einer Onkel über ein in schundliterarischer Hinsicht wohlgefülltes Arbeitszimmer verfügte, dürfte ich ungefähr zur gleichen Zeit an ASTERIX herangekommen sein, das erste deutsche Album erschien 1968, da war ich sechs, und TIM UND STRUPPI gab es in der Stadtbücherei, in den ab 1967 von Carlsen herausgebrachten Alben mit dem roten Rücken, die auch heute noch auf dem Markt sind.

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Alle drei Erzähler haben gemeinsam, dass sie unglaublich effizient erzählen; sie kommen schnell auf den Punkt. Es ist eine Freude, gerade auch als Autor, zu sehen, wie sie die Exposition und das Vorantreiben einer Geschichte beherrschen. Dabei verlieren sie auch nie den Überblick, das ist alles sauber durchkomponiert.

Gleichzeitig neigen sie zu Kapriolen. Wie gern schwenkt Hergé mal ins Burleske, Klamaukhafte ab, mitten in einer spannenden Krimi- oder Abenteuerhandlung! Wie gern steigern Barks und Goscinny die Handlung bis ins Absurde! Aber immer kurz, immer knackig.

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Sie sind auch in gewissem Sinn zeithistorische Erzähler; gerade Barks und Hergé sind sich ihrer Zeit sehr bewusst, der eigenen wie auch der Handlungszeit. Bei Barks sehe, rieche und schmecke ich die 1930er, 1940er und 1950er Jahre, bei Hergé ebenfalls und bis in kleinste Details hinein.

Goscinny weicht ein bisschen davon ab; seine Szenarios sind zwar historisch verwurzelt und er baut gern Zeitgenössisches ein, aber das ist eher satirisch gefärbt.

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Als Schriftsteller schätze ich sie also für ihre punktgenaue, effiziente Erzählweise, ihre Lebendigkeit, die sich in kurzen Kapriolen äußert, und ihre akkuraten kulturhistorischen Hintergründe. Das mag keine große Kunst sein, aber es ist bestes Handwerk.

Als Mensch schätze ich sie für ihren munteren, gutmütigen bis spöttischen Blick auf die großen und die kleinen Leute, für ihr Hochhalten von Tatkraft und Optimismus, für ihre grundsätzliche Begeisterung über Erfindungen und technische Neuerungen und Großprojekte.

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Und dann sind da noch die Barksschen und Hergéschen Wohnungseinrichtungen.

Ich weiß nicht, was zuerst da war: mein Bedürfnis nach Leere und Klarheit, die den Geist beruhigt und das Herz erfrischt, oder diese ästhetischen, gemütlich-kargen Wohnungen bei Barks und Hergé. Fette Lesesessel, Kaminfeuer, wenige, aber schöne Gebrauchsgegenstände ... das kommt mir alles sehr entgegen.

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Meinen Lebensabend stelle ich mir oft so vor, dass ich alles wegschenke, was ich nicht mehr brauche, und die Wohnung immer leerer und gleichzeitig immer essenzieller, immer persönlicher wird. Meine Comics dieser drei ganz großen Erzähler werde ich sicher bis ganz zum Schluss noch behalten und, wer weiß, vielleicht sogar auf dem Sterbebett noch darin blättern. Wäre nicht der schlechteste Tod.

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Über Barks, Goscinny und Hergé kann, im Falle dieses Lesers hier, nichts mehr kommen. Sie haben Jahrzehnte Vorsprung. Jahrzehnte!

(Der größte Schatz zum Thema in meiner Handbibliothek: Die 34. Ausgabe des Comic-Fachmagazins Reddition über Goscinny aus dem Jahr 2000 - inzwischen vergriffen. Ein wunderbares Heft mit vielen schönen Fotos)


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English summary for foreign readers: The greatest storytellers of my life are, alphabetically, Carl Barks, René Goscinny and Hergé.