Donnerstag, 4. Dezember 2014

68er und, wenn wir sie mal so nennen wollen, 67er

Ich hatte vor etlichen Wochen ein Gespräch mit Ralf Steinberg über die 1960er Jahre, angeregt durch diesen Blogeintrag dort, und heute während des zweiten Frühstücks fiel mir beim Stöbern in der Handbibliothek ein Text von Al Imfeld auf, den ich euch auszugsweise gleich auch hier präsentieren kann, anstatt ihn nur Ralf zu mailen.

Also. Ralf schrieb in seinem oben verlinkten Blogeintrag:

Man sieht sich ja gern als Fanal der Toleranz und Gelassenheit. Bei mir bröckelt das leider immer wieder aus dem Selbstbild heraus. Ich bin halt nicht durch die 68er erzogen worden. So ein bisschen Hippiesein wünsch ich mir [...]

Worauf ich im Kommentar antwortete:

"68er" und "Hippie" sind Gegensätze. Aber das erklär ich dir mal irgendwann in Ruhe beim Bier. Das kriegen selbst die meisten Westler nicht auseinanderklamüsert.

Hier nun Al Imfeld, der das pointierter auseinanderklamüsert, als ich es beim leckersten Bier je könnte!

Zunächst einmal diese Stelle hier:

Man muß unbedingt unterscheiden zwischen dem Beginn und dem 2. Teil der 60er Jahre. Diesbezüglich tut man nicht unrecht, wenn man die typischen Sechziger von den 68ern unterscheidet. Also, in einer einzigen Dekade waren gegenüber der früheren, langsam dahinfließenden Zeit gleich mehrere Dekaden verpackt. Am Anfang stand Kennedy und am Ende Nixon; es begann mit überschwänglichem Optimismus der Bürgerrechtsbewegung und endete im Kater des Vietnamkriegs.

Und nun:

Die 68er basierten mehr oder weniger auf einer einzigen Strömung, der des Marxismus mit Marx, Lenin und Mao. Das war wirklich Monokultur, besaß wenig Weltgeist; es war eine beinahe fundamentalistische, bestimmt jedoch eine engstirnige Bewegung, ihr fehlte es an Tiefe und Breite. Das Schlimmste dieser Strömung war bestimmt das Vergessen einer breiten kulturellen Umgebung; sogar Natur und Religion glaubte sie hinter sich lassen zu können.

Im Gegensatz dazu waren die frühen 60er Jahre Aufbruch überall. Ein Schiff gestrandet im Eismeer begann mit der Schmelze zu bersten. Statt, wie später des öfteren, kam es zu keiner Untergangsstimmung. Ganz im Gegenteil: Das Zerbrechen war mit großem Optimismus und einem Gefühl der Befreiung verbunden: alle glaubten an eine andere und bestimmt bessere Zukunft; man arbeitete an vielen und an verschiedenen Fronten gleichzeitig. Diese Bewegung war so breit, daß man sagen kann, sie wurde zu einem globalen Zeitgeist und betraf bald alle Gegenden und Gruppen. Das war kein Klassenkampf, das war ein Aufstand und ein Aufbruch für eine bessere Welt. Nichts war monokulturell, monoman oder monologisch; das war kein Monoprogramm, denn auf allen Ebenen, und zum Teil sehr konfus, lief etwas ab.

aus: Al Imfeld, "Der globale Vulkan. Aufbruch zu Beginn der sechziger Jahre und die Verkrustung einer romantischen Lava", in: ALLES SCHIEN MÖGLICH, hg. von Werner Pieper, 2007. Das erste Zitat stammt von Seite 14, das zweite von Seite 13.

(Bildquelle: Die grüne Kraft)

Übrigens sehr zu empfehlen! Wie so viele Grüne Zweige vom Meister-"Lernling" Werner Pieper.


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English summary for foreign readers: Just some Al Imfeld quotes on the difference between the '68 generation and the, let's call it, '67 spirit ... Plus a recommendation of Werner Pieper's Grüne Kraft publishing house.

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