Mittwoch, 12. November 2014

Gelesen: Sibylle Berg, VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN (D 2012)

Worum geht's?

Einmal um das Leben eines seltsamen Menschenwesens, das der Welt mit unzerstörbarer Offenheit und Verletzlichkeit gegenübertritt, egal was die Mitmenschen ihm antun.

Und dann noch um drei Deutschlands: die DDR, das wiedervereinigte Deutschland, das Deutschland der Zukunft. (Die Handlung setzt 1966 ein und endet 2030.)

Wie ist das Buch geschrieben?

Unglaublich virtuos. Wer Sibylle Bergs Kolumnen kennt, damals in Literaturen, heute auf Spiegel online, kann sich vorstellen, wie sie immer wieder wunderbar prägnante, schneidende Bonmots einflicht. Sie macht ein bisschen arg auf hohe Literatur, mit Anführungszeichenverbot und so, aber daran gewöhne ich mich immer schnell, wenn der Erzählfluss nur stimmt. Und das tut er.

Was gefiel nicht so?

Entfällt. Das ist zwar ein geradezu monströs vielfältiger Roman von gerade mal vierhundert Seiten, aber irgendwie kriegt Frau Sibylle das alles mit lockerer Hand hin.

Was gefiel?

  • Ich musste mir richtig Mühe geben, das Buch langsam zu lesen - sonst hätte ich die vielen knackigen Kommentare zu allem Möglichen verpasst.
  • Der Roman ist so herzzerreißend in seiner Zärtlichkeit für das Leben und die Kreatur und so brüllend komisch in seinem Sezieren dessen, was nicht stimmt, dass so gut wie jede Seite ein Wechselbad bietet - selten wurde ich bei einer Lektüre dermaßen durchgeschüttelt und gleichzeitig geistig so wachgehalten.
  • Dabei ist Frau Sibylle sich für keine Pointe und Handlungswendung zu schade - dieses Buch müsste eigentlich jeden Moment in alle Richtungen auseinanderfliegen. Tut es aber nicht. Das spricht für ein gutes Gravitationszentrum.

Gute Stelle?

Ein Credo des Romans, eines von mehreren möglichen, steht schon auf dem Umschlag:

Man kann alle Möglichkeiten betrauern, die man nie gehabt hat, oder sich daran freuen, dass man kurz aufgetaucht ist aus der Großen Dunkelheit der Unendlichkeit, die sonst immer herrscht, vor der Geburt und nach dem Tod, ein kurzer Moment Licht, das ist doch viel ...

Amen.

Eine weitere gute Stelle habe ich neulich schon ins Blog gestellt, hier.

Zu empfehlen?

Aber hallo! Das ist eine haarsträubende Lektüre und ein großer deutsch-deutscher Roman - der beste, den ich kenne. Heißer Anwärter auf mein persönliches Buch des Jahres.

Wo aufgestöbert?

Im Ferienhaus einer Freundin meiner Liebsten, bei der wir im Sommer eine Urlaubswoche verbracht haben. Sie legte mir das Buch ans Herz, und wir sprachen dann fast täglich über das, was ich gerade gelesen hatte - ein Minilesezirkel sozusagen, sehr schön. Zum Abschied hat sie mir ein Exemplar geschenkt:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Gebunden, 397 Seiten. Hanser, München, 2. Auflage 2012)

Und sonst?

Wird es nicht das letzte Buch sein, das ich von Frau Sibylle gelesen habe.


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English summary for foreign readers: VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN (Thanks For Life) by Sibylle Berg is one of the best novels I've read this year. Berg tells the story of a freak, a "prototype", who is not capable of aggression or hate and goes through life hurt but undeterred in three Germanys, the GDR, the reunified Germany and the future Germany (the book begins in 1966 and ends in 2030). I can't believe it isn't translated into English yet!

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