Montag, 17. November 2014

Gelesen: Paul Auster, STADT AUS GLAS (USA 1985)

Worum geht's?

Ein New Yorker Autor von Detektivromanen wird versehentlich als der Detektiv Paul Auster engagiert und soll einen Mann aufspüren. Ein Vexierspiel, ihr seht schon.

Wie ist das Buch geschrieben?

Verschwurbelt und zu Abstraktionen neigend.

Was gefiel nicht so?

Das Buch ist, glaube ich, schlecht gealtert. Alles schreit "1980er!" auf eine Weise, wie etwa Romane von Heinrich Böll "1950er/60er!" schreien.

Was gefiel?

Die traumhafte Atmosphäre in einem eigentlich realistischen Roman. Das ist schon geschickt gemacht.

Gute Stelle?

Ich will sie nicht gut nennen im Sinne von gut geschrieben. Aber sie ist typisch. Seite 135. Quinn, der Krimiautor, hat gerade versucht, telefonisch den Fall zurückzugeben, aber die Leitung ist besetzt. Deutsch von Joachim A. Frank, den ich eigentlich für seine Übersetzung von Keri Hulmes UNTER DEM TAGMOND sehr schätze, aber ich weiß nicht, ob das hier nun schlecht übersetzt ist oder schlecht geschrieben - oder beides:

[D]as Schicksal hatte es nicht zugelassen. Quinn dachte einen Augenblick darüber nach. War "Schicksal" wirklich das Wort, das er gebrauchen wollte? Es erschien ihm so gewichtig und altmodisch. Und dennoch, als er es gründlich untersuchte, entdeckte er, daß er genau das hatte sagen wollen. Oder wenn es schon nicht genau das war, so war der Ausdruck doch treffender als jeder andere, der ihm einfiel. Schicksal im Sinne von "was war", was zufällig war. Es war so etwas wie das Wort "es" in dem Satz "es regnet" oder "es ist Nacht". Worauf sich dieses "Es" bezog, hatte Quinn nie gewußt. Vielleicht war es eine verallgemeinerte Beschaffenheit der Dinge, wie sie sind, der Zustand der Es-heit, welcher der Boden ist, auf dem die Geschehnisse der Welt stattfanden. Eindeutiger konnte er es nicht ausdrücken. Aber vielleicht suchte er nicht wirklich etwas Eindeutiges.

Mein innerer Lektor hätte da, und zwar weil mir die Stelle eigentlich gefällt, viel zu tun.

Zu empfehlen?

Ich würde sagen: nur noch von zeitgeschichtlichem Interesse. Die Schundromane, auf die Auster sich bezieht, also die klassischen Detektivromane, sind deutlich besser gealtert.

Wo aufgestöbert?

Auf dem Verschenke-Fensterbrett in unserem Treppenhaus. Da ich Auster als Drehbuchautor von SMOKE in guter Erinnerung hatte, habe ich es im August mal mit dem Romanautor probiert:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 375 Seiten. Rororo, Reinbek, 164. bis 178. Tausend 1997)

Auch die Kunst von Hendrik Dorgathen ist schlecht gealtert, finde ich. Und ich war mal stolzer Besitzer eines signierten und nummerierten Siebdrucks! Hier ein Foto von ca. 1986:

(Foto: privat)

Der Hut gehörte meiner damaligen Freundin, den Siebdruck habe ich irgendwann verschenkt.

Und sonst?

Ich glaube nicht, dass ich mehr von Auster lesen werde. Ich halte ihn für überschätzt.

Wahre literarische Krimi-Gemmen finden sich für English readers zum Beispiel dort bei Hard Case Crime - dreckig, grell und oft verdammt feinfühlig geschrieben. Dagegen ist STADT AUS GLAS blutleer und beliebig - als hätte der Autor es geschrieben, um Zeit totzuschlagen.


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English summary for foreign readers: CITY OF GLASS by Paul Auster from 1985 didn't age well, I think. Reading it I had the impression that the author wrote it to kill some time.

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

"Auf dem Verschenke-Fensterbrett in unserem Treppenhaus. Da ich Auster als Drehbuchautor von SMOKE in guter Erinnerung hatte, habe ich es im August mal mit dem Romanautor probiert:"

Genau das war der Grund, warum ich es im Alter von 16 Jahren mal mit »normaler Literatur« probiert habe. Bis dato las ich nur Fantasy (und Stephen King), weil ich der Meinung war, dass unsere Welt viel zu langweilig sei, um auch noch Bücher zu lesen, die in ihr spielen. Dann habe ich »Smoke« gesehen und war begeistert. Jemand der so ein tolles Drehbuch schreibt, der könnte doch auch gute Bücher schreiben. Also habe ich mir »Mond über Manhattan« gekauft und mir hat sich eine ganz neue Wunderwelt der Literatur abseits der Phantastik eröffnet.

Frank Böhmert hat gesagt…

Hm. Ich habe mir eben mal die Wikipedia-Seite zu MOND ÜBER MANHATTAN angesehen, und dieser Roman klingt schon interessanter, Pogo. Sollte ich es noch einmal mit Auster versuchen, dann wohl mit dieser Geschichte, die deutlich weniger gespreizt wirkt.

Ja, SMOKE war großartig! Ich habe diesen kleinen Film vor einigen Monaten noch mal auf DVD geschaut, und er ist wirklich richtig gut gealtert.

Pogopuschel hat gesagt…

"Die New York Trilogie" habe ich danach gelesen. Fand ich interessant, aber nicht so gut wie "Mond über Manhattan". Wird Zeit, dass ich den mal wieder lese.
Richtig gut gefallen hat mir auch "Mr. Vertigo".

Frank Böhmert hat gesagt…

Na, Pogo, ich seh schon - ich werde den Herrn Auster so schnell dann doch nicht abhaken!

Jasper hat gesagt…

Ich habe "Die Musik des Zufalls" in ganz guter Erinnerung. Übrigens war auch bei mir "Smoke" (im Englischunterricht!) die Einstiegsdroge. Der Film basiert ja auf einer Weihnachtsgeschichte von Auster, nämlich "Auggie Wren´s Christmas Story", die man an verschiedenen Stellen im Netz leicht findet -- und die ist auch schön (und gar nicht so verschwurbelt). Ich glaube, diese New York-Trilogie ist eben sein Frühwerk, wo er sehr von einem damals grassierenden Postmodernismus angekränkelt war und sich außerdem noch den "I love SERIOUS European writers"-Virus eingefangen hatte. Es kann tatsächlich sein, dass er überschätzt ist, aber es gibt Überschätztere. Jonathan Lethem zum Bleistift. Auster gehört irgendwie zu diesen amerikanischen Schriftstellern, die in Deutschland bei der Kritik beliebt sind, weil sie einerseits "europäisch" schreiben, andererseits aber lässiger rüberkommen als, was weiß ich, Daniel Kehlmann. Wobei, Kehlmann ist schon fast der deutsche Auster ... Trotzem hat Auster -- jedenfalls in meiner Erinnerung -- durchaus Lesenswertes geschrieben.