Dienstag, 4. November 2014

Friedfertigkeit in Kriegssituationen - eine tolle Anekdote. Und ein Ausgehtipp

Seit einem Dreivierteljahr gibt es jetzt in Neukölln die Nomad Chai-Bar; seit vielleicht zwei Monaten weiß ich davon. Neulich habe ich es endlich geschafft, diesen feinen, kleinen Treffpunkt für Hippies, Freaks und Spinner zu besuchen.

Anlass war eine kleine Meditationseinführung durch den buddhistischen Mönch Tenzin Peljor, den ich über meine Liebste kenne.

Das Nomad ist ein liebevoll gestalteter kleiner Laden in einer Nebenstraße der Boddinstraße - eine Oase mitten im Neuköllner Trubel. Schwarze Wände, Schwarzlichtbilder, an der Decke ein Gespinst von Glasfasern, auf dem Boden Teppiche, Sitzkissen, Tischchen aus Baumscheiben und Acrylglas. Einschlägige Bücher liegen aus, es läuft Hippie-Blubbermusik; ich kam mir vor wie in einem Chai-Zelt auf dem Herzberg-Festival, herrlich. Schuhe ausziehen und rein da!

(Bildquelle: Nomad-Galerie)

Das Publikum ist international: eine Handvoll Deutsche, ansonsten waren mindestens England, USA, Schweiz und einige osteuropäische Länder vertreten. Gemeinsame Sprache: natürlich Englisch.

Osteuropa ist ein gutes Stichwort - irgendwann während der Meditationseinführung fragte jemand, der hörbar aus dieser Weltregion stammte, ob man denn, wenn man so seine Friedfertigkeit üben würde, dann noch fit wäre, in kriegerischen Konflikten zu bestehen.

Was eine verdammt gute Frage ist, weil viele Menschen Angst haben, ihre Wehrhaftigkeit zu verlieren, oder fürchten, sowieso schon nicht wehrhaft genug zu sein.

Tenzin nickte und erzählte eine kürzlich selbsterlebte Geschichte:

***

Er war mit seinem Meditationslehrer und einer Nonne am U-Bahnhof Yorckstraße unterwegs, alle drei im Gewand. Dieser Lehrer, sagte Tenzin, praktiziere schon so lange, dass er heute praktisch 24 Stunden am Tag in der Meditation sei.

Sie gingen den Bahnstein entlang, und ihnen kamen drei, vier junge Männer entgegen, erkennbar mit jedem Schritt aggressiver gegen sie. Tenzin rechnete mit, wie er sagte, Problemen.

Was geschah?

Es ging alles ganz schnell:

Der Anführer der jungen Männer stürmte dem Lehrer entgegen und holte mit der Faust aus, um ihn ins Gesicht zu schlagen.

Der Lehrer wischte die Faust beiseite, tippte dem Anführer mit der eigenen Faust sanft ans Kinn, sagte "Buh!" dabei, und als der junge Mann ins Leere taumelte, richtete der Lehrer ihn im Vorbeigehen auf, damit er nicht stürzte -

- und beide Gruppen gingen einfach aneinander vorbei.

Situation beendet.

Nichts weiter geschah.

***

Tenzin lachte, und dann fügte er ernst hinzu, wohl um dem Fragenden doch noch eine allgemeinere Antwort zu geben: Es gehe darum, zu verhindern, dass Leid geschehe. Einem selbst solle kein Leid zugefügt werden, und es gelte auch, niemand anderem Leid zuzufügen; weil Leid immer wieder nur zu neuem Leid führe.

Du bringst deinen einen Feind um, und nun hast du fünf, sagte Tenzin. Seine Freunde, seine Familie. Und das kann immer so weitergehen.

Und dann lachte Tenzin wieder.

Eine der Sachen, die ich an buddhistischen Mönchen und Nonnen mag: Sie lachen immer so viel.


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English summary for foreign readers: Nomad Chai Bar is a lovely new venue in Berlin-Neukölln for hippies, freaks and wackos. Last weekend I was there for the Sunday Meditation and listened to a Buddhistic monk who spoke about earnest things laughing much.

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