Freitag, 17. Oktober 2014

Ach, Lem! Lem, ach ... Ungeordnete Frühstücksnotizen zu einem Gesprächsabend im Otherland

Als ich in meinen Zwanzigern war, pflegte ein Kumpel, ich glaube, es war Freund und Nachbar Viktor Pavel, zu sagen, Stanislaw Lem, das sei doch ein Science-Fiction-Schriftsteller für Leute, die keine Ahnung von Science Fiction haben.

Da ist schon allein deshalb etwas dran, weil Lem mit seinem berühmt-berüchtigten Aufsatz "Science Fiction: Ein hoffnungsloser Fall mit Ausnahmen" selbst bewiesen hat, zu wenig Ahnung für ein so vernichtendes Urteil zu haben.

Andererseits zeigte gestern Abend das prallvolle Otherland, dass Lem von Leuten geschätzt wird, die nun eindeutig genrekundig sind.

Ich selbst habe mit ihm nie viel anfangen können. Einige Pirx-Geschichten haben mir Spaß gemacht, und ich erinnere mich an ein Hörspiel, "Gibt es Sie, Mr. Jones?", das ich ausnahmsweise einmal gern gehört habe, also mehrmals. Das war's dann schon und ist lange her.

Hinzu kam, dass ich Lem immer als autoritären Charakter wahrgenommen habe - ein gewichtiger persönlicher Grund, ihn links liegen zu lassen. Zumal er ja offensichtlich, sagen wir, wenig geplagt von Selbstzweifeln war. Keine gute Kombi.

Aus diversen Gesprächen baute ich mir über die Jahre folgende Einordnung Lems zusammen: Philosophisch orientierte Leser schätzen ihn für seinen naturwissenschaftlichen Ansatz; Naturwissenschaftler finden, er müsste erst mal seine Hausaufgaben machen.

Unterm Strich, das hat auch der gestrige, von Wolfgang Neuhaus und Peter Kempin hochkarätig moderierte, diskussionsstarke Abend gezeigt, haben wohl diejenigen die meiste Freude an Lem, die viel philosophisches Wissen mitbringen.

Und ein wenig Semiotik kann sicher auch nicht schaden; das ist mir am Wochenende während meines Besuchs bei Molosovsky deutlich geworden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob Umberto Eco je über Lem geschrieben hat. Weiß das jemand?

Ach so, und weil die Frage nach seiner Rezeption im englischsprachigen Raum aufkam: Darko Suvin hat Ende der 1960er, Anfang der 1970er natürlich über ihn geschrieben! Das fiel mir gestern bloß nicht ein.

Was habe ich mit nach Hause genommen? - Es war wieder einmal ein anregender Abend, und SOLARIS werde ich mir doch demnächst einmal vorknöpfen müssen! Über diesen Roman höre ich einfach zu viel Gutes, um bei meinen Vorurteilen in Sachen Lem zu bleiben.

Da ich mich andererseits weder für Sinnsuche noch für Semiotik großartig interessiere und durchaus damit leben kann, sterblich zu sein und ein begrenztes Weltwissen zu haben, gehöre ich definitiv nicht zur Lemschen Zielgruppe.


P. S. Ralf Steinberg, seit vielen Jahren Lem-Leser, hat auch was über den Abend geschrieben, dort.

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English summary for foreign readers: I don't like the writings of Stanislaw Lem, but Gatherland with Lem-aficionados Wolfgang Neuhaus and Peter Kempin was great! Perhaps I will give SOLARIS another try.

Kommentare:

molosovsky hat gesagt…

Zumindest aus dem Gedächtnis ist mir nicht bekannt, dass Eco sich je über Lem geäußert hat … vielleicht mal in Interviews, aber wenn, dann sind mir die aber nicht bekannt. — Die Indices meiner Eco-Bücher führen Lem nicht auf.

Frank Böhmert hat gesagt…

Ah, okay. Danke, Molo! Auf Italienisch rausgekommen ist jedenfalls viel, und Lem hat dort auch einige Preise bekommen, siehe seine italienische Wikipediaseite: https://it.wikipedia.org/wiki/Stanis%C5%82aw_Lem

Raskolnik hat gesagt…

Ich muss zugeben, dass ich außer "Solaris" nichts von Lem gelesen habe. Und auch das Buch erst, nachdem mich eine Opernadaption {keine Ahnung, von wem} und Andrei Tarkowskis Film neugierig gemacht hatten.
Aber "Solaris" ist meiner Meinung nach schon ein echter "Klassiker". In die Riege meiner absoluten SF-Lieblinge hat es allerdings nie aufteigen können, und es hat mich auch nicht dazu getrieben, mir weitere Lem-Bücher zu besorgen.

Murilegus rex hat gesagt…

Normalerweise fällt mir auf, wenn bei Mainstream-Autor_innen Leute aus dem SFF-Bereich erwähnt werden. Bei Eco kann ich mich an Delany und Tolkien erinnern, aber Lem ist mir nicht untergekommen, glaube ich. Allerdings hab ich auch noch nicht jedes einzelne Eco-Buch gelesen.

My. hat gesagt…

Hilfreich für das Verständnis von Lem ist vielleicht auch sein Briefverkehr mit Mrozek. Eine ausführliche Rezension dazu mit erhellenden Hintergrundinfos wird im Quarber Merkur 115 erscheinen, den ich demnächst gestalten darf. - My.

molosovsky hat gesagt…

Ich hatte vor 20 Jahren eine ziemlich heftige Lem-Phase, die aber nicht lange dauerte, weil mir einiges an Lems Charakter ähnlich erschien, wie Frank hier beschreibt.

Aber ich muss unbedingt empfehlen, seinem »Der Futurologische Kongress« eine Chance zu geben. Ein Ausnahmetext. Kurz, extrem vollgestopft mit Ideen, überdreht und hartnäckig daueraktuell. — Auch »Die Sterntagebücher« machen großen Spaß. Lem dem Gaukler und Kybernetik-Clown bin ich treu geblieben.

Konrad Kustos hat gesagt…

Ich durfte Lem, als er Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg war, also ein Jahr lang von Berliner Steuergeldern lebte, schon früh kennenlernen. Ein peinlicher, selbstverliebter, substanzloser Narr, den man schnell vergessen könnte, wenn es nicht das Drama gäbe, das so viele Leute auf ihn reinfallen.

molosovsky hat gesagt…

@Konrad: Oh-je… bestätigt ja die alte Regel, dass man ›Legenden‹ besser nicht im echten Leben nähert. Besser aus der Ferne das, was einem taugt, wertschätzen.

Konrad Kustos hat gesagt…

Das sehe ich auch immer mehr so. Bei Lem aber bin ich schon mit profunden Vorurteilen in die Begegnung gegangen. Dass sie durch die Realität noch übertroffen wurden, konnte ich ja nicht wissen.

simifilm hat gesagt…

Von Lem gibt es definitiv lesenswerte Sachen. Neben dem «futuorologischen Kongress» kann ich auch «Memoiren, gefunden in der Badewanne» empfehlen. Einen grossen Bogen sollte man dagegen um den theoretischen Lem machen; da ist vieles unbrauchbar bis ärgerlich (und je älter er wurde, desto ärgerlicher wurde er …).