Dienstag, 30. September 2014

Unterhaltungen zwischen Büchern

Wer wie ich immer ungefähr ein halbes Dutzend Bücher parallel liest, kennt das Phänomen vielleicht: Manchmal treten die Bücher in einen direkten Austausch.

Neulich zum Beispiel.

Ich las in dem hier schon erwähnten tollen Bildband mit Indianerportraits Folgendes:

Wohin man in der weißen Gesellschaft auch geht - in Gerichtssäle, zu gesetzgebenden Versammlungen, ins Parlament, zu jeder Art von Versammlungen -, was man zu sehen und zu hören kriegt, ist ein Kampf - ein Krieg - mit Worten. "Übereinstimmung" wird durch Entzweiung erreicht.

Eigentlich ist das jedoch gar keine Übereinkunft, es ist ein Triumph der Mehrheit. Deswegen glaube ich, daß weiße Menschen ihre Sachen niemals in die Reihe kriegen können. Immer sind sie in Hunderte von Fraktionen zersplittert. Ihr demokratischer Entscheidungsprozeß hält sie in diesem Zustand. Jedesmal, wenn eine Übereinkunft erreicht ist, wird ein großer Teil der Bevölkerung - die Minderheit - unterdrückt. Besiegt. Deshalb gibt es nie irgendeine wirkliche Übereinkunft. Dafür aber eine verdammte Menge Bitterkeit und Haß.

Wilfred Peletier in:
Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Diese Kritik trifft, hm, ein bisschen zu - aber sie ist zu grob gekeilt; sie lässt das System der checks and balances und überhaupt die kompletten Funktionen des Interessenausgleichs außenvor.

Das fällt besonders auf, wenn man parallel auch die neue Autobiografie ENTSCHEIDUNGEN von Hillary Clinton über ihre Zeit als amerikanische Außenministerin schmökert. Wie oft sie da von parteiübergreifenden Gesprächen berichtet, von Republikanern und Demokraten, die versuchen, gemeinsam eine tragfähige Entwicklung in Gang zu setzen ... lauter kleine Teams von Rivalen ... eine mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte Qualität der amerikanischen Demokratie seit den Zeiten Abraham Lincolns, also immerhin schon seit den 1860ern.

Für gereifte Demokratien gilt das Gebot der Einbindung der unterlegenen Seite erst recht - bestes Beispiel derzeit: Wie das Verhältnis zwischen Schottland und dem Vereinigten Königreich jetzt neu ausgehandelt werden wird.

Das übersehen Demokratie-Kritiker immer gern - wie auch die Tatsache, dass Demokratie einen Werkstattcharakter hat und immer genau dann stattfindet, wenn es stinkt und kracht. Anderenfalls kommt höchstens so eine geschmeidige, vernünftige, leise Scheindemokratie dabei heraus wie im Zukunftsteil von Sibylle Bergs großartigem Roman VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN - noch so eine Lektüre, die sich gerade immer kräftig in die anderen Bücher, die ich mir einverleibe, einmischt.

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