Donnerstag, 25. September 2014

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle braucht ein neues Dach

Nehmen wir einmal an, die Ratshalle einer indianischen Gemeinschaft braucht ein neues Dach [...] Nun, alle wissen davon. Die ganze Zeit hatte es schon hier und da durchgeregnet, und es wird immer schlimmer. Die Leute haben wohl auch schon darüber gesprochen und gesagt: "Ich glaube, das alte Gemäuer braucht ein neues Dach." Und dann ist da eines Morgens auf einmal ein Typ auf dem Dach, der die alten Schindeln herunterreißt, und unten auf der Erde liegen mehrere Haufen von neuen, handgemachten Holzschindeln - wahrscheinlich nicht genug, um die ganze Arbeit fertig zu[ ]bekommen, aber genug, um erst einmal damit anzufangen. Nach einiger Zeit kommt dann ein anderer Typ vorbei und sieht den ersten auf dem Dach. Er geht zu ihm 'rüber, aber er sagt nicht etwa: "Was machst du denn da oben?"[,] weil das ja offensichtlich ist. Er würde statt dessen sagen: "Wie sieht's denn aus da oben? Ganz schön verlottert, was?" Irgend etwas in der Richtung. Und dann zieht er weiter, doch schon bald ist er mit einem Hammer oder einer Schindelaxt zurück und vielleicht ein paar Schindelnägeln oder ein paar Rollen Dachpappe. Am Nachmittag arbeitet schon ein ganzer Trupp auf dem Dach, unten hat sich ein Stoß von Material auf der Erde angesammelt, Kinder nehmen die alten Dachziegel fort - nehmen sie zum Anfeuern mit nach Hause -, Hunde bellen, Frauen bringen kalte Limonade und belegte Brote.

Die ganze Gemeinschaft ist dabei, und es gibt eine Menge Spaß und Gelächter. Vielleicht taucht am nächsten Tag ein anderer Typ mit noch mehr Dachziegeln auf. Nach zwei oder drei Tagen ist die ganze Arbeit fertig, und alles findet darin seinen Abschluß, daß man eine Riesenfete in der "neuen" Ratshalle abhält. Und das alles nur, weil ein Typ sich dazu entschloß, die Halle neu zu decken. Wer war nun dieser Typ? War er ein einzelnes, isoliertes Individuum? Oder war er die ganze Gemeinschaft? Wie kann man das sagen? Keine Versammlung ist einberufen worden, keine Komitees wurden gebildet, keine finanziellen Mittel erhoben. Es gab keine Streitereien darüber, ob das Dach mit Aluminium, Kunststoff, Blech oder Ziegeln gedeckt werden sollte, was das Billigste wäre, was am längsten halten würde und so weiter. Es gab keinen Meister dabei, niemand wurde eingestellt, und kein Mensch stellte das Recht dieses Typen in Frage, das alte Dach herunterzureißen. Und dennoch muß eine gewisse Form von "Organisation" geherrscht haben - weil nämlich die Arbeit fertig wurde. Und sie wurde viel schneller fertig, als wenn man richtige Dachdecker eingestellt hätte. Und vor allem: Es war keine Arbeit, es war Spaß!

Wilfred Peletier, Anishinaabe
aus: Sabine Kückelmann, LOOK INTO THE HEART. LEBEN IN ZWEI WELTEN (1995)
Art Stock, nur noch antiquarisch erhältlich

Dieser Kunstband mit Fotografien von Sabine Kückelmann und eigenen Texten der Portraitierten ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Wenn ihr nur ein einziges Buch über heutige nordamerikanische Indianer lesen wollt, dann nehmt dieses! Es kommen Angehörige aller möglichen Stämme zu Wort; ob alt oder jung, männlich oder weiblich, in der Stadt oder auf dem Land lebend, alle erzählen sie ihre Geschichte.

Drüben bei Sabine Kückelmann könnt ihr fünf kleine Blicke in das Buch werfen.

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