Montag, 22. September 2014

Hasen-was?

Lona hat ja neulich in den Kommentaren schon schön erklärt, was Hasenbrot ist.

In den gesammelten Kindheitserinnerungen meines Straßennachbarn Manfred Bofinger habe ich auch noch etwas darüber gefunden:

[N]ichts war so überwältigend schmackhaft wie eine tagalte Klappstulle, die mein Vater von der Arbeit wieder nach Haus brachte, um mich zu erfreuen. Vermutlich hat er sie sich morgens nur deshalb einpacken lassen, um sie abends für mich übrig zu haben.

Die Klappstulle war weich und aromatisch durchzogen vom Aufschnitt oder Belag, der zwischen den Brotscheiben noch eine Galgenfrist hatte, bevor er von mir verschlungen wurde.

Hasenbrot übertraf alle weltlichen Erwartungen und Angebote.

aus: Manfred Bofinger, DER KRUMME LÖFFEL. MINIATUREN EINER KINDHEIT (1998)
bei Aufbau

Manfred Bofinger ist 2006 gestorben, die meisten seiner Zeichnungen, mit denen er einige Geschäfte und Lokale im Kiez verschönert hatte, sind längst verschwunden, und auch den KRUMMEN LÖFFEL gibt es nur noch antiquarisch, was sehr, sehr schade ist.

Denn das Buch ist eigentlich Pflichtlektüre für alle Berliner, ob West oder Ost, die sich für die unmittelbare Nachkriegsgeschichte interessieren - eine sehr sonnige Pflicht wohlgemerkt, denn Bofinger hat diese Geschichten erzählt, "weil ich weiß, daß die Jahre der Notbehausungen, der eiskalten Winter und des Hungers aus Kindersicht mitunter auch vergnüglich und freundlich waren." Er fügt hinzu: "Sollten Püppi, Siggi, Segelohr, Güdoi, Detlef, Peter oder Hansi von diesem Buch erfahren und Lust haben, sich bei mir zu melden, wäre das prima."

Ja, so war er, der Herr Bofinger mit seiner "treffliche[n] Glatze". Ich hoffe, er hat damals tatsächlich ein paar von seinen Freunden wiedergefunden.

Hier noch die Signatur mit seiner schönen, raumgreifenden Schrift:


Das Buch lag eines Tages überraschend in der kleinen Pizzeria am Ende der Straße für mich bereit. Der "Pizzamann", wie mein damals noch kleiner großer Sohn den Wirt nannte, hatte Bofinger von dem Schriftsteller erzählt, der in derselben Straße wohnte und ebenfalls Stammgast in dem Lokal war.

1 Kommentar:

lapismont hat gesagt…

Ich hab mit Bofinger Französisch gelernt. Die ganze Reihe der Bonjour chers amis-Schulbücher hatte er illustriert.

Und Atomino! Ach ja.

Was für ein Hasenbrot!