Montag, 1. September 2014

Gelesen: T.C. Boyle, GRÜN IST DIE HOFFNUNG (USA 1984)

Worum geht's?

Ein ehemaliger CIA-Agent heuert einen Botaniker und einen Hippie für den großflächigen Anbau von Marihuana in den Bergen von Kalifornien an; am Ende soll durch drei geteilt werden. Der Hippie will diese seine wohl letzte Chance, den amerikanischen Traum zu leben, unbedingt nutzen.

Wie ist das Buch geschrieben?

Der Hippie berichtet als Ich-Erzähler.

Was gefiel nicht so?

Boyle ist einer dieser Autoren, die einem ständig unter die Nase reiben müssen, wie toll sie schreiben können. Sie sind wie kleine Kinder, die schreien: "SCHAU, MAMA! OHNE HÄNDE! MAMA, SCHAU!" Das hat er hier zum Glück ziemlich im Griff, dank der einschränkenden Konstruktion mit dem Ich-Erzähler.

Was gefiel?

  • Das Buch ist zum Brüllen komisch, zudem aberwitzig.
  • Der CIA-Mann ist eine herrlich schräge Type, die ich abwechselnd gehasst habe und cool fand.
  • Ich mag Bücher von selbstkritischen, frechen Hippies, und so einer ist Boyle.

Gute Stelle?

Der Roman ist mit Boyle-typischen Bonmots durchsetzt, zum Beispiel auf Seite 30 dieses hier über einen Polizisten. Deutsch angemessen locker von Werner Richter:

[I]n seinen Augen funkelte der fanatische Schimmer der Rechtschaffenheit, den man sonst nur in den Augen islamischer Fundamentalisten sieht.

Und auf Seite 258, als das Anbauprojekt in einer tiefen Krise steckt:

[...] und wenn es scheiterte, nach all den Bächen von Schweiß, den Hoffnungen und Anstrengungen, die wir darin investiert hatten, dann war die Gesellschaft selbst ein Betrug, die Pioniere ein Riesenschwindel, dann waren Unternehmungsgeist, Wagemut und in die Hände spuckende Zuversicht genauso sinnlos wie die Mandeln oder der Blinddarm. Wir glaubten an Selfmademen wie P.T. Barnum, Ragged Dick, Diamond Jim Brady, an Andrew Carnegie, D.B. Cooper und Jackie Robinson. An die klassenlose Gesellschaft, an Mobilität nach oben, an das Gesetz des Dschungels. Wir hatten alle Filme darüber gesehen, all die Bücher gelesen. Wir zweifelten nie daran, daß wir es schaffen würden, daß wir eines Tages als reiche Säcke in einer Villa mit Blick über die Stadt sitzen würden. Niemals. Keinen Augenblick lang. Denn: was sollte sonst aus uns werden?

Ja, genau: "was sollte sonst aus uns werden?" Sehr schön erzählt, wie sich der Mut der Verzweiflung anfühlt.

Zu empfehlen?

Aber ja. Ich habe das Buch nach sieben Jahren im Juni zum zweiten Mal gelesen. Es ist eines der geradlinigsten von Boyle.

Wo aufgestöbert?

Eine Freundin meiner Liebsten hatte mir mal zum Geburtstag THE TORTILLA CURTAIN geschenkt; der Roman über Gutmenschen und Flüchtlinge hatte mich sehr beeindruckt, und so habe ich mir irgendwann mal ein Dutzend weitere Bücher von Boyle zugelegt, diese schönen grünen dtv-Ausgaben mit zeitgenössischen Gemälden drauf:

(Eigenhändiger Scan vom gelesenen Exemplar. Taschenbuch, 442 Seiten. dtv, München, 14. Auflage Dezember 2005)

Und sonst?

"Romane sind wie Rockkonzerte", hat Boyle mal gesagt. "Entweder bringst du die Leute zum Tanzen oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf."

Oder, möchte ich anmerken, sie verlassen zwischendurch die Konzerthalle und quatschen lieber draußen mit Freunden. Das ist mir mit Boyles Romanen schon öfters passiert; es gibt keinen Autor, von dem ich mehr Bücher mittendrin abgebrochen habe und trotzdem weiterhin jeden Roman ausprobiere. Dieser hier hat mich zum Tanzen gebracht.

Kommentare:

Peter hat gesagt…

Schöner Tipp, Frank. Passiert nicht so oft, dass ich beim Lesen einer Passage laut lachen muss – das Buch kommt auf meinen leider viel zu großen "Les ich irgendwann"-Stapel!

Frank Böhmert hat gesagt…

Fein, Peter, das freut mich! Genau dafür lobe ich ja hier immer die Bücher, die ich gut fand.