Sonntag, 28. September 2014

Erstarrter Sturm?

Nach zwei einführenden Kapiteln spielt die Handlung für gefühlte zehntausend Seiten auf dem nächtlichen Meer. Ein Schiff versinkt im Sturm. Aber es sinkt nicht einfach. Es passiert fast gar nichts mehr. Hugo schreibt und schreibt und schreibt über Alles und Nichts, gelehrt, in einem Stil, den heute niemand mehr beherrscht - und in all dieser Wortflut gerinnt jegliche Handlung, selbst die denkbar dramatischste, zur Erstarrung.

Heute würde ein Lektor kommen und die ersten zweihundert Seiten auf vierzig zusammenstreichen. Selig die Zeiten, in denen die Diktatur des Lektorats noch nicht sämtliche Literatur in ihrem Würgegriff der Machbarkeiten und des Gängigen hielt. Selig wir Leser, die wir Hugos Gedankenfeuerwerk in all seiner Vielfalt und Wucht folgen dürfen, Seite um Seite um Seite, bis das Schiff endlich versunken ist und der Roman - erst danach, nach mehreren hundert Seiten - die eigentliche Hauptfigur einführt.

Epischer Atem ergibt epischen Sturm ergibt episches Versinken aller Leser.

Der geschätzte Berliner Kollege Tobias O. Meißner in seinem Vorwort zum ersten Band von
Victor Hugo, DER LACHENDE MANN (1869),
in vier Teilbänden bei Golkonda

Ich bin gespannt!

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